"Hosanna" in Zeiten von Corona?
Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

"Hosanna" in Zeiten von Corona?

Ein Palmsonntag ohne Prozession und eine ganze Karwoche ohne gemeinsamen Gottesdienst? Auch Pater Philipp geht mit einem seltsamen Gefühl in diese Zeit. Kraft gibt unserem Autor der ungeahnt neue Blick auf Jesus als sanftmütigen Friedenskönig.

Von P. Philipp König OP |  Frankfurt am Main - 04.04.2020

Impuls von Pater Philipp König

Ich gehe in diese Karwoche mit einem mulmigen Gefühl hinein. Irgendwie ist alles anders, denn Corona hat kurzerhand alles auf den Kopf gestellt. Die Bilder von einsam sterbenden Menschen und die Zeugnisse von verzweifeltem Pflegepersonal tun mir in der Seele weh. Viele bangen um ihre Gesundheit, um ihr wirtschaftliches Überleben und um die Zukunft ihrer Familie. Wer hätte damit gerechnet, dass wir jemals eine solche Situation erleben müssen?

Und dennoch beginnt heute am Palmsonntag die für uns wichtigste Woche des Jahres. Mit der Feier von Tod und Auferstehung Jesu Christi als dem Zentrum unseres Glaubens. Dass es in diesem Jahr keine öffentlichen Gottesdienste geben wird, trifft viele hart und unvermittelt. Natürlich lassen sich Formen finden, um diese Tage auch bei geltendem Versammlungsverbot bewusst aus dem Glauben heraus zu gestalten: ob man einen Gottesdienst via Internet mitfeiert, vermehrt in der Heiligen Schrift liest oder eine Hausandacht im Kreis der Familie hält. Da gibt es – Gott sei Dank! – tolle und vielfältige Möglichkeiten. Und doch fehlt vielen etwas ganz Wesentliches. Eine Bekannte schrieb mir: "Ich vermisse meinen Gottesdienst... Bei dem Gedanken, dass es keinen Ostergottesdienst geben wird, wird mir ganz schwer ums Herz."

Ich persönlich habe das Glück, die Gottesdienste zumindest in der kleinen Gemeinschaft unseres Klosters begehen zu können. Doch das verlangt uns Brüdern einiges ab: Wir vermissen die Menschen, die sonst mit uns gemeinsam in unserer Kirche Gottesdienst feiern! Wir tun es trotzdem, auch stellvertretend für sie, nachdenklich und in aller Schlichtheit. Wir tun es, weil viele uns gerade jetzt um unser Gebet bitten. Am Telefon oder per Mail versichern sie, dass sie sich in dieser Krise ganz besonders mit uns verbunden fühlen: "Wir sind so dankbar, dass wenigstens ihr 'weitermacht‘."

Dennoch fühlt es sich komisch an: Gerade den Palmsonntag mit seinen Traditionen habe ich besonders liebgewonnen: die Palmprozession mit vielen Leuten, den festlichen Gesang des "Hosanna", den Duft von frischem Buchsbaum, das alljährliche Gerangel um die letzten verbliebenen Palmzweige… All das, was sonst einfach dazugehört, wird es diesmal nicht geben. Ist das überhaupt eine "richtige" Karwoche? Wird das ein "richtiges" Osterfest werden?

Jesus, der auf einem Esel sitzt und in Jerusalem einzieht – dieses Bild will mir nicht aus dem Kopf! Jesus muss doch geahnt haben, was ihn erwartete, dass die Stimmung bald kippen würde. Es war sein Ende, dem er da entgegenritt, die fundamentale Krise seines Lebens. Die Menge, die ihm jetzt noch voller Begeisterung "Hosanna" zuruft, sollte sich schon bald in einen brüllenden Mob verwandeln, der voller Hass seinen Tod fordert: "Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!"

Die Karwoche führt uns eindrücklich vor Augen, wie plötzlich die Dinge umschlagen können. Aus Jubel wird kurzerhand blanke Verachtung. Die Erlöserfigur wird zum Hassobjekt. So gnadenlos können Menschen sein! Gerade die Dynamik einer Menschenmenge kann Gefühle befeuern und kanalisieren im Positiven wie im Negativen. Die Macht der Gruppe hat viele Stärken, doch sie birgt auch Gefahren.

Vielleicht liegen darum in dieser sehr speziellen Karwoche, wo weder eine Palmprozession noch irgendein anderer öffentlicher Gottesdienst stattfinden wird, auch ganz ungeahnte Chancen! Die unfreiwillige Klausur, der schmerzhafte Verzicht auf die sichtbare Gemeinschaft zwingt mich nämlich, mir meiner persönlichen Gottesbeziehung neu bewusst zu werden. Was bleibt von meinem Glauben, wenn ich ohne das Stützende der gewohnten Gottesdienstgemeinde auskommen muss? Wer ist Jesus für mich, wenn ich wirklich einmal "ganz alleine" (oder höchstens im allerkleinsten Kreis) vor ihm stehe?

Die Krise führte Jesus durch Leiden und Tod hindurch zur Auferstehung. Hoffentlich wird die aktuelle Krise auch uns weiterbringen. Etwas stellvertretend für andere zu tun, in dieser Situation, wo die einen ständig aufeinanderhocken müssen, während andere nur noch isoliert in ihrer Bude sitzen, ist in der Tat eine Herausforderung! "Abzurüsten", auch rhetorisch, wenn im Netz wieder Hass und Missgunst verbreitet wird, wenn allzu schnell der Stab über andere gebrochen wird, die Hetze ihre Sogwirkung entfaltet... Vielleicht kann diese Krisenzeit, in der wir ganz auf uns zurückgeworfen sind, eine gute Übung sein. Vielleicht will uns der Friedenskönig (vgl. (Sacharja 9,9) auf ganz neue und ungeahnte Weise begegnen. Gerade jetzt, in dieser Karwoche, die so anders ist als jemals zuvor!

Von P. Philipp König OP

Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 21,1-11)

Als sie sich Jerusalem näherten und nach Betfage am Ölberg kamen, schickte Jesus zwei Jünger aus und sagte zu ihnen: Geht in das Dorf, das vor euch liegt; dort werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Fohlen bei ihr. Bindet sie los und bringt sie zu mir!

Und wenn euch jemand zur Rede stellt, dann sagt: Der Herr braucht sie, er lässt sie aber bald zurückbringen.

Das ist geschehen, damit sich erfüllte, was durch den Propheten gesagt worden ist: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir. Er ist sanftmütig und er reitet auf einer Eselin und auf einem Fohlen, dem Jungen eines Lasttiers.

Die Jünger gingen und taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte. Sie brachten die Eselin und das Fohlen, legten ihre Kleider auf sie und er setzte sich darauf. Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf dem Weg aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.

Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm nachfolgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!

Als er in Jerusalem einzog, erbebte die ganze Stadt und man fragte: Wer ist dieser? Die Leute sagten: Das ist der Prophet Jesus von Nazaret in Galiläa.

Der Autor

Pater Philipp König gehört dem Dominikanerorden an und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Patristik und Antikes Christentum an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt/Main. Außerdem ist er als Postulatsleiter in der Ordensausbildung tätig.

Ausgelegt!

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