"Glaube und Vernunft sind keine Gegensätze, sondern gehören zusammen"

Wiesemann verteidigt bischöfliches Ja zu Gottesdienstverboten

Aktualisiert am 25.05.2020  –  Lesedauer: 
Bischof Karl-Heinz Wiesemann bei der Jahresauftakt-Pressekonferenz am 23. Januar 2020 in Speyer
Bild: © Bistum Speyer

Speyer ‐ Die in der Corona-Krise erlassenen Gottesdienstverbote haben in den vergangenen Wochen für viele Diskussionen gesorgt. Speyers Bischof Karl-Heinz Wiesemann hat das Verhalten der Bischöfe in dieser Frage nun noch einmal verteidigt.

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Speyers Bischof Karl-Heinz-Wiesemann hat rückblickend die Entscheidung der deutschen Bischöfe verteidigt, die von Bund und Ländern im Zuge der Corona-Pandemie erlassenen Gottesdienstverbote zu akzeptieren. "Zweifellos war es für uns besonders zum Osterfest hin äußerst schmerzhaft, auf öffentliche Gottesdienste zu verzichten. Aber es ging hier nicht darum, ob wir uns vom Staat her vorschreiben lassen, ob Gottesdienste gefeiert werden", sagte Wiesemann am Wochenende der "Südwest Presse". Die entscheidende Frage sei für ihn gewesen, ob eine solch schwerwiegende Einschränkung vom Glauben selber her zu begründen sei – und zwar als wesentlicher Akt der Solidarität gerade mit den besonders Gefährdeten. Dies sei in vielen Predigten und kirchlichen Kommentaren deutlich dargelegt worden.

"Man kann im Nachhinein diskutieren, ob alle Maßnahmen des ersten Lockdown die einzig richtige Vorgehensweise darstellten. Uns allen aber waren die Bilder aus Bergamo und New York eindringlich vor Augen", so Wiesemann weiter. Sein Bistum etwa liege an der Grenze zum französischen Elsass. Dort habe sich die Epidemie maßgeblich auch durch ein religiöses Event schnell und mit dramatischen Folgen ausgebreitet. "Glaube und Vernunft sind keine Gegensätze, sondern gehören zusammen. Verantwortungslosigkeit ist kein sinnvoller Ausdruck von Freiheit jeder Art", erklärte der Speyerer Bischof.

Wiesemann begrüßte zugleich die inzwischen erfolgten Lockerungen der Kontaktbeschränkungen: "Die Situation, in der gerade alte und gebrechliche Menschen isoliert und einsam ihre Tage verbringen mussten, war unerträglich." Er könne die Notlage nachvollziehen, die zu so drastischen Einschränkungen geführt habe, aber er sei zugleich froh über jede Erleichterung, die hier bei aller Vorsicht möglich gemacht werden könne. Er wolle nicht bezweifeln, dass es im Kampf gegen die Pandemie um komplexe Abwägungsfragen gehe. "Aber ein Reglement, das zu Grausamkeiten wie etwa einem Sterben in erzwungener völliger Einsamkeit führt, ist unmenschlich. Gerade im Angesicht des Todes muss es bei aller Prävention möglich sein, Menschen begleiten zu können", so der Bischof. (stz)