Der Rücken von Papst Benedikt XVI. bei seiner letzten Generalaudienz auf dem Petersplatz.
Freiburger Theologe zum Interview des früheren Papstes in der Seewald-Biografie

Striet kritisiert Benedikt: Gesellschaften nicht religionsfeindlich

In einem kürzlich veröffentlichten Interview warnt Benedikt XVI. vor einem "antichristlichen Credo" der Gesellschaft. In einem Gastbeitrag widerspricht ihm der Fundamentaltheologe Magnus Striet – und erläutert, warum Benedikt unbedacht zum Ausbruch aus "selbstverschuldeter Unmündigkeit" aufruft.

Von Magnus Striet |  Freiburg - 06.05.2020

Ist "die moderne Gesellschaft" dabei, "ein antichristliches Credo zu formulieren, dem sich zu widersetzen mit gesellschaftlicher Exkommunikation bestraft" wird? Joseph Ratzinger, der sich als Benedikt XVI. vor sieben Jahren in den päpstlichen Ruhestand verabschiedet hat, ist nicht für viele Überraschungen gut. So auch nicht in diesem Interview, das sich in der gerade ihm gewidmeten Biografie von Peter Seewald findet und wohl in schriftlicher Form Ende 2018 geführt wurde.

Dass dem Zeitgeist zu widerstehen sei, ist die Litanei, die immer wieder von Ratzinger zu vernehmen war. Auch hier. Angestimmt wird sie bezogen auf alles, was für ihn Inbegriff einer modernen Gesellschaft ist. Wer sich der "Abtreibung" und der "Herstellung von Menschen im Labor" widersetze, werde gesellschaftlich exkommuniziert. Gleiches gelte für Gegner der homosexuellen Ehe. Noch "vor hundert Jahren" hätte es "jedermann für absurd gehalten", von einer solchen zu sprechen. Stimmt. Vor hundert Jahren steckten die Humanwissenschaften im Vergleich zu heute auch noch in den Kinderschuhen. Anstelle von einer "Diktatur des Relativismus" spricht der einstmalige Papst jetzt von einer "weltweiten Diktatur von scheinbar humanistischen Ideologien".

Was biopolitische Menschenzüchtungsambitionen mit der Frage der rechtlichen Gleichstellung von homosexuellen Lebenspartnerschaften zu tun haben, vermag sich mir nur begrenzt zu erschließen. Ganz bestimmt aber sind Homosexuellenrechte nicht weltweit durchgesetzt. Unter totalitären Regimebedingungen oder da, wo Populisten an die Macht gekommen sind, verschlechtern sich die Lebensbedingungen von homosexuell orientierten Menschen sogar teils erheblich. Empirisch betrachtet ist die Beobachtung einer solchen globalen Diktatur eine reine Fantasie.

Magnus Striet ist Inhaber des Lehrstuhls für Fundamentaltheologie an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Freiburg.

Es sind aber auch nicht die global sehr unterschiedlichen Gesellschaften, die der ehemalige Papst in den Blick nimmt. Es sind wie immer die Gesellschaften, die staatlich garantierte Freiheitsrechte absichern wollen, die ihn beschäftigen. Diese sind schon deshalb notwendig säkular, das heißt, sie können schon deshalb nicht auf Religion basieren, weil ihnen nicht nur faktisch, sondern auch aus intellektuellen Redlichkeitsgründen die Gewissheit Gottes abhandengekommen ist. Wie Ratzinger allerdings auf die Idee kommt, dass solche Gesellschaften – und ich bin nicht sicher, ob der deutsche Papst nicht leicht fixiert die deutsche Gesellschaft im Blick hat – ein "antichristliches Credo" formulieren würden, erschließt sich nicht. Oder aber eine solche Aussage zeugt nur davon, dass Joseph Ratzinger alias Benedikt XVI. nicht verstanden hat, was moderne Gesellschaften sind und ein säkulares Staats- und Rechtssystem moderner Prägung ausmacht. Jedenfalls in der Bundesrepublik Deutschland.

Freie Bürger dürfen hier ihr (!) christliches Credo leben, ob vergemeinschaftet oder individuell. Und Gleiches gilt auch für Menschen mit einem anderen Bekenntnis. Vorausgesetzt wird nur, dass sie nicht in Kollision mit dem geltenden Gesetz geraten. Niemandem ist es deshalb auch verwehrt, eine strikte Antiabtreibungsgesetzgebung zu fordern oder in guter biblizistischer Tradition zu meinen, praktizierte Homosexualität sei Sünde. Es wird ja in einer solchen Gesellschaft niemand gezwungen, über das bildungspolitisch verordnete Maß hinaus Bücher zu lesen (und selbst wenn beispielsweise Theologiestudierende dies müssen, werden sie nicht gezwungen, innerlich zuzustimmen).

"Die" Gesellschaft gibt es überhaupt nicht

Es gibt "die" Gesellschaft, von der Papa emeritus Benedikt XVI. spricht, überhaupt nicht. Moderne Kulturen berufen sich auf keine "kulturtranszendenten Autoritäten" (Herbert Schnädelbach) mehr. Aber sie sind damit noch lange nicht religionsfeindlich. Allerdings verlangen sie von Menschen, die ihre religiösen Überzeugungen in den öffentlichen Diskurs einbringen wollen, dass sie so gute Gründe für sie aufbringen können, dass sie auch zu überzeugen vermögen. Auch Joseph Ratzinger darf somit behaupten, dass in Deutschland ein falscher, absurder Humanismus gegen das von ihm als solches definierte christliche Credo in Stellung gebracht werde. Er wird dafür aus einem demokratiegeübten Land Kritik ernten, was nichts mit "sprungbereiter Feindseligkeit" zu tun hat.

Und das ist auch gut so. Nicht zuletzt aus historischen Lernerfahrungen sind säkulare Gesellschaften religiös dezentrierte Gesellschaften. Sie begnügen sich darin, sich durch Rechtssetzung und Kulturpolitik zu stabilisieren, so Freiheitsrechte zu garantieren und zudem wieder neu danach zu fragen, was überhaupt gerecht ist. Mehr nicht, aber mehr geht auch nicht. Ist es angezeigt zu behaupten, dass der inzwischen hochbetagte Joseph Ratzinger am Ende doch fremdelt mit dem liberalen Verfassungsstaat?

Linktipp: Theologe übt neue Kritik an Aufsatz Benedikts XVI.

Die Kritik am umstrittenen Aufsatz des emeritierten Papstes reißt nicht ab: Der Freiburger Theologe Magnus Striet betont, Benedikt XVI. setze sich nicht selbstkritisch mit der Rolle von Kirche und Theologie im Blick auf Antijudaismus auseinander.

Bezogen auf die innerkirchliche Dauerdebatte, ob Reformen möglich sind – was ja wohl meint, ob die Lehre geändert werden könnte – ist das Interview, vielleicht unfreiwillig, gleichwohl aber aufregend zu nennen. Dass er die Reaktionen auf seine Anmerkungen zum Thema Christentum und Judentum, publiziert im Jahr 2018, als ein "Spektakel" bezeichnet, das "töricht und so bösartig" gewesen sei, dass man lieber nicht davon spreche, überliest man da schon fast. Es wird übrigens nicht begründet, warum das so gewesen sei. Wohl aber versucht er zu begründen, warum es neuerdings einen emeritierten Papst geben könne, obwohl Kirchenhistoriker behaupteten, es könne nicht zwei Päpste geben. Nun will ich mich hier überhaupt nicht auf die Frage einlassen, ob es zwei und wie viele Päpste überhaupt geben kann und was einen emeritierten Papst von einem amtierenden Papst dem Wesen (oder doch nur dem Grade?) nach unterscheidet. Interessant ist die Begründung, die Benedikt XVI. anbietet: dass es auch einen Papa emeritus geben könne, obwohl es einen solchen historisch betrachtet vorher noch nicht gegeben habe.

Es sei "nicht einzusehen, wieso ein Kirchenhistoriker, das heißt jemand, der die Vergangenheit der Kirche studiert, besser als andere wissen soll, ob es einen emeritierten Papst geben kann oder nicht". Wohl gemerkt: Er schreibt nicht, ob es einen emeritierten Papst gegeben hat, sondern geben kann (!). Der zurückgetretene Papst pocht damit darauf, dass das, was historisch war, allein für sich genommen noch keine Normativität beanspruchen kann. Und gleichzeitig kann deshalb auch nicht ausgeschlossen werden, dass theologisch zu rechtfertigen sei, was es so noch nie gegeben hat.

Wenn das, was historisch war, keine Normativität beanspruchen kann...

Ich kann nicht einschätzen, wie bedacht auch in ihren möglichen Konsequenzen diese Unterscheidung, ich möchte sie einmal so beschreiben, zwischen historischer Evaluation und normativer Begründung vom ehemaligen Theologieprofessor eingeführt worden ist. Ich vermute, dass diese Unterscheidung sehr enggeführt angewandt werden soll auf die Frage, wie denn nun er nach seinem Rücktritt amtstheologisch zu verstehen sei. Ein Gedankenspiel sei dennoch erlaubt.

Man stelle sich einmal vor, Diakoninnen und Priesterinnen habe es nie gegeben. Die Historiker sind sich in der Frage absolut einig. Kann es sie in der Zukunft nicht dennoch geben? Man stelle sich vor, nie habe es in der Kirchengeschichte eine moraltheologische Akzeptanz homosexueller Lebensgemeinschaften gegeben und Johannes Paul II. habe eine Theologie des Leibes gelehrt, die die Anerkennung solcher Partnerschaften definitiv ausgeschlossen habe. Kann eine solche Anerkennung in Zukunft nicht doch erfolgen? Es gibt schließlich auch eine theologisch kreative Begründung dafür, dass es den neuen Titel und dann wohl auch das neue Amt eines emeritierten Papstes geben kann.

Franziskus besucht Benedikt XVI. zum traditionellen Weihnachtsbesuch.

Benedikt XVI. und sein Nachfolger Franziskus.

Ob dies sinnvoll ist oder nicht, kann hier völlig dahingestellt bleiben. Darüber muss dann diskursiv entschieden werden, was schlicht bedeutet: Finden die angeführten Gründe nun Akzeptanz oder nicht? Wer entscheidet eigentlich darüber? Der amtierende Papst? Oder beide? Letzteres geht nach traditionellem Lehramtsverständnis gar nicht, und der amtierende hat seinem Vorgänger meines Wissens nicht verwehrt, den Titel Papa emeritus zu führen. Also hat der Theologe Joseph Ratzinger Recht darin, dass es nicht den Historikern überlassen bleiben darf, über die Wahrheit zu entscheiden. Eigentlich banal, aber es gilt das alte Sprichwort: Gut, dass es wieder einmal gesagt worden ist.

Ich persönlich traue Joseph Ratzinger ja eine gehörige Portion Selbstironie zu, und bekanntlich kann Ironie ja auch als Mittel dazu eingesetzt werden, Menschen dazu zu stimulieren, nochmals neu und möglichst selbständig nachzudenken. Völlig ausgeschlossen ist, dass er, der sich als den "einfachen Arbeiter im Weinberg des Herrn" bezeichnet hat, den Titel Papa emeritus aus Eitelkeitsgründen gewählt hat. Je länger ich darüber nachdenke, umso überzeugter bin ich davon, dass er damit andeuten wollte, dass Innovation doch möglich ist. Immanuel Kant, der Kirchenvater der Moderne, hat eine solche Innovation "Ausbruch aus selbstverschuldeter Unmündigkeit" genannt. Dass in dem von Peter Seewald erwartbar geführten Interview von einem solchen intellektuellen Ausbruch dann faktisch doch recht wenig zu spüren ist, muss ich zugestehen.

Jede und jeder ist immer auch gesteuert, Joseph Ratzinger von seinen biografischen Erfahrungen und intellektuellen Festlegungen. Als einfacher Christ registriere ich auf der Basis des Interviews lediglich, dass Tradition auch innovativ erweitert werden kann. Wird dies reflexiv bewusstgemacht, so ist nicht nur akzeptiert, dass jede Kultur und auch jeder Gottglaube vom Menschen verantwortet werden muss. Gott fällt nicht vom Himmel, okkupiert uns und schafft uns als ihm gehörig. Sondern er ist immer der, den wir für Gott halten – in der Hoffnung, dass er so existiert, wie wir ihn für Gott halten. Und ehrlich gesagt: Ob Gott das Amt eines emeritierten Papstes für vernünftig hält, ist mir relativ gleichgültig. Interessanter finde ich die Frage, wie Gott es mit Selbstentfaltungsrechten hält. Und für noch dringlicher halte ich die Frage, was mit denen ist, die tagtäglich mit der nackten Existenzangst zu leben haben und was der Gebetsglaube Jesu hierzu zu sagen hat. Oder wie sich dieser Glaube zu ethisch nicht mehr eindeutig zu entscheidenden Dilemmatasituationen verhält.  

Von Magnus Striet