"Viele Menschen sind sehr besorgt"

Kardinal Arborelius kritisiert schwedischen Sonderweg gegen Corona

Aktualisiert am 11.05.2020  –  Lesedauer: 
Anders Arborelius im Porträt
Bild: © KNA

Stockholm ‐ Der schwedische Sonderweg im Kampf gegen das Coronavirus wird weltweit beachtet und diskutiert. Jetzt hat sich auch Stockholms Kardinal Anders Arborelius mit kritischen Tönen zu Wort gemeldet. Vor allem um eine Personengruppe macht er sich Sorgen.

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Der schwedische Kardinal Anders Arborelius hat den weltweit beachteten Sonderweg seines Landes bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie kritisiert. Da er kein Experte sei, sei es für ihn zwar schwer, die Lage zu beurteilen, "aber ich würde schon sagen, dass viele Menschen hier in Schweden sehr besorgt sind", sagte der Bischof von Stockholm am Wochenende in einem Interview des "Catholic News Service". Inzwischen hätten auch die Behörden erkannt, dass insbesondere ältere Menschen nicht so geschützt würden, wie es notwendig sei.

Anders als die meisten europäischen Staaten hat Schweden im Kampf gegen das Coronavirus einen zurückhaltenden Kurs eingeschlagen. Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen gibt es in dem Land kaum. Gastronomiebetriebe und Geschäfte sind ebenso wie die meisten Schulen weiterhin normal geöffnet, lediglich Besuche in Altenheimen wurden untersagt. Statt weitergehender Verbote setzt die schwedische Regierung seit Beginn der Pandemie auf die freiwillige Disziplin der Bevölkerung. In den vergangenen Tagen wurde die Kritik an diesem Sonderweg allerdings lauter – auch, weil Schweden laut den Zahlen der Johns-Hopkins-Universität pro eine Million Einwohner mit fast 289 Todesfällen deutlich mehr Corona-Opfer zu beklagen hat als etwa die Nachbarländer Dänemark, Finnland und Norwegen. Auch im Vergleich mit Deutschland liegt die Sterberate mehr als dreimal so hoch.

Offener Brief an schwedische Regierung

"Wenn Sie nach Stockholm kommen, sehen Sie mehr Menschen auf der Straße als in anderen Teilen Europas", so Kardinal Arborelius. Angesichts der hohen Sterblichkeitsrate gebe es in Schweden nun aber eine Debatte, ob der Sonderweg des Landes wirklich "eine gute Sache" sei. Der Bischof erklärte, dass seine Diözese im Kampf gegen die Pandemie einen "etwas strengeren" Ansatz als die Regierung gewählt habe. So habe man etwa beschlossen, Katechismuskurse für Kinder und junge Erwachsene zu schließen. Seit Ostern böten einige Kirchen unter Auflagen zwar wieder öffentliche Gottesdienste an; für ältere und kranke Gläubige gebe es jedoch weiter Liveübertragungen.

Arborelius verwies zudem auf die Probleme illegaler Einwanderer in Schweden. Unter ihnen seien auch viele Katholiken, die im Zuge der Corona-Pandemie ihre Arbeit und ihre Wohnung verloren hätten. Gemeinsam mit anderen christlichen Führern habe er die Regierung von  Ministerpräsident Stefan Löfven dazu aufgefordert, Migranten und Obdachlose besonders zu schützen, da sie am stärksten von einer Infektion bedroht seien und besonders unter den wirtschaftlichen Folgen der Pandemie zu leiden hätten. (stz)