Wie sich das Blut von Johannes Paul II. über die ganze Welt verteilte
Kardinal Stanislaw Dziwisz lässt Bischöfen in aller Welt Blutstropfen des polnischen Papstes zukommen

Wie sich das Blut von Johannes Paul II. über die ganze Welt verteilte

Die Verehrung der sterblichen Überreste von Heiligen gehört seit Jahrhunderten zur katholischen Volksfrömmigkeit. Von Papst Johannes Paul II. wird besonders sein Blut an zahlreichen Orten auf der ganzen Welt verehrt. Eine zentrale Rolle spielt dabei ein polnischer Kardinal.

Von Anita Hirschbeck (KNA) |  Köln - 17.05.2020

Es wurde verschenkt, verehrt und gestohlen: Das Blut von Papst Johannes Paul II. ist in Kirchen auf der ganzen Welt zu finden. Ein Tüchlein mit einem seiner Blutstropfen bekam etwa 2013 der damalige Kölner Kardinal Joachim Meisner überreicht. Besucher des Kölner Doms konnten das Stoffstück in einem kunstvollen Behältnis betrachten - bis Unbekannte 2016 das Gefäß aufbrachen und das Tuch entwendeten.

Auch im italienischen Dorf San Pietro della Ienca wurde Papstblut gestohlen. Die dortigen Diebe warfen den Stoff achtlos in eine Garage. Sie hatten es auf den prunkvollen, jedoch wertlosen Behälter abgesehen. Die Polizei konnte das Stoffstück später sicherstellen.

Anders in Köln: Der Blutstropfen tauchte nicht wieder auf und wurde 2017 durch ein zweites Tüchlein mit Blut ersetzt. Erzbischof Rainer Maria Woelki hatte es zu seinem 60. Geburtstag geschenkt bekommen. Das Textil, zu dem es gehöre, habe Johannes Paul II. bei dem Attentat auf ihn 1981 getragen, erklärte Woelki bei einem Gottesdienst im Dom: "Damit ist Johannes Paul II. in einer besonderen Weise hier bei uns in Köln gegenwärtig."

Katholiken verehren sterbliche Überreste von Heiligen

Die meisten der Blutstropfen, die weltweit ausgestellt sind, dürften aus einem medizinischen Eingriff stammen. Als Johannes Paul II. schon schwer krank war, entnahmen ihm Ärzte Blut für den Fall, dass er es später für eine Transfusion benötigen sollte. Dazu kam es nicht mehr. Der Papst starb am 2. April 2005. Sechs Jahre später sprach ihn sein Nachfolger Benedikt XVI. selig; 2014 folgte die Heiligsprechung durch Papst Franziskus.

Auf der ganzen Welt verehren Katholiken die sterblichen Überreste von Seligen und Heiligen als Reliquien. "Wir gehen davon aus, dass im Körper eines Seligen eine göttliche Kraft ist, die Wunder, Heilungen und Umkehr bewirken kann", erklärt der Kölner Kirchenhistoriker Helmut Moll, der sich seit vielen Jahren für den Vatikan mit Selig- und Heiligsprechungen beschäftigt: "Und diese Kraft bleibt auch im Tod erhalten."

Kardinal Stanislaw Dziwisz, Erzbischof von Krakau, betet am Grab von Papst Johannes Paul II.

Im Mittelalter strömten oft Tausende Menschen zu den Knochen in die Kirchen und verhalfen so auch den Städten zur Blüte. In Köln, einem Zentrum der Reliquienkultur liegen in einem prunkvollen Schrein drei Schädel, die den Heiligen Drei Königen zugeordnet werden. Der weltberühmte Dom wurde ursprünglich gebaut, um dem Ansturm von Pilgern Herr zu werden. Das Mega-Bauprojekt und die Besucherscharen brachten der Stadt Wohlstand.

Noch heute sind Reliquien Ziel von Wallfahrern. Der langjährige Privatsekretär Johannes Pauls II., Kardinal Stanislaw Dziwisz, bewahrte das Blut des Papstes aus dem medizinischen Eingriff auf. Die Stoffteile mit den Blutstropfen lässt er Bischöfen und Kirchen in aller Welt zukommen. Allein im polnischen Krakau, einer wichtigen Wirkungsstätte Johannes Pauls II., wird sein Blut an rund einem Dutzend Orten verehrt.

Dabei ist streng genommen fraglich, ob es sich wirklich um Reliquien im engen Sinn handelt. Als ihm das Blut entnommen wurde, war Johannes Paul II. weder tot noch selig- oder heiliggesprochen, wie Moll erklärt. Aber: Da die Blutstropfen trotz allem vom Körper eines Heiligen stammen, könnten sie als Berührungsreliquien angesehen werden.

"Auch heute brauchen die Leute etwas zum Greifen, zum Fassen, zum Verehren"

Primärreliquien - also Knochen von Seligen und Heiligen, auch von Johannes Paul II. - bewahrt der Vatikan an speziellen Orten in Rom auf. Diese Knochen werden dem Leichnam im Zuge von Selig- und Heiligsprechungsverfahren entnommen. Nur Diözesanbischöfe können den Vatikan um Knochensplitter bitten und diese Reliquien für ihre Bistümer erhalten. So soll Schindluder verhindert werden, etwa der Handel mit Reliquien, den die Kirche verbietet.

Johannes Paul II. wurde am 8. April 2005 im Petersdom beigesetzt. Sein Leichnam sei im Grunde auch eine Reliquie, so Moll. Wenn er in Rom sei, sehe er oft Menschen vor dem Sarkophag beten. "Auch heute brauchen die Leute etwas zum Greifen, zum Fassen, zum Verehren", glaubt der Heiligen-Experte. "Das ist nicht unzeitgemäß. Das ist ein tief menschlicher Gestus."

Von Anita Hirschbeck (KNA)