Ein überraschendes Angebot
Schwester Charis Doepgen über das Sonntagsevangelium

Ein überraschendes Angebot

Der "Gute Hirte" Jesus macht im heutigen Sonntagsevangelium ein Angebot, das es in sich hat: Leben in Fülle. Wie kann diese Verheißung unter uns erfahrbar werden? Schwester Charis Doepgen wirft einen wachen Blick auf das Hirtenamt der Kirche.

Von Sr. Charis Doepgen OSB |  Kellenried bei Ravensburg - 02.05.2020

Impuls von Schwester Charis Doepgen

Jesus macht uns heute ein Angebot, das aufhorchen lässt. Um Leben in Fülle geht es. Ein solcher Slogan passt in jede moderne Werbestrategie und die Angebote dieser Art sind Legion. Diesen Satz nun dort zu vernehmen, wo sonst vom Kreuztragen und von Feindesliebe die Rede ist, macht neugierig.

Der letzte Satz des heutigen Evangeliums ist ein kleiner Paukenschlag: Jesus fasst seine Sendung in die Welt darin zusammen, dass wir "das Leben haben und es in Fülle haben". Also nicht nur so gerade mal überleben, sondern Leben aus dem Vollen, aus dem Überfluss, aus einer grenzenlosen Güte.

Wie das? Jesus verwendet das uns eher fremd gewordene Bild vom Hirten und den Schafen, um die einzigartige Beziehung zwischen ihm und uns zu beschwören. Wörtlich vom "Guten Hirten" ist nur im Lesejahr B die Rede. Der Abschnitt heute formuliert einmal "der Hirt der Schafe", aber verdeutlicht dann mit anderen Bildern aus dem Hirtenmilieu, wodurch sich der Hirt, den wir in Jesus sehen, auszeichnet.

Die Auswahl des heutigen Sonntags ist in sich stimmig durch das Bildwort der "Tür". Von der zunächst praktischen Bedeutung der Tür als Ein- und Ausgang und der Funktion, einen Raum zu schützen, indem sie Bedrohlichem den Zutritt verwehrt, enthält der Abschnitt zweimal die christologische Aussage "Ich bin die Tür".

Unter den Ich-bin-Worten des vierten Evangeliums ist das Bildwort von der Tür unserer Vorstellung sofort zugänglich. Jesus lehrt nicht nur den Weg des Heils, sondern unser Zugang geht über seine Person. Weil er als Person wichtig ist, ist auch die Stimme so bedeutsam. Ihr unverwechselbarer Klang ist Basis dafür, dass ein Vertrauensverhältnis entstehen kann.

Der Klang der Stimme verrät viel über einen Menschen. Hören, um zu verstehen: Bevor das Kind seine Umgebung erschaut oder tastend begreift, unterscheidet es hörend am Klang der Stimme, ob es mit Erwartung oder Abwehr reagieren soll. Hören ist wichtiger als Sehen. Über das Hören nehmen wir mehr Leben in uns auf als durch das Sehen.

Auch im Dunkel können wir hörend in Beziehung treten. Eine Stimme erkennen, stellt Beziehung her. Und was geschehen kann, wenn diese Stimme den eigenen Namen kennt, zeigt uns die Begegnung des Auferstandenen mit Maria von Magdala (vgl. Joh 20,16).

Das Hirtenamt in der Kirche steht unter dem Anspruch, "Stimme" zu sein für Jesus. Sein Modell: Jede und jeden einzeln mit Namen zu kennen, dass heißt als Individuum mit einer einzigartigen Biographie und so von Gott gerufen - das ist mehr und liegt dem voraus, dass einer zur "Herde" gehört. Wer die Stimme unterscheidet, wird auch die Tür finden.

Unverzichtbar

Hirtenbilder –
schön sind sie
aber entbehrlich

unverzichtbar
ist nur
die offene Tür
die Stimme
und das Wort
vom Leben in Fülle

Von Sr. Charis Doepgen OSB

Evangelium nach Johannes (Joh 10,1-10)

In jener Zeit sprach Jesus: Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe. Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.

Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.

Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte. Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen. Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört. Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.

Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben. 

Die Autorin

Schwester Charis Doepgen OSB ist Benediktinerin in der Abtei St. Erentraud in Kellenried bei Ravensburg.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreiben Ordensleute und Priester für uns.