Warum Franziskus so viele Gegner hat
Traditionalisten und Populisten

Warum Franziskus so viele Gegner hat

Papst Franziskus ist weltweit beliebt – und hat doch wortstarke Gegner. In seinem Gastbeitrag beschreibt der britische Vatikan-Journalist Christopher Lamb, was die Widersacher des Pontifex bewegt und warum sie vor allem unter den Mächtigen anzutreffen sind.

Von Christopher Lamb |  Rom - 28.04.2020

Sechs Tage nach seiner Wahl zum 266. Nachfolger Petri kehrte Papst Franziskus in das Gästehaus zurück, in dem er vor dem Konklave übernachtet hatte – um seine Rechnung zu bezahlen. Ein Foto davon ging um die Welt und festigte das Bild eines Kirchenoberhaupts, das etwas Demut und Normalität in das Papstamt bringen wollte.

Darüber waren nicht alle glücklich. "Ich sehe es nicht gerne, dass der Papst am Hoteltresen steht, um seine Rechnung zu bezahlen", twitterte Donald Trump, damals ein einfaches Mitglied der weltweiten Geldelite. "Das gehört sich für einen Papst nicht!" Die Reaktion des mittlerweile zum US-Präsidenten gewählten Trumps war ein erster Hinweis auf das, was dieses Pontifikat zu einem der am härtesten bekämpften unserer Zeit macht – wenn nicht sogar aller Zeiten.

Es lassen sich mehr als 100 öffentliche Versuche zählen, Franziskus zu unterminieren – einen Außenseiter, der vor seiner Wahl nie in Rom gelebt oder gearbeitet hatte und der sein Wirken den Außenseitern und von der Gesellschaft abgeschriebenen und vergessenen Menschen gewidmet hat. Die Attacken begannen nur wenige Stunden nach Franziskus' Wahl, als die traditionalistische Internetseite "Rorate Caeli" den Ausgang des Konklaves mit der Überschrift "Horror!" kommentierte. Seitdem haben die Angriffe nie aufgehört. Seitdem gab es stetig weitere Angriffe. Die mächtigen Kräfte, die sich gegen dieses Pontifikat wenden, sollten von reformwilligen Katholiken nicht unterschätzt werden.

Einheit hat Priorität

Für Franziskus hat die Einheit der Kirche Priorität, eine Kirche, die "zusammen geht" und von der kein Teil schneller als der andere vorauslaufen soll. Er fordert jeden in der Kirche heraus, auch die eher Progressiven.

Für die Welt außerhalb der Kirche und die meisten Katholiken ist die Opposition zum ersten lateinamerikanischen Papst nur schwer nachzuvollziehen, weil Franziskus so populär ist: Sie sehen einen authentischen, vertrauenswürdigen Kirchenmann, der die Menschen mit seinen kraftvollen Gesten für die Gnade Gottes und die Kirche als Ort der Barmherzigkeit für sich gewinnt. Während der Corona-Pandemie hat er sich als bemerkenswerter spiritueller Führungspersönlichkeit erwiesen, die weltweit geschätzt wird. Aber je höher es die Leitern der Macht in Kirche und Welt hinaufgeht, desto zahlreicher werden jene, die Franziskus nicht gutheißen. Sie lassen sich in zwei Gruppen zusammenfassen: Da sind zum einen katholische Traditionalisten oder Ultra-Konservative, die den Papst wegen angeblicher "Brüche" mit der Kirchenlehre ablehnen. Zum anderen wenden sich Populisten und Nationalisten gegen die geopolitische Stoßrichtung von Franziskus.

Ein mehrstöckiges Haus.

Franziskus wohnt nicht im Apostolischen Palast, sondern im Gästehaus Santa Marta im Vatikan.

Die erste Oppositionsgruppe lässt sich als "Verteidiger des wahren Glaubens" beschreiben. Viele ihrer Vertreter werden gerne von katholischen Internetportalen in den USA zitiert, die Franziskus nie verzeihen werden, dass er im Zusammenhang mit der katholischen Morallehre nicht stets gegen die gleichgeschlechtliche Ehe, Abtreibung und Empfängnisverhütung wettert. "Die Pastoral der Kirche kann nicht davon besessen sein, eine unzusammenhängende Vielzahl von Lehren zu vermitteln, die mit Nachdruck durchgesetzt werden müssten", so Franziskus 2013. Natürlich verteidigt er die traditionelle Morallehre, er ist kein Liberaler. Aber er erinnert die Menschen daran, aus dem Kirchenrecht keinen Götzen zu machen. Stattdessen sind Recht und Lehre dazu da, um an die Gnade und Vergebung Gottes zu gelangen.

Kein Palastbewohner

Traditionalisten stören sich weiterhin an Franziskus' Form der Amtsausübung. Über den laut Trump "unpäpstlichen" Stil beschweren sich auch manche Kurienmitglieder, die mit dieser freien Art nichts anfangen können. Sie nehmen dem Papst übel, dass er nicht im apostolischen Palast wohnt, sondern im Gästehaus Santa Marta. In dessen Kapelle feiert er jeden Morgen eine Messe, in der er ohne Manuskript predigt – während der Corona-Pandemie werden diese Messen auch gestreamt.

In diesen Stegreif-Predigten setzt der 83-Jährige die Themen für sein Pontifikat, gibt konkrete, praktische Anweisungen für den Alltag und diagnostiziert die spirituellen Schwächen der heutigen Zeit. Vor allem kritisiert er jene, die zwar die Regeln der Kirche befolgen, aber das Evangelium nicht leben: Unternehmensbosse, die sonntags zur Messe gehen, ihre Mitarbeiter aber nicht fair bezahlen – oder junge Priester, die zwar gerne feine Stoffe und Hüte tragen, aber in Franziskus Worten zu "Funktionären" werden, "die in der Lächerlichkeit enden". Der Papst findet, dass "strenge" Katholiken zu sehr auf die äußeren Aspekte des Glaubens achten und es ihnen an einem inneren Leben aus der Liebe und Güte Gottes mangelt. "Hinter Starrheit verbirgt sich immer etwas", so der Papst, "oft ein Doppelleben. Manchmal ist es aber auch eine Art Krankheit."

Mit seiner Direktheit und Kühnheit hat Franziskus das kirchliche Establishment sowie jene erschüttert und verärgert, die sich stolz als Verteidiger des Glaubens sehen. "Wir beten für dich, vor allem wenn du frei sprichst", sagte ein Kurienmitglied dem Papst mal nur halb im Scherz nach einem Treffen. Dadurch zeigt sich die Angst mancher ranghoher Kleriker vor einem Papst, der kein Problem damit hat, den kirchlichen Apparat zu umgehen und sich hartnäckig weigert, alle seine Worte vorschreiben, überprüfen und für die Nachwelt festhalten zu lassen.

"Mein Papst ist Benedikt"

Die zweite, eher politische Oppositionsgruppe wird von Vertretern wie dem italienischen Populisten und "Lega"-Chef Matteo Salvini, Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro und Donald Trump dominiert. Die Königreiche dieser Welt mögen keinen Papst, der immer wieder mahnt, Migranten Willkommen zu heißen und die Umwelt zu schützen. Salvini geht Franziskus auf seinen Social-Media-Kanälen ganz offen an und ließ sich im September 2016 mit einem T-Shirt fotografieren, auf dem stand: "Mein Papst ist Benedikt." Der italienische Politiker lässt sich vom ehemaligen Trump-Strategen Steve Bannon beraten, der Franziskus 2016 laut Berichten als den "Feind" bezeichnete. Bannon hat versucht, ein Franziskus-kritisches Netzwerk aufzubauen, inklusive einer "Gladiatorenschule" genannten Lehrstätte für populistische Nationalisten in einem ehemaligen italienischen Kloster. Manchmal überschneiden sich die beiden Lager der Opposition auch, wie im Fall von Kardinal Raymond Leo Burke. Der laute Papstkritiker und Traditionalist hat Salvini und Trump schon seine Dienste angeboten. Zu Bannon brach er jedoch kürzlich den Kontakt ab.

Franziskus hält mit Kritik am wachsenden Nationalismus vor seiner Tür nicht hinter dem Berg, wenn er etwa meint, manche Reden heutiger europäischer Politiker würden sich nicht so sehr von denen der 1930er unterscheiden. Politiker, die durch Spaltung an Macht kommen wollten, böten "reaktionäre, emotionale, übereilte Lösungen", die zwar "kurzfristigen Konsens" erzielten, aber keine langfristigen Lösungen böten.

Die Amazonas-Synode 2019 passte manchen Kardinälen gar nicht.

Die politisierte theologische Franziskus-Opposition wurde besonders während der Amazonas-Synode laut, als der Papst den Blick der Kirche auf die Umweltzerstörung und die Bedürfnisse der Katholiken in einem vergessenen Teil der Welt lenken wollte. Zu beobachten war dabei eine Fusion traditionalistischer Theologie und nationalistischer, populistischer Politik. Bolsonaro sorgte sich wegen der Synode: Seine Politik galt weithin als Desaster für den Regenwald und mitschuldig an den Bränden dort im Jahr 2019. Er wollte den Amazonas und sein Versagen nicht im Mittelpunkt des Medieninteresses sehen. Vor dem Treffen im Oktober 2019 schickte er eine militärische und diplomatische Delegation nach Rom, um dort in seinem Sinne Lobbyarbeit zu betreiben und die Synodenteilnehmer zu überwachen. Der brasilianische Sicherheitsminister Augusto Heleno sagte der Zeitung "Estado de São Paulo": "Wir machen uns Sorgen und wollen diese Sache in ihrer Wirkung neutralisieren." Während der Synode tauchte mit Bernardo Küster ein Bolsonaro-freundlicher Influencer auf, der Franziskus-kritische US-Medien mit Schlagzeilen versorgte. So behauptete der Youtuber mit 800.000 Abonnenten, die Synode werde von der Ford-Stiftung finanziert und von "Kommunisten" beeinflusst. Beides fand sich später in der Berichterstattung der konservativen Portale "National Catholic Register" und "LifeSiteNews".

Der Kardinal und Gloria

Auch einige konservative Kardinäle waren gegen die Synode, auf der Bischöfe die Weihe verheirateter Männer empfahlen und weibliche Diakone für möglich hielten. Einer der Kritiker war der ehemalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller. Ihm zufolge zeigte sich im Arbeitsdokument der Synode eine "falsche Lehre". Kurz bevor über das Abschlussdokument der Synode abgestimmt wurde, meldete sich Müller nochmals bei einer Veranstaltung in Washington zu Wort. Unterstützt wurde er dabei von Gloria von Thurn und Taxis, die Gegner des Papstes unterstützt und sie in ihrem Palazzo in Rom oder dem Schloss in Regensburg empfängt. In Washington stellte sie Müller als "Anführer der heutigen katholischen Orthodoxie" und "Donald Trump der katholischen Kirche" vor.

Angesichts seiner Widersacher schreitet der Papst unbeirrt voran. Er steht jeden Tag um 4.30 Uhr auf und betet; danach hat er – auch in Zeiten von Corona – einen vollen Kalender, ihm macht sein Amt immer noch Spaß. Er ist selbstbewusst und handelt als Jesuit strategisch klug. Seine Mission ist es, so sagte mir ein Kardinal, "das Zweite Vatikanische Konzil umzusetzen", das zwischen 1962 und 1965 die Blaupause für die heutige Kirche darstellte, die sich weg von ihrer Festungsmentalität hin zu einer lebendigen Zeugin Christi in der Welt entwickelte. Sein Fokus auf die Synodalität, von der Kirche in Deutschland emphatisch aufgenommen, ist ein neuer Weg des Kirche-seins im dritten Jahrtausend. Es ist einer, der versucht, den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus nachzueifern, deren Herzen durch die Frohe Botschaft brannten, als sie mit Jesus wanderten.

Das Pontifikat von Franziskus ist eine unvollendete Reise, doch er vertraut auf den "sensus fidei", den Glaubenssinn des Volkes Gottes, um die Kirche zu führen. Es sind letztendlich die normalen Gläubigen und nicht die Mächtigen, die über den Kurs für die Zukunft entscheiden werden.

Von Christopher Lamb

Der Autor

Christopher Lamb (*1982) ist Rom-Korrespondent der britischen katholischen Wochenzeitung "The Tablet". Zudem berichtet er unter anderem für die BBC aus dem Vatikan. Gerade erschien sein Buch "The Outsider" (Orbis Books) über Papst Franziskus und seine Kritiker. (aus dem Englischen von Christoph Paul Hartmann)