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Standpunkt

75 Jahre Kriegsende: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch"

Der Zweite Weltkrieg bahnte sich bereits vor 1939 an: mit Verschwörungstheorien, Angstmache und dem Aushöhlen der Verfassung. Das sei auch heute noch aktuell, kommentiert Ricarda Menne. Dabei sollte den Menschen nicht nur ihre Freiheit bewusst sein.

Von Ricarda Menne |  Bonn - 07.05.2020

Vor 75 Jahren, am 7. Mai 1945, unterzeichnete Genraloberst Jodl die bedingungslose Kapitulation aller deutschen Streitkräfte, die tags darauf in Kraft trat. In Europa hatte der Zweite Weltkrieg ein Ende gefunden. Angefangen hatte das alles nicht mit dem deutschen Überfall auf Polen. Angefangen hatte es nicht mit der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. Nein, angefangen hatte es viel früher, viel unspektakulärer, viel weniger greifbar:

Mit der Verachtung ausgerechnet vieler staatstragender Schichten und Vertreter für die Demokratie und die Republik. Mit der Bereitschaft, Verschwörungstheorien in Umlauf zu bringen und mit der Angst der Menschen vor sozialem Abstieg zu spielen. Mit der Taktik, ganz verfassungskonform die Verfassung auszuhöhlen, um sie schließlich zum Einsturz zu bringen, und mit "Fake News" die Wahrheit zu verdrehen: "Seit 4.45 Uhr wird zurückgeschossen!"

Alles lange her? – Nein, verdammt aktuell: rechtsextreme Netzwerke in Polizei und Bundeswehr. Politiker, die verbaler und physischer Gewalt ausgesetzt sind oder als Puppe am Galgen bei Pegida-Demonstrationen durch die Straßen getragen werden. Verschwörungstheorien, die dank Internet und Algorithmen auf Lieschen Müllers PC und in Otto Normalverbrauchers Filterblase landen: die angebliche "Wahrheit" von einem heimlichen Bevölkerungsaustausch durch die Aufnahme von Flüchtlingen und Migranten oder die Überzeugung, dass die Corona-Pandemie "in Wirklichkeit" vom Zusammenbruch unseres politisch-wirtschaftlichen Systems ablenken solle. Eine sprachliche Verrohung bei Diskussionen in den sozialen Medien. Eine wachsende Szene von Reichsbürgern und Preppern, die die Gesetze der "BRD GmbH" als für sie nicht bindend erachten und sich nicht nur mit Dosenfutter und Benzinvorräten, sondern auch mit Waffen und Schießtraining auf den "Tag X" vorbereiten. Eine Partei, deren Abgeordnete wiederholt bei allem Recht auf freie Meinungsäußerung die Grenze des mit Anstand noch Sagbaren übertreten, um dann schnell wieder zurückzurudern.

Wir sollten uns – nicht nur heute – bewusst sein, dass wir als Bürger eines freiheitlich-demokratischen Rechtsstaates nicht nur Freiheiten und Rechte genießen die vielen Menschen verwehrt sind, sondern auch gemeinsam Verantwortung tragen, und dass leider gilt: "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."

Von Ricarda Menne

Die Autorin

Ricarda Menne ist Lehrerin für Englisch, Geschichte und katholische Religion. Außerdem ist sie in der Hochschulpastoral der Bergischen Universität Wuppertal tätig.

Hinweis

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