Bischof Ackermann: Lieber ein eingeschränkter Gottesdienst als keiner
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Bischof Ackermann: Lieber ein eingeschränkter Gottesdienst als keiner

Mit den Gottesdienst-Sicherheitsvorkehrungen gegen das Corona-Virus kennt man sich mittlerweile aus. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann erklärt, wie es zu diesen Regelungen kommt – und warum er lieber so die heilige Messe feiert als gar nicht.

Von Renardo Schlegelmilch |  Trier - 23.05.2020

Inzwischen haben die meisten Gläubigen bei Corona-Gottesdiensten Übung: Abstand, Hygiene, kein Gesang. Aber wie kommt es überhaupt zu diesen Regeln? Und warum entscheidet jedes Bistum anders? Der Trierer Bischof Stephan Ackermann gibt als Vorsitzender der Liturgiekommission der deutschen Bischöfe Antworten darauf. Für ihn gilt: Besser ein eingeschränkter Gottesdienst als gar keiner.

Frage: Die Corona-Situation betrifft uns ja alle. Wie ist es bei Ihnen? In welcher Lage erwische ich Sie gerade?

Ackermann: Wir versuchen uns ja wieder zu lockern. Das ist ja die Lage, in der wir uns glaube ich alle befinden. Nach dieser Situation des Lock Down, des Homeoffice, wo es im Grunde nichts anderes gab, die nicht öffentlichen Gottesdienste und jetzt zu sehen wie geht das Zug um Zug, auch wieder sich im Analogen, im Physischen wieder anzunähern. Insofern bin ich aber froh, dass wirklich diese ganz strenge Phase jetzt vorbei ist und wir hoffen ja, dass es auch hält.

Frage: Kriegen Sie das gut hin mit Abstand halten und Masken tragen oder ist das erstmal so eine Art Eingewöhnung?

Ackermann: Das geht aber. An das Abstandhalten hat man sich ja jetzt schon gewöhnt oder niemandem die Hand zu geben. Ich merke das von mir selber, wenn man Bilder sieht zum Beispiel im Fernsehen, wo Menschen sich umarmen, dann denkt man sofort, dass das ältere Bilder sein müssen. Das können keine aktuellen Bilder sein. Die Maske da, wo es nötig ist, das geht. Man gewöhnt sich eben an die Dinge.

An das Abstandhalten hat man sich ja jetzt schon gewöhnt oder niemandem die Hand zu geben. Ich merke das von mir selber, wenn man Bilder sieht zum Beispiel im Fernsehen, wo Menschen sich umarmen, dann denkt man sofort, dass das ältere Bilder sein müssen.

Zitat: Bischof Stephan Ackermann

Frage: Was uns als Katholiken insbesondere interessiert, ist, dass seit einigen Wochen die Kirchen wieder aufmachen können oder je nach Bistum das gerade im Prozess ist, dass die Kirchen für öffentliche Gottesdienste aufgemacht werden. Welche Erfahrungen haben Sie damit bis jetzt im Bistum Trier gemacht?

Ackermann: Wir haben ja auch ein Schutzkonzept vorgelegt und an die Pfarreien verschickt. Wir haben aber auch deutlich gemacht, es ist keine Verpflichtung, dass man sozusagen ab dem Datum Gottesdienste wieder öffentlich feiern muss, sondern die Gemeinden sollen schauen, was sie möglich machen können. Also mit einem Empfangsdienst, mit den Abständen, mit den Schutzmaßnahmen und wir merken, dass an den verschiedenen Stellen das beginnt, aber es ist natürlich die Abwägung zu treffen: Bekommen die Gemeinden das hin, diese Konzepte auch durchzuführen? Und wie geht das gut zusammen mit der Feier des Gottesdienstes? Also dass es jetzt auch keine skurrilen Situationen gibt. Das ist ja die Abwägung und da muss man glaube ich ein bisschen ausprobieren. Ich selber habe es ja auch schon erlebt an einem Wallfahrtsort zur Eröffnung der Wallfahrtszeit. Das ging aber eigentlich ganz gut, das zu vermitteln. Händewaschen ist klar, aber selbst bei der Kommunionausteilung, ich hatte jetzt keine Plexiglasscheibe vor mir und keinen Mundschutz. Wenn man das Spendewort vorher deutlich sagt und dann wortlos die Kommunion reicht, dann so hatte ich den Eindruck, beeinträchtigt das auch jetzt nicht die Würde dieses Vorgangs.

Frage: Und das ist ein Thema, mit dem Sie sich ja auch intensiv in den letzten Wochen beschäftigt haben. Sie sind ja Vorsitzender der Liturgiekommission der Deutschen Bischofskonferenz. Was haben Sie da so in der Zeit, bis das angefangen wurde zu öffnen, diskutiert? Also was gibt es für Argumente, was gibt es für verschiedene Ideen, zum Beispiel mit der Kommunion umzugehen? Was gibt es für Argumente für und gegen eine Öffnung? Wie sahen da die Gespräche aus?

Ackermann: Es wurden eigentlich gar keine Gespräche geführt. Ich muss das ehrlich so sagen, weil natürlich die Liturgiekommission selbst gar nicht zusammengetreten ist oder auch keine Telefonkonferenz abgehalten hat. Wir haben ja als Fachstelle der Deutschen Bischofskonferenz das Deutsche Liturgische Institut hier in Trier und die haben entsprechende Vorschläge aufgestellt, abgestimmt mit dem Sekretariat der Bischofskonferenz und das ist ja dann eingegangen in den Vorschlag, der dann auch sozusagen auf der Bundesebene abgestimmt worden ist. Das waren ja wirklich gute Vorschläge, muss ich sagen, da braucht es keine große Diskussion im Vorfeld. Dann wurde das heruntergebrochen auf die einzelnen Bistümer.

Frage: Das heißt also, die Konflikte, was man in den Medien manchmal liest, mit Leuten, die damit Probleme haben, das gibt es auf dieser Ebene gar nicht?

Ackermann: Nein, auf der Ebene der Bischofskonferenz waren da gar keine Probleme, sondern das ist eher eine Frage auf der Ebene der Bistümer. Da erlebe ich es natürlich schon so. Wir haben ja verschiedene Krisenstäbe eingerichtet, auch einen pastoralen Krisenstab. Ich denke das ist in den anderen Bistümern auch so. Und da gibt es natürlich Rückfragen von Pfarrern, von Gemeindereferentinnen, von Gläubigen zum Beispiel zum Thema Mundkommunion und die Mitglieder dieses Krisenstabes beantworten dann die Rückfragen oder gucken auf Alternativvorschläge, die gemacht werden, um es zu prüfen. Das geht aber auch ganz gut, aber das läuft wie gesagt mehr auf dieser Ebene und weniger auf der Ebene der Bischofskonferenz.

Frage: Ich würde nochmal auf das Thema Kommunion kurz schauen. Sie haben es ohne Plexiglasscheibe gemacht. Das ist ja die Lösung, die im Kölner Dom gefunden wurde. Bekommt man das denn überhaupt hin ohne richtigen Körperkontakt oder ohne einem Menschen zu nahe zu kommen und überhaupt eine Kommunion zu feiern? Oder ist das ein gewisses Risiko, wo wir einfach sagen müssen: Uns ist das wichtig, wir gehen das ein.

Ackermann: Also das geht absolut ohne Körperkontakt. Ich will das einfach noch einmal sagen: Wir hatten das so festgelegt, dass ich, nachdem ich selber kommuniziert habe, mir noch einmal gründlich die Hände wasche, dann den Gläubigen die Kommunion zeige "Der Leib Christi, Amen", dass sozusagen der Spendedialog von allen gehört wird und stellvertretend für alle gesprochen ist. Dann bin ich zur Kommunionausteilung gegangen und habe schweigend den Gläubigen, die auch einen gewissen Abstand eingehalten haben, die Kommunion ausgeteilt. Wenn sich das ordentlich vollzieht gibt es ja gar keinen Kontakt zu den Gläubigen, also keinen Körperkontakt und das ging auch wirklich ganz gut. Die Gläubigen müssen natürlich schauen, wie das mit der Maske geht. Also die Maske abzuziehen, um dann die Kommunion zu empfangen, ich glaube das spielt sich aber auch noch ein, dass man das in einer guten Weise hinbekommt. An dem Tag lief das eigentlich schon ganz gut. Ich hatte wie gesagt, nicht den Eindruck, dass das jetzt die Würde des Kommunionvorgangs beeinträchtigt.

Der Trierer Dom ist der Mittelpunkt der Diözese.

Frage: Wie fühlt sich das für Sie an, auf so eine ungewöhnliche Art und Weise Gottesdienst und Kommunion zu feiern? Das ist ja für uns alle etwas Neues.

Ackermann: Ja, da gebe ich Ihnen recht. Also natürlich war zunächst einmal ja die Situation in der leeren Kirche oder in der fast leeren Kirche, also im Dom zum Beispiel zu feiern mit ganz wenigen, die aktiv sind in der Liturgie. Das war ja schon ein sehr eigenartiges Gefühl. Die Gottesdienste wurden aber natürlich gestreamt. Ein bisschen hat man den Eindruck, man liegt unter dem Mikroskop: Also man ist in einem ganz kleinen Kreis zusammen, aber man weiß doch, dass es viele gibt, die über den Livestream oder etwa dem offenen Kanal im Fernsehen mitfeiern. Jetzt haben wir die Situation, dass die Gottesdienstgemeinde sehr überschaubar ist, weil ja nicht so viele Menschen in der Kirche platznehmen können und die Menschen sitzen da mit Mundschutz. In der Kirche, wo ich war, hatte der Pfarrer dann auch die Bilder noch kleben von Gemeindemitgliedern, Kindern, Jugendlichen, Eltern, alten Menschen, sodass also das Bild irgendwie ganz bunt war. Die Bilder und die realen Personen, die dann da in den Bänken sitzen, aber die Menschen waren aufmerksam. Es ist natürlich so, dass man weniger Mienenspiel sieht. Etwa bei der Predigt kann man es nur an den Augen ablesen, ob die Menschen das aufnehmen, was ich sage, oder ob sie einschlafen. Das ist natürlich gewöhnungsbedürftig und ich hoffe, dass wir uns nicht auf lange Zeit daran gewöhnen müssen. Aber nochmal: Das geht und ich würde schon sagen: Ich halte die konkrete Feier des Gottesdienstes für wichtiger, als dass wir sagen: Wir kommen erst dann wieder zusammen, wenn wir in der Hochform feiern können, wenn es keine Beschränkungen gibt, wenn wir aus voller Kehle singen können, wenn die Kirche wieder gefüllt ist. Sondern das ist uns doch wichtig und wir feiern auch unter Einschränkungen, unter schwierigen Bedingungen die Eucharistie und hören das Wort Gottes und empfangen das Sakrament.

Frage: Das kann man ja auch historisch betrachten. Es gab ja schon immer Zeiten, wo es für die Christen schwierig gewesen ist Gottesdienst zu feiern.

Ackermann: Absolut und es gab ja auch Zeiten, wo Gottesdienste eingeschränkt waren. Ich habe das in einem Artikel gelesen, in früheren Zeiten auch selbst im Kirchenstaat zu Pestzeiten, wo die Päpste selber Gottesdienste und Prozessionen ausgesetzt haben. Wenn ich an die Geschichte des Bistums Trier denke, auch da haben wir ja die große Tradition der Heiligrockwallfahrten zur Tunica Christi als der kostbaren Reliquie unseres Domes. Da gab es ja auch Zeiten, wo Wallfahrten ausgefallen sind, wo auch etwa ein Domkapitel nicht getagt hat, aus Schutz vor Ansteckung. Nur ist unser Gedächtnis in der Regel nicht so lang, dass wir uns irgendwie erinnern könnten und sagen: Das sind Zeiten, die die Kirche und die Gläubigen schon durchgemacht haben.

Frage: Wenn man das einmal aus einer spirituellen Richtung betrachtet kann man sich da auch irgendwie etwas mitnehmen? Vielleicht dass es eine Zeit ist, in der Sachen, die für uns im Glauben ganz selbstverständlich sind, eigentlich gar nicht so wirklich möglich sind?

Ackermann: Ja, ich glaube gerade die verschiedenen Wortbeiträge und Diskussionen zeigen, dass man jetzt nochmal schaut: Wie ist zum Beispiel der Wert der Feier der Eucharistie? Wie steht es um die Bedeutung des Sonntags? Wie ist der Zusammenhang zwischen der inneren, der geistigen, spirituellen Verbindung und dem konkreten Zusammenkommen? Natürlich muss man jetzt ein bisschen Acht geben, dass man nicht vorschnell Dinge zu sehr deutet, da bin ich auch zurückhaltend. Man muss nach ein paar Monaten sehen: Was sind wirklich Dinge, die sich weitertragen, vielleicht auch bei Gebetsgemeinschaften in Familien, in Häusern, also hat das eine Nachhaltigkeit oder geht das doch einfach wieder verloren? Ich glaube, wir sollten auch nicht vorschnell allzu große theologische Schlüsse ziehen, sondern in Ruhe beobachten und wahrnehmen, was geht bei uns selber da vor. Und das Interessante, das ist mir noch einmal deutlich geworden in unserem Glauben, und in der Botschaft Jesu ist es ja so, dass es oft um Paradoxien geht. Also wenn Jesus selber sagt: "Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst, dann habt ihr das Leben nicht in Euch." Das heißt: Wenn ihr nicht wirklich die Eucharistie empfangt, das ist ein eucharistischer Text. Es braucht den konkreten Empfang des Sakramentes und in diesem Abschnitt im Johannesevangelium im sechsten Kapitel sagt Jesus wenige Verse später: "Der Geist ist es, der lebendig macht, das Fleisch nützt nichts." Da hat man den Eindruck, das ist ja genau das Gegenteil. Das erleben wir jetzt auch. Das konkrete physische Zusammenkommen, das ist wichtig und gehört dazu, ohne das können wir nicht sein, aber wenn Menschen nebeneinander in der Bank sitzen und innerlich Lichtjahre voneinander entfernt sind, dann gibt es auch keine Communio, keine Kommunion. Vielleicht können wir auch lernen, in dieser Zeit mit solchen Paradoxien unseres Glaubens umzugehen und darauf zu achten, dass wir nicht immer versuchen, alles auf einen Punkt zu bringen und zu sagen: Es kann nur so sein und nur das ist richtig und wichtig. Also da mit mehr Gelassenheit zu lernen, das könnte auch eine Erfahrung dieser Zeit sein.

Frage: Herr Bischof Ackermann, die Abschlussfrage in dem Gespräch ist bei jedem Gesprächspartner die gleiche. Was bringt Ihnen Hoffnung im Moment?

Ackermann: Mir bringt Hoffnung, dass es ja viele Engagements des Zusammenhaltes gibt, das muss man ja auch sagen. Also letztlich zu sehen, dass hier eine Gesellschaft wirklich bereit ist, Opfer zu bringen, wirtschaftlich, menschlich, gesellschaftlich und nicht zu sagen: Es gilt eben das Recht des Stärkeren, die die gesund sind und keine Vorerkrankungen haben, nicht einer Risikogruppe angehören, die marschieren einfach durch." Sondern dass wir sagen: Wir achten gerade auf die, die hilfebedürftig sind, die verletzlich sind und wir lassen uns das was kosten, im wahrsten Sinne des Wortes. Also das ist doch ein Hoffnungszeichen. Wenn wir sonst immer von der Ellebogenmentalität sprechen. Und wie viele Menschen auch sagen: Ich spüre jetzt doch nochmal die Bedeutung des Glaubens für mein Leben. Oder die Wochen haben mir zu einer Vertiefung verholfen die Botschaft nochmal anders zu hören. Das sind doch wirklich hoffnungsvolle Ansätze.

Von Renardo Schlegelmilch