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Standpunkt

Gänswein als Ghostwriter von Benedikt XVI.? Sicherlich nicht!

Bei den Texten von Benedikt XVI. aus den vergangenen Jahren stellen sich nicht wenige Gläubige die Frage, ob diese wirklich aus der Feder des Papa emeritus stammen. Benjamin Leven sieht keinen Ghostwriter am Werk – auch nicht Erzbischof Gänswein.

Von Benjamin Leven |  Bonn - 18.05.2020

Benedikt XVI. ist ein großer Stilist. Der junge Professor, der als unbeholfen und linkisch galt, konnte ein Auditorium beim freien Vortrag mit den ersten Sätzen in den Bann ziehen. Er spreche druckreif, sagte man bewundernd. Gleichzeitig las sich das Gedruckte so flüssig, dass man ihn sprechen zu hören glaubte. Auch besaß er die Fähigkeit, wirkmächtige Begriffe zu prägen. "Hermeneutik der Kontinuität" ist so eine Prägung. Oder: "Sprungbereite Feindseligkeit". Mit den drei Worten "Diktatur des Relativismus" hat er den Selbstwiderspruch einer ganzen Philosophie auf den Punkt gebracht.

Inzwischen ist Joseph Ratzinger 93 Jahre alt. Noch immer erscheinen von Zeit zu Zeit kleinere Texte von ihm, zuletzt ein Brief an die polnischen Bischöfe zum 100. Geburtstag von Johannes Paul II. Da fragt sich manch einer, ob der emeritierte Papst eigentlich noch imstande ist, solche Mitteilungen zu verfassen. Die in seinem Namen gemachten Äußerungen wären also in Wirklichkeit ein Pastiche, eine Stilnachahmung. Müssen wir uns Benedikts Privatsekretär Georg Gänswein vorstellen, wie er solche Imitate zu verschiedenen Anlässen produziert? Es wäre für ihn ein Leichtes, das bei seinem Vorbild so beliebte "freilich" einzustreuen, das den Texten eine süddeutsche Färbung verleiht, und das Ganze noch mit einem "irgendwie" zu würzen, das ebenfalls nie fehlen darf.

Aber Gänswein würde sicher überzeichnen. Er liebt die rhetorischen Knalleffekte und könnte es sich wohl nicht verkneifen, mindestes eine "Kernspaltung im Innersten des Seins" einzubauen. Dass der Text des greisen Emeritus nicht so glänzend ist, wie frühere Äußerungen, ist vielleicht der beste Beweis für seine Echtheit. Der Brief über seinen Vorgänger, der en passant auch noch eine philosophische Brücke zu seinem Nachfolger schlägt (lesen Sie nach!), ist jedenfalls authentischer, als alles, was an Referentenprosa im Namen mancher Bischöfe veröffentlicht wird, deren Stil man nicht nachahmen kann, weil sie gar keinen haben.

Von Benjamin Leven

Der Autor

Benjamin Leven ist Redakteur der "Herder Korrespondenz".

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