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Standpunkt

Es fehlt eine Kunst des Ruhestands für Bischöfe

Eben noch Bischof mit Machtfülle – im nächsten Moment Emeritus. Dieser Wechsel gelingt nicht allen – vor allem, wenn Personalrochaden an der Kurie "junge" Altbischöfe schaffen. Es braucht eine Kunst des Ruhestands für Bischöfe, kommentiert Felix Neumann.

Von Felix Neumann |  Bonn - 25.05.2020

Im späten Mittelalter entwickelte sich eine Kunst des Sterbens. Das aktive Amt des Bischofs endet heute aber selten mit dem Tod, sondern mit der Emeritierung. Die Weihe bleibt den Hirten bis zuletzt, doch ihre Macht endet jäh: Eben noch fast absoluter Fürst, im nächsten Moment ein König ohne Land.

Im besten Fall ist es dann so, wie es der emeritierte Bischof Benedikt XVI. in seinem jüngsten Interview beschreibt. Dort vergleicht er seine Rolle mit dem Austragsbauern, der seinen Hof dem Sohn übergeben hat: "Die spirituelle Seite des Vaterseins bleibt bestehen, während auf der Seite der konkreten Rechte und Pflichten die Situation sich entsprechend ändert." Im schlechtesten Fall werden die neuen Altbischöfe, die oft noch Jahrzehnte an Leben vor sich haben, zu modernen Vagantenbischöfen, die ohne mäßigendes Umfeld durch die Welt und die Schlagzeilen irrlichtern.

Das Problem ist relativ neu: Erst nach dem Zweiten Vatikanum wurde die Praxis und das Amt eines Emeritus als Regelfall bei Erreichen einer Altersgrenze entwickelt. Auf die kirchenrechtliche Regelung um 1970 folgte 2004 ein Direktorium der Bischofskongregation, in der neben vielen Regularien auch ein wenig über die erwünschte geistliche Haltung des Altbischofs geschrieben wurde: Brüderlichkeit mit dem amtierenden Bischof, bereit zu Rat und Hilfe, bescheiden zurückhaltend, jeden Eindruck einer "Parallelautorität" vermeidend.

Wie der Altbischof diese Haltung erreicht, steht dort nicht. Bei Bischöfen, die die reguläre Altersgrenze erreichen, geht das oft gut, bei den jungen Altbischöfen, die aus dem aktiven Dienst der römischen Kurie ausscheiden, nicht immer. Hier ist die Fallhöhe besonders hoch, weil es nicht einmal die Rolle des Austragsbauern am Dikasterium gibt, weil für bischöfliche Verhältnisse junge Männer plötzlich mit voller sakramentaler Macht und doch ohne kirchliche Aufgabe, ohne Perspektive dastehen, und der Schritt zurück ins Glied verwehrt bleibt: Das unauslöschliche Prägemal des Weihesakraments wird zur Karriere-Einbahnstraße, die eine standesgemäße Anschlussverwendung unmöglich macht.

Dabei rächt es sich besonders, dass in der Kirche gern vornehm von Macht geschwiegen wird, bischöfliche Macht als Vollmacht und Sendung spiritualisiert wird. Wo Macht geleugnet wird, fällt der Umgang mit Machtverlust besonders schwer. Kirchenrechtliche Regeln würden etwas helfen, wenn sie die Rolle und Aufgabe der Altbischöfe im Kollegium der Bischöfe klarer machten und besser definierten. Vor allem aber braucht es eine persönliche Spiritualität, eine Kunst des Ruhestands – und dafür eine Amtstheologie, die bischöfliche Macht nicht leugnet, sondern reflektiert.

Von Felix Neumann

Der Autor

Felix Neumann ist Redakteur bei katholisch.de und Mitglied im Vorstand der Gesellschaft katholischer Publizisten (GKP).

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