Wo Gottesdienste wieder erlaubt sind – Ein Messbesuch in Leipzig
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Wo Gottesdienste wieder erlaubt sind – Ein Messbesuch in Leipzig

Sachsen hat als erstes Bundesland wieder öffentliche Gottesdienste erlaubt – unter strengen Auflagen, mit maximal 15 Teilnehmern. Wie wird das praktisch umgesetzt? Was passiert mit Blick auf den heiklen Punkt der Kommunionausteilung? Zu Besuch in einer katholischen Messe in Leipzig.

Von Karin Wollschläger (KNA) |  Leipzig - 21.04.2020

Mit Normalität hat das alles nichts zu tun, aber es ist ein Wiedereinstieg: Seit Montag dürfen in Sachsen als erstem Bundesland wieder öffentliche Gottesdienste in einer Kirche stattfinden - unter strengen Auflagen und mit maximal 15 Teilnehmern. Am Abend kommt unter Glockengeläut eine entsprechende Charge Gläubige in der katholischen Leipziger Propsteikirche zusammen. Per Internet-Doodle-Anmeldung oder Telefonanruf musste man sich vorab in einer Liste für die Messe eintragen. Am Kircheneingang steht der Pfarrer mit Mundschutz und hakt die Namen der Ankommenden ab. Nur ein Paar "ohne Fahrschein" muss er abweisen. Es zeigt nach kurzer Erläuterung Verständnis.

"Der Satz, den ich derzeit am Telefon am häufigsten sagen muss, ist: Tut mir leid, der Gottesdienst ist leider schon ausgebucht", berichtet Propst Gregor Giele. In den ersten 24 Stunden nach Veröffentlichung der Gottesdienstlisten hätten bereits über 160 Menschen Teilnahmewünsche angemeldet. Dabei hat die Pfarrei ihr "Mess-Kontingent" schon deutlich erhöht: Statt einer gibt es nun jeden Werktag drei Messen. Da bekommt "Messestadt Leipzig" einen ganz neuen Beiklang.

Derweil sitzen die 15 Menschen in der Propsteikirche auf markierten Plätzen mit reichlich Abstand verteilt - jeder hat eine eigene Kirchenbank. Niemand trägt Gesichtsmasken während der Messe. Pflicht sind sie laut sächsischer Verordnung nur in Supermärkten und im öffentlichen Nahverkehr. Zu Beginn bittet der Priester, alle Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten, die auch auf Merkblättern verteilt werden: "Seien Sie bitte achtsam, Gottesdienste sind immer noch riskant und ein Experiment."

Schutz vor "Gefahren für Leib und Leben"

Das strenge Verbot öffentlicher Gottesdienste im Zuge der Corona-Schutzmaßnahmen sorgt seit mehreren Wochen bundesweit für Diskussionen. Eilanträge zur Aufhebung hatten vor Ostern sogar das Bundesverfassungsgericht erreicht. Auch wenn die Karlsruher Richter dem Schutz vor "Gefahren für Leib und Leben" den Vorrang einräumten, betonten sie doch, dass die aktuellen Versammlungsverbote in Kirchen einen "überaus schwerwiegenden Eingriff in die Glaubensfreiheit" darstellen.

Entsprechend groß war vergangenen Mittwoch die Ernüchterung bei den Religionsgemeinschaften, als Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über Lockerungen der Corona-Beschränkungen informierte und mitteilte, dass es religiöse Zusammenkünfte auch weiterhin nicht geben sollte. Doch die konkreten Beschlüsse der einzelnen Bundesländer sind entscheidend, und da haben die Religionsgemeinschaften in Sachsen offenbar gut argumentiert.

Die Propsteikirche St. Trinitatis im Zentrum von Leipzig wurde im Jahr 2015 geweiht.

Dabei spielten auch religiöse Besonderheiten eine Rolle, wie Landesrabbiner Zsolt Balla auf Anfrage bestätigt: "Bei einer orthodoxen jüdischen Hochzeit müssen zehn erwachsene Männer anwesend sein, dazu die Braut und möglichst ihre Mutter und die Mutter des Bräutigams... 15 ist eine gute und vernünftige Zahl." Zudem seien bislang ja auch Beerdigungen mit 15 Teilnehmern erlaubt gewesen. "Für mich als Rabbiner sind die Ärzte derzeit die erste Quelle für Entscheidungen, hygienische Vorschriften haben Priorität, sonst spielen wir mit unserem Leben", so Balla.

Das Bistum Dresden-Meißen musste für die Lockerung quasi über Nacht eine Dienstanweisung zum "Infektionsschutz im Kirchenraum und während des Gottesdienstes" formulieren: Kein Weihwasser, wenig Gesang, kein Küssen des Evangeliums, kein Herumgeben des Kollektenkörbchens, nur freundliches Zunicken beim Friedensgruß.

Der heikle Punkt Kommunionausteilung

Und der heikle Punkt Kommunionausteilung? "Wir haben uns gegen Desinfektionsmittel entschieden, weil das zu lange zum Eintrocknen braucht und die Hostie eventuell dann danach schmeckt", erläutert Propst Giele. Er verteilt die Hostien nun stumm mit Handschuhen auf die möglichst weit vorgereckten Hände der einzeln vortretenden Gläubigen. Bei der Wandlung zuvor liegen die Oblaten in einer abgedeckten Schale - so kann allenfalls die Hostie für den Priester beim Sprechen der Wandlungsworte mit Spucketröpfchen "kontaminiert" werden.

Bischof Gerhard Feige aus dem Nachbarbistum Magdeburg sieht das Ganze in einem Gastbeitrag auf dem Portal katholisch.de eher skeptisch: "Ich kann mir bis jetzt jedenfalls kaum vorstellen, wie Gottesdienste mit Zugangsbegrenzung, Anwesenheitsliste, Abstandswahrung, Mundschutz, Handschuhen, einem Desinfektionsritus vor der Gabenbereitung und der Austeilung der Kommunion mittels einer - noch zu erfindenden - liturgischen Zange gottgefällig und heilsdienlich sein sollen."

Die Gläubigen in der Propsteikirche empfinden es nach der Messe anders. "Nach fünf Wochen war es ergreifend und beeindruckend", sagt ein älteres Ehepaar. Eine junge Frau bilanziert: "Ich war neugierig, wie es sein würde - und es war schön. Gar nicht komisch." Und ein Vater mit seinem zweijährigen Sohn ergänzt: "Ich hatte das Gefühl, dass alles verantwortungsvoll durchdacht war. Es war kein Zurück in die Normalität, sondern ein Lichtblick."

Von Karin Wollschläger (KNA)