Kirchengebäude: Versammlungshaus oder heiliger Ort?
Verschiedene Funktionen von Gotteshäusern

Kirchengebäude: Versammlungshaus oder heiliger Ort?

Dass Christen ihre Gottesdienste in Kirchen feiern, ist nicht selbstverständlich. Die frühen Christen wehrten sich noch dagegen. Erst ein verändertes Glaubensverständnis sorgte für den Aufschwung der Kirchenbauten – und legte die Grundlage für verschiedene Auffassungen über die Natur eines Kirchengebäudes.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 03.06.2020

Die spitzen Türme stolzer Kathedralen und Dome recken heute überall auf der Welt Kreuze in die Höhe und prägen damit die Silhouette nicht nur europäischer Städte jeder Größe. Bei den Katholiken sind Kirchen sogar extra für ihren Zweck geweihte Gebäude; in ihnen läuft der Besucher nicht einfach in den Altarraum, der oft auch noch ein paar Stufen erhöht ist – denn das ist der heiligste Ort des Gebäudes. Anders in reformierten Kirchen: Wenn überhaupt steht dort ein bescheidener Tisch im Raum, an dem die Menschen einfach vorbeigehen. Kirchen werden hier schlicht in Dienst genommen – von Weihe keine Spur. Beide Verständnisse eines Kirchengebäudes sind durch ganz unterschiedliche Entwicklungen in der Geschichte entstanden.

Ursprünglich gab es bei den Christen keine speziellen Gottesdienstgebäude, man traf sich in Privathäusern. Die Überlieferungen der Paulusbriefe und der Apostelgeschichte zeigen, dass Versammlungen an öffentlichen Treffpunkten die absolute Ausnahme waren. Heilige Häuser gab es bei den Christen nicht – damit orientierten sie sich am Judentum. Für Juden gab es auf der ganzen Welt nur ein einziges heiliges Gebäude: den Tempel von Jerusalem. Nur hier durfte geopfert werden, nur hier fanden Kulte statt. Andere Häuser, die sie Synagogen (wörtlich "Versammlung") nannten, waren schlichte Versammlungsstätten der Gemeinden ohne sakrale Funktion – das ist bis heute so. Tempel als wortwörtliche "Gotteshäuser", also Wohnhäuser von Gottheiten, gab es im Heidentum. Von diesem Verständnis wollten sich Christen wie Juden absetzen.

Doch die Welt änderte sich: Der große Tempel in Jerusalem wurde 70 n. Chr. von den Römern zerstört, Juden und Christen entwickelten sich auseinander. Außerdem verbürgerlichte sich das Christentum: Lebten die ersten Christen noch in der Erwartung, dass der Erlöser bald wieder auf die Welt kommen würde, verlegte sich der Fokus mit der Zeit mehr und mehr auf das Hier und Jetzt. Ämter und Rituale wurden deshalb immer stärker sakral aufgefasst: Aus dem gemeinschaftlichen (Sättigungs-)Mahl entwickelte sich die Eucharistie, der Posten des bisher nur symbolisch als Priester bezeichneten Gemeindevorstehers wandelte sich zu einem Weiheamt. Gleichzeitig wurde aus einer verfolgten Gruppe von Christusanhängern die wachsende Staatsreligion des Römischen Reiches. Das führte zu einer weiteren Sakralisierung des Christentums und dem Bedürfnis nach öffentlichkeitswirksamen Bauten für Gemeinde und Gottesdienst.

Orientierung an einem Profanbau

Die Christen orientierten sich architektonisch bewusst an einem römischen Profanbau, der Basilika. Hier wurde Markt gehalten und fanden Gerichtsverhandlungen statt. In dieses weltliche Versammlungshaus stellten die Christen nun einen Altar. Altäre standen bei den Heiden vor den Tempeln, deren Inneres war nur zur persönlichen Andacht vorgesehen. Im Christentum kommt die Gemeinde um den Ort des Kultes zusammen, heidnische und jüdische, profane und sakrale Vorstellungen finden sich hier also gleichermaßen wieder, wobei das sakrale Verständnis hinter dem Versammlungscharakter merklich zurücktritt.

Die Tendenz zur Sakralisierung wurde in den nun folgenden Jahrhunderten immer stärker. In die Kirchen wurden im Mittelalter sogenannte Lettner gebaut, also steinerne Schranken oder Wände, die den Bereich des Klerus von dem der Laien trennten. So manifestierte sich der immer stärker als heilig empfundene Charakter des Gebäudes mit dem Altarraum als geistlichem Zentrum.

Johannes Calvin warf die Altäre aus den Kirchen.

Einen Wendepunkt bildete die Reformation. Johannes Calvin (1509-1564) stand im Rückbezug auf die Bibel und das frühe Christentum für eine radikale Entsakralisierung des Kirchenraums. Er warf die Altäre aus den alten Kirchen, deren Platz am Ende des Raumes blieb demonstrativ leer. Bei Calvin gab es nur noch einfache Tische. Die Kirchenräume in der Nachfolge von Martin Luther (1483-1546) standen hingegen für eine vermittelnde Position: Der Altar blieb zwar an seinem Ort, eine Sakralität des Raumes als Ganzes gab es allerdings nicht mehr.

Verschiedene architektonische Konzepte

Das unterschiedliche Verständnis von Kirchengebäuden spiegelte sich auch in deren architektonischer Gestaltung wider: Katholische Bauten lenkten den Blick des Besuchers auch künstlerisch gleich in Richtung des Altars, mit jedem Schritt in seine Richtung wird die Stimmung feierlicher und erfurchtseinflößender. Diesen Effekt vermieden die Protestanten: Der die Fallhöhe von Heiligkeit und Weltlichkeit zelebrierende Barock blieb im Calvinismus auf Einzelfälle beschränkt, auch die Lutheraner gingen mit ihm sparsam um, die Kirchen sind schlichte Häuser des Zusammenkommens. Wesentlich beliebter war im Protestantismus der Klassizismus als Bauform – obwohl der sich auf die Formen antiker Tempel bezog, die ein ganz anderes Sakralverständnis hatten.

Die nichtsakrale Grundeinstellung teilen die evangelischen Kirchen bis heute mit den Bauten der anderen abrahamitischen Religionen. Synagogen sollen im orthodoxen Judentum einfache Versammlungshäuser sein, die sich in ihrer Gestaltung nicht von ihrem Umfeld abheben. Die prächtigen Synagogen des 19. Jahrhunderts entstehen im assimilierten liberalen Judentum der Städte und orientieren sich in ihrer auf den Effekt setzenden Gestaltung an katholischen Gotteshäusern. Auch Moscheen sind keine Sakralräume: Hier können außerhalb des Gebets auch Kinder gestillt oder Tee getrunken werden.

Doch auch die christlichen Kirchen sind mehr als nur Gottesdienstorte: Da in calvinistischen Gottesdiensten die Orgel nicht erklingen durfte, wurde sie seit dem 16. Jahrhundert außerhalb der Liturgie gespielt, die Kirchen wurden zusätzlich zum Ort für Konzerte. Auch die Bewegung der bürgerlichen Gesangsvereine und Kirchenchöre machte die Gotteshäuser aller Konfessionen auch zu Orten der Musik.

Viele Funktionen an einem Ort

Besonders deutlich wurde die Mehrfachfunktion von Kirchen vor allem im Protestantismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Zum Teil wurden Gemeindezentren gebaut, deren Räume auch für Gottesdienste genutzt werden. Im Katholizismus blieb die Kirche dagegen auch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) ein heiliger Ort, der nicht einfach so zum Raum für Feiern oder Gruppenstunden umfunktioniert werden kann.

Die Gaststätte Glück __amp__ Seligkeit in der ehemaligen Martinikirche in Bielefeld.

Heute werden Kirchen manchmal umgenutzt, wie hier als Restaurant in der ehemaligen Martinikirche in Bielefeld.

Die fortschreitende Säkularisierung stellt an die Kirchengebäude nun wieder neue Fragen: Die großen Kirchen der Vergangenheit werden in den bisherigen Dimensionen nicht mehr gebraucht, neue Raumkonzepte müssen her. Gegen die Doppelnutzung der Protestanten setzen katholische Gemeinden zum Teil die Aufteilung bestehender Räume – das Heilige und das Profane bleiben getrennt.

Als Räume bleiben Kirchen aber weiterhin gefragt, auch von Menschen außerhalb der Institution Kirche. Beispielsweise in Ostdeutschland engagieren sich auch Konfessionslose in Initiativen zur Rettung historischer Kirchen im ländlichen Raum. Denn von einer pluralen Gesellschaft werden Kirchen heute vielfältig genutzt: Die einen schätzen sie als Raum der Kultur, wieder andere als Ort der persönlichen Einkehr und der Begegnung mit dem Übernatürlichen und Heiligen – auch abseits spezifisch christlicher Frömmigkeitsformen. Besonders auf dem Land sind sie zudem Identifikationsmerkmal und ein Sinnbild für Heimat in einer von Digitalisierung und Globalisierung geprägten Gegenwart. Als Zeichen für Gemeinschaft und Orientierung gelten sie also auch den Kirchenfernen etwas.

Die vom Mitgliederschwund gezeichneten Kirchen werden also auf lange Sicht nicht mehr allein Herren in ihren Häusern sein. Die Allgemeinheit wird Wünsche an die Kirchen und deren Gebäude herantragen. Die spirituelle Dimension wird aber zentral bleiben: Denn auch touristische Besucher schätzen Kirchen, die nicht nur steinerne Museen sind, sondern noch für Gottesdienste genutzt werden. Wo Kirchen zunehmend vielzweckige Gebäude werden, könnten sich Gläubige auf ein altes Konzept zurückbesinnen: Die Hauskirche. Schon Luther sah die Trias aus lateinischer, deutscher Messe und dem Hausgottesdienst. Als hyperlokale Gemeinschaft in einer von Individualisierung und einer wachsenden Zahl von Single-Haushalten geprägten Gesellschaft neue Impulse für Gemeinschaft und Spiritualität geben. Auch das 21. Jahrhundert wird Kirchen also neu für sich definieren.

Von Christoph Paul Hartmann