Gegen den Corona-Koller: Katholische Jugendagentur gibt Familien Tipps
Ratgeber soll Eltern und Kindern helfen

Gegen den Corona-Koller: Katholische Jugendagentur gibt Familien Tipps

Seit Wochen bleiben Menschen zu Hause, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen. Das trifft insbesondere auch Familien: Eltern im Homeoffice, Langeweile bei den Kindern, alle hocken aufeinander. Eine katholische Jugendagentur möchte helfen.

Von Gabriele Höfling |  Köln - 18.04.2020

Leonardo Silva-Seiler, 10-jähriger Schüler aus Köln-Mühlheim, seufzt. Und sagt einen Satz ins Telefon, den er so noch vor wenigen Wochen womöglich nicht für möglich gehalten hätte. "Ich würde gern wieder in der Schule gehen." Denn zurzeit sei "sich langweilen" eine seiner Hauptbeschäftigungen. Schon in der vierten Woche befinden er und seine Familie sich jetzt im zwangsverordneten Homeoffice. Während Mutter Adriana Ligia Silva, die in Brasilien geboren wurde, ganz normal zur Arbeit geht, befinden sich Vater Joachim und sein Sohn im Homeoffice – und machen das Beste daraus.

"Es gibt gute Tage und es gibt schlechte Tage, es ist ein Auf und Ab", sagt Joachim Seiler unverblümt. Um allzu große Stimmungstiefs zu vermeiden, versuchen er und sein Sohn, sich aufeinander einzustellen und den Tag trotz Ferien gut zu strukturieren. Leonardo telefoniert regemäßig mit seinen Freunden, die ganze Familie macht Sport mit Hilfe des Youtube-Tutorials der Basketballer von Alba-Berlin. Tipps, wie Eltern und Kinder die Zeit zu Hause am besten meistern können, gibt es viele. Die Silva-Seilers haben auch einen Ratgeber der Katholischen Jugendagentur (kja) Köln für sich entdeckt. "Den Stressball finde ich sehr hilfreich, wenn mir mal etwas auf die Nerven geht", sagt Joachim Seiler. "Und ich befolge auch den Tipp, ein paar körperliche Übungen zu machen, bevor ich mich an den Schreibtisch setze." So startet es sich gleich viel wacher und konzentrierter in den Tag.

Wie Familien Krisen umgehen können

Mit ihrem "Ratgeber für Eltern und Kinder für die Zeit der Schulschließung" wendet sich die kja Köln präventiv an Familien, damit in Corona-Zeiten Krisen möglichst gar nicht erst aufkommen. "Gerade in großen Städten müssen es Familien jetzt lange Zeit zusammen in zum Teil recht kleinen Wohnungen miteinander aushalten", erklärt Sabrina Esser. Die Schulsozialarbeiterin der kja arbeitet normalerweise in einer katholischen Grundschule in Köln-Mülheim. Teile des Stadtteils gelten als sozialer Brennpunkt. Der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund an der Schule liegt bei 90 Prozent. Als klar wurde, dass Esser und ihre 17 Kollegen an anderen Kölner Schulen erst einmal nur noch eingeschränkt für die Schüler da sein können, kam die Idee für den Ratgeber auf, berichtet Esser.

Eine Familie betet

Ein Ratschlag: Die Struktur beibehalten. Dazu gehören auch gemeinsame Mahlzeiten mir der gesamten Familie.

Weiter eine feste Tagesstruktur einzuhalten, ist einer der wichtigsten Tipps: Dazu gehört Aufstehen täglich etwa zur gleichen Uhrzeit, Aktivitäten im Freien und gemeinsame Mahlzeiten von Frühstück bis Abendessen. "Eltern haben da eine Vorbildfunktion. Wenn die Kinder morgens aufstehen, sich anziehen und Schulaufgaben erledigen, während Vater und Mutter in der Jogginghose vor dem Fernseher herumhängen, ist das nicht sehr hilfreich", so Esser.

Auch das Zubettgehen sollte nicht immer weiter in die Nacht hinein verschoben werden, empfiehlt der Ratgeber: "Sie, als Eltern können ihr Kind darin unterstützen und feste Abendrituale wie Vorlesen, gemeinsam ein Hörbuch hören oder ähnliches vor dem Schlafengehen einbauen", heißt es dort.

Wenn dann doch einmal die Wut aufkommt

Die Broschüre macht auch konkrete Vorschläge für gemeinsame Spiele, für die man nichts braucht als die eigene Fantasie. Besonders gut in Zeiten von Corona sind Bewegungsspiele wie das "Spiegelspiel". Dabei macht ein Familienmitglied bestimmte Bewegungen vor und die andere versuchen, sie nachzumachen – aber spiegelbildlich. Der Stressball, den Joachim Seiler ausprobiert hat, hilft weiter, wenn die Arbeit oder die Hausaufgaben gerade nicht so recht von der Hand gehen wollen: Einfach einen Luftballon aufblasen, dann die Luft wieder rauslassen, stattdessen Sand hineinfüllen und oben einen Knoten rein, zum Schluss noch ein Gesicht mit einem Edding-Stift darauf malen: Fertig ist der Stressball, der nun nach Belieben durchgeknetet werden kann, um Aggressionen abzubauen. "Wenn in dir nun Stress oder Wut aufkommt, kannst du durch das Kneten des Ballons deine Gefühle rauslassen", erklärt dazu der Ratgeber.

Jenseits der Broschüre versucht Sabrina Esser, so gut wie möglich auch persönlich den Kontakt mit den Schülern zu halten. Über Anrufe oder Sprachnachrichten per WhatsApp kommt sie zumindest einigen von ihnen ins Gespräch. Manchmal helfen auch schon sehr elementare Infos weiter. "Ich hatte zum Beispiel ein Gespräch mit einer alleinerziehenden Mutter, die total dankbar war, als ich ihr erzählte, dass sie mit ihren Kindern trotz Corona weiterhin unter bestimmten Bedingungen nach draußen darf", erzählt Esser. Unter den Familien, mit denen sie zusammenarbeitet, sind auch Analphabeten oder Flüchtlingsfamilien mit großer Sprachbarriere, denen es schwerfällt, die jetzige Informationsflut zu durchschauen.

Man sieht Vater, Mutter und zwei Kinder.

Ein Spaziergang mit der Familie: Gerade zu Corona-Zeiten eine willkommende Abwechslung für alle – natürlich unter den nötigen Schutzmaßnahmen.

Um Konflikte zu vermeiden, rät Sabrina Esser vor allem, keinen Druck auf die Kinder auszuüben. Auch, wenn etwas einmal nicht so klappe wie geplant, sei das gerade in Zeiten von Corona keine Katastrophe. Bei den Kontakten, die sie bisher mit den Schülern hatte, seien aber keine "Akutfälle" dabei gewesen, berichtet sie. "Die meisten wollten einfach nur mal ein bisschen erzählen, wie es geht." Wie und ob Corona zu ernsten Krisen oder gar Gewalt in Familien führe, das werde aber wahrscheinlich erst nach der Krise sichtbar, glaubt die 33-Jährige. "Ich kann mir schon vorstellen, dass dann auch einige Schüler von Auseinandersetzungen und Streits in den Familien erzählen und ihnen die Zeit zu Hause recht lang vorkam."

Eine Möglichkeit, jenseits des Internets echten physischen Kontakt mit ihren Schützlingen aufzunehmen, bietet sich aber schon jetzt: Ein Sponsor hat Spielepakete für Familien organisiert, die Esser und ihre Kollegen bei denen vor der Haustür ablegen – natürlich unter Wahrung der Regeln zum Abstandhalten.

Viel gespielt wird im Moment auch bei der Familie Silva-Seiler. Vater Joachim entdeckt ganz neue Züge an seinem Sohn: "Inzwischen freut der sich total auf Spaziergänge draußen mit dem Hund. Vor Corona fand er das noch langweilig." Und wenn die Familie draußen ist, dann fällt Joachim Seiler auch ein geändertes Verhalten der anderen Spaziergänger auf – eine neue Rücksichtnahme. "Ich habe das Gefühl, dass Menschen in Situationen lächeln, wo sie vor ein paar Wochen noch die Ellenborgen ausgefahren hätten – zum Beispiel, wenn man Platz machen muss, um Abstand zu wahren", erklärt er. So kann Corona bei allem Übel als etwas Positives bringen.

Von Gabriele Höfling