Mutig machen statt zerreden: Kirchenentwicklung per Hackathon
750 Christen und 50 Projekte bei #glaubengemeinsam

Mutig machen statt zerreden: Kirchenentwicklung per Hackathon

Vieles dauert sehr lange in der Kirche – nicht beim Hackathon #glaubengemeinsam: Ein Wochenende lang haben Hunderte Christen Projekte für die kirchliche Zukunft entwickelt. Theologin Maria Herrmann begleitete die Projekte als Mentorin. Ein Interview.

Von Felix Neumann |  Bonn/Hannover - 06.04.2020

750 Christen haben ein Wochenende lang Projekte entwickelt: Beim "Hackathon #glaubengemeinsam" ging es darum, "mutig und innovativ" an Ideen zu arbeiten, "wie Glaube, Gemeinde und Gemeinschaft vor Ort – egal ob analog oder digital – gelebt werden kann", so die Projektbeschreibung. Das Format stammt aus der IT-Welt, die Idee für eine kirchliche Version kam aus der evangelischen Kirche: Die Jugenddelegierten der Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) wollten damit die Zeit der Corona-Krise produktiv nutzen, um gemeinsam die Kirche voranzubringen. Über 50 Projekte sind bei dem Entwickler-Marathon entstanden – von der Plattform für Freiwillige aus dem globalen Süden über Ideen für ökumenische Hauskreise bis zu Apps und digitalen Gebetsformaten.

Zu den Unterstützern gehört neben verschiedenen evangelischen Organisationen auch das Bistum Hildesheim. Für die Diözese war Maria Herrmann am Hackathon beteiligt. Die Theologin  beschäftigt sich mit Kirchenentwicklung und hat die Projekte als Mentorin begleitet. Jetzt gehört sie zu der ökumenischen Expertenrunde, die die Gruppen unterstützt, möglichst viele der Ideen umzusetzen.

Frage: Frau Herrmann, was ist eigentlich ein Hackathon?

Herrmann: Bei einem Hackathon kommen viele verschiedene Leute zusammen, die ganz konkret, ganz schnell an Projekten arbeiten wollen. Das Format kommt aus der  Hacker-Szene. Die Idee ist, Dinge so schnell wie möglich umzusetzen nach dem Prinzip "better done than perfect", also "gemacht ist besser als perfekt".

Fragen: Machen das Christen anders als die typischen Programmierer?

Herrmann: Der Unterschied zum "weltlichen" Hackathon waren vor allem die Andachten, mit denen wir das Wochenende begleitet haben – und natürlich die Themen der Projekte. Ansonsten war es ganz ähnlich wie bei "weltlichen" Veranstaltungen: Die Hackathons, bei denen ich bisher mitgemacht habe, waren auch von einem Geist des gegenseitigen Helfens geprägt, da würde ich keinen großen Unterschied machen.

Frage: Kirchliche Strukturen sind aber in der Regel nicht unbedingt von Agilität geprägt. Vieles wird in althergebrachten, gewachsenen Strukturen und Gremien beraten und entschieden. Was kann man da aus dem Format Hackathon lernen?

Herrmann: Woran wir in der Kirche arbeiten müssen, ist dieser Geist von "einfach mal machen", nicht alles zerreden, Leichtigkeit suchen. Ignatius von Loyola spricht von "Großmut", das finde ich ganz passend. Formen wie ein Hackathon können dabei helfen, in Kirchenentwicklungsprozessen eine solche Haltung einzunehmen. An solchen Kulturfragen müssen wir in der Kirche arbeiten.

Frage: Und wie konkret? Was lässt sich vom Kirchen-Hackathon in den Kirchen-Alltag übertragen?

Herrmann: Wie gesagt: "Better done than perfect". Zum Hackathon gehört es, am Ende eine Idee zu präsentieren. Bei uns war das ein zweiminütiges Video. Das wünsche ich mir auch für den kirchlichen Alltag: Nicht alles lange durchdiskutieren, sondern einen Prototypen, Ideen auf die Straße bringen. Das weckt Energien und wirkt ansteckend und motivierend. Diese Haltung lässt sich hoffentlich übertragen: Es braucht weder den 48-Stunden-Sprint noch die digitale Arbeitsumgebung. Stattdessen: Einfach eine Idee spinnen, sie laut träumen, darüber in den Austausch kommen – das wäre ein produktiver Kulturwandel.

Maria Herrmann

Maria Herrmann ist Referentin in der Hauptabteilung Pastoral im Bistum Hildesheim.

Frage: Die Idee zum Hackathon hatten die Jugenddelegierten in der Synode der EKD. Wie kam das Bistum Hildesheim dazu, Projektpartner zu werden?

Herrmann: Wir wurden gefragt. Im Bistum Hildesheim haben wir ein großes Herz für die Ökumene, und daher war schnell klar, dass wir dabei sind. Wenn sich solche Projekte ökumenisch weiten, schafft das Räume für zusätzliche Menschen.

Frage: Hat sich das auch bei den Teilnehmenden niedergeschlagen?

Herrmann: Ja, die Vielfalt der Konfessionen war groß, ungefähr so divers wie die konfessionelle Landschaft in Deutschland insgesamt, es waren auch nicht nur landeskirchlich-evangelische und katholische Christen dabei.

Frage: Waren die Projekte selbst auch ökumenisch?

Herrmann: Das war bunt gemischt, immer an den Inhalten orientiert. Es hat alles damit begonnen, dass Ideen gesammelt wurden, um diese Ideen haben sich dann Arbeitsgruppen gesammelt. Dabei hat sich gezeigt: Was an Ideen in den Köpfen und Herzen steckt, ist meistens schon ökumenisch. Dadurch waren die Projektgruppen dann auch nicht nach Konfessionen, sondern nach Interessen zusammengesetzt. Mich hat begeistert, wie viel Vertrauen 750 Menschen zueinander finden können, die vorher im Prinzip Fremde waren. Wie entspannt, achtsam und großherzig die Gruppen miteinander Ideen gesponnen haben.

Frage: In den letzten Wochen war zu sehen, dass viele in der Kirche erstmals digitale Methoden intensiv genutzt haben. War das beim Hackathon auch so?

Herrmann: Ja, viele haben zum Beispiel berichtet, dass sie zum ersten Mal mit Videokonferenzsystemen oder virtuellen Arbeitsumgebungen gearbeitet haben. Es waren natürlich einige dabei, die das schon lange machen. Aber die haben dafür gesorgt, dass alle anderen gut mitkommen können. Das habe ich in den vergangenen Wochen ohnehin oft bemerkt: Die Pioniere, die seit Jahren und Jahrzehnten Kirche online gestalten, helfen den Neuen und nehmen sie mit.

Frage: Gibt es Projekte, von denen Sie interessante ökumenische Impulse erwarten?

Herrmann: Eine Gruppe hat sich damit beschäftigt, wie man die Pioniere in der "digitalen Kirche" besser vernetzt. Ich vertrete schon lang die These, dass in der digitalen Welt die Konfessionen eher sekundär eine Rolle spielen und dann auch nur in Hinblick darauf, was sie als Schätze mitbringen. Daher ist die Vernetzung hier sehr wertvoll. In einer anderen Gruppe ging es um christliche Hausprojekte, und eine weitere hat überlegt, wie man Haupt- und Ehrenamtlichen bessere theologische Ressourcen zur Verfügung stellen kann. Das sind auch Dinge, bei denen man von vielfältigen ökumenischen Erfahrungen profitiert.

Frage: Das klingt nicht nach Projekten unmittelbar für die Bewältigung der Corona-Krise. Gab es auch typische Krisenprojekte?

Herrmann: Ein paar Krisenprojekte gab es, etwa für die Kommunikation mit isolierten und einsamen Menschen. Ich hatte aber insgesamt den Eindruck, dass es am Wochenende um größere Visionen ging. Für viele war das auch ein Abschalten von der Krise, aber produktiv: Weiterdenken für die Zeit nach der Krise.

Frage: Und wie geht es jetzt weiter?

Herrmann: In den nächsten Tagen sichtet eine Jury die Ergebnisse – nicht um Preise zu verteilen, sondern um zu schauen: Was könnte nachhaltig eine Chance haben? In welcher Form können wir Projekte mit Organisationen oder Geldgebern verknüpfen? In der Jury sitzen Leute, die schon Erfahrung mit Kirchenentwicklung haben. Neben der Projektarbeit gibt es auch die Idee, die Community weiter zu vernetzen, die sich gebildet hat. Da sind die EKD-Jugenddelegierten gerade dran – damit es in dem Spirit weitergehen kann, der sich übers Wochenende entwickelt hat.

Von Felix Neumann

Die Projekte von #glaubengemeinsam

Die Gruppen haben ihre Projektideen in Videos vorgestellt, die auf YouTube zu sehen sind.