Kreuz und Bibelspruch: Das Berliner Stadtschloss erhitzt die Gemüter
Erneute Diskussion um christliche Elemente am Humboldt Forum

Kreuz und Bibelspruch: Das Berliner Stadtschloss erhitzt die Gemüter

Kurz vor der baulichen Vollendung des Berliner Stadtschlosses ist die Debatte um das umstrittene Kuppelkreuz auf dem Bauwerk wiederaufgeflammt. Doch nicht nur das: Vor wenigen Tagen wurde ein weiteres christliches Element auf der Kuppel sichtbar, das seither die Gemüter erregt und deutliche Kritik hervorruft.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 29.05.2020

Hätte man die Aufgabe, den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses mit nur einem passenden Adjektiv zu beschreiben, müsste man sich wohl für "umstritten" entscheiden. Denn auch wenn man mit Blick auf die inzwischen fast vollendete Rekonstruktion des Schlosses ebenso "barock" oder aufgrund der enormen Baukosten von mehr als 640 Millionen Euro "teuer" wählen könnte – beide Begriffe würden das Bauwerk im Herzen Berlins nur unzureichend erfassen. Wer jedoch vom "umstrittenen Stadtschloss" spricht, der fasst den Wiederaufbau der einstigen Hohenzollern-Residenz und die ihn begleitenden Debatten der vergangenen zwei Jahrzehnte ziemlich treffend zusammen.

Spätestens seit sich der Deutsche Bundestag 2002 für den Wiederaufbau des Schlosses ausgesprochen hatte, war das Projekt immer wieder Gegenstand kontroverser Diskussionen. Dies galt – je näher der Bau seiner Vollendung kam – auch für den erst spät bekannt gewordenen Plan, die Kuppel über dem Westportal des Schlosses mit einem Kreuz zu krönen. Nachdem noch in den ersten Entwürfen des italienischen Architekten Franco Stella kein Kreuz vorgesehen war und dieses Detail auch in den Diskussionen um den Wiederaufbau keine große Rolle gespielt hatte, wurde das Kreuz 2017 – finanziert durch eine private Millionenspende – plötzlich als "krönender" Abschluss des Wiederaufbaus präsentiert.

Kontroverse Debatte um das Kuppelkreuz

Es folgte eine heftige Auseinandersetzung, bei der sich die Befürworter und Gegner der Kreuz-Rekonstruktion weitgehend unversöhnlich gegenüberstanden. Während Befürworter wie der Berliner Erzbischof Heiner Koch oder die katholische Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) auf das historische Vorbild auf dem 1950 von den DDR-Machthabern gesprengten Originalgebäude verwiesen und den einladenden Gestus des Kreuzes betonten, empörten sich die Gegner über das christliche Symbol auf dem Gebäude. Schließlich, so lautete ein wiederholt vorgebrachtes Argument, solle im künftigen Humboldt Forum vor allem außereuropäische Kunst präsentiert werden – unter anderem aus Afrika und Amerika. Gerade auf diesen beiden Kontinenten sei unter dem Deckmantel des christlichen Kreuzes in der Vergangenheit jedoch viel Unheil angerichtet worden.

Die Diskussion über Sinn und Unsinn des Kuppelkreuzes hätte für das inhaltliche Profil des künftigen Museumskomplexes durchaus fruchtbar sein können. Sie wurde jedoch nach wenigen Wochen abrupt beendet –  durch ein Votum der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, die sich als Bauherrin endgültig für den Bau des Kreuzes aussprach. "Wir halten an der historischen Rekonstruktion fest – und damit auch an dem Kreuz", erklärte Vorstandsmitglied Johannes Wien Ende Juni 2017.

Das neue Kuppelkreuz des wiedererrichteten Berliner Stadtschlosses kurz vor seiner Montage auf dem Schlossdach.

Dass der Konflikt mit diesem Votum der Stiftung zwar kurzfristig beendet, aber nicht langfristig gelöst wurde, zeigt sich in diesen Tagen. Nachdem die Verantwortlichen Anfang der Woche bekannt gegeben hatten, dass die historische Rekonstruktion der Kuppel noch vor Pfingsten abgeschlossen werden solle, brach die Debatte um das Kuppelkreuz nach knapp drei Jahren mit großer Heftigkeit wieder auf. Verstärkt wird die Auseinandersetzung diesmal allerdings noch durch ein weiteres christliches Element, das nach dem Abbau der Baugerüste vor ein paar Tagen unterhalb der Kuppel erstmals sichtbar geworden ist und die umstrittene religiöse Bekrönung des Schlosses noch verstärkt.

In goldenen Buchstaben steht auf einem umlaufenden blauen Spruchband am Fuß der Kuppel: "Es ist in keinem andern Heil, ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn in dem Namen Jesu, zur Ehre Gottes des Vaters. Dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind." Der Spruch ist eine Kombination aus zwei Bibelstellen (Apostelgeschichte 4,12 und Philipper 2,10) und wurde vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. verfasst – auch um im Zuge der von ihm abgelehnten Revolution von 1848/1849 das Gottesgnadentum seiner Herrschaft und das aus heutiger Sicht verhängnisvolle Bündnis von Thron und Altar gegen die Forderungen nach einer Demokratisierung des Herrschaftssystems zu verteidigen. Gleiches gilt übrigens für das Kreuz, das ebenfalls erst auf Initiative Friedrich Wilhelms auf das Schlossdach gesetzt wurde.

Keine öffentliche Debatte über problematische Inschrift

Nur unter enger am Bau Beteiligten war bekannt, dass im Zuge des Wiederaufbaus des Schlosses auch der Spruch rekonstruiert werden sollte. Eine öffentliche Debatte über die für die inhaltlichen Ziele des Humboldt Forums problematischen Worte und deren Herkunft hat jedoch nie stattgefunden. Das sieht inzwischen offenbar auch das Forum als Versäumnis an: "Bislang standen die 34 Zentimeter hohen, goldgefassten Lettern der umlaufenden Inschrift auf dem Tambour, unterhalb des Gesimses, kaum im Fokus der Diskussion, dabei können sie, beim Wort genommen, das Prinzip Humboldt Forum empfindlich treffen", heißt es in einem Anfang der Woche auf der Internetseite des Forums veröffentlichten Beitrag.

Der Beitrag wurde gemeinsam mit weiteren Texten und Stellungnahmen veröffentlicht – die Stiftung will offenbar kurz vor Abschluss der Bauarbeiten doch noch die Debatte führen, die sie durch ihr Votum für das Kreuz 2017 vorschnell beendet hatte. Dass Kreuz und Bibelspruch für den weltkulturellen und interreligiösen Anspruch des Museumskomplexes tatsächlich ein Problem seien könnten, haben die Verantwortlichen inzwischen erkannt. In einer Pressemitteilung versprach der Generalintendant des Humboldt Forums, Hartmut Dorgerloh, es verstehe sich von selbst, "dass wir uns von jeglichen Macht-, Alleingültigkeits- oder gar Herrschaftsansprüchen distanzieren, die aus diesen Zeichen oder Inschriften abgeleitet werden können". Vielmehr gehöre die bauliche Ambiguität zur DNA des Humboldt Forums. Er sehe, so Dorgerloh, insbesondere in der Debatte um die unterschiedliche Wahrnehmung der historischen Rekonstruktion "einen klaren Auftrag für ein Programm der Vielstimmigkeit aus unterschiedlichen Perspektiven".

Das rekonstruierte Berliner Stadtschloss kurz vor dem Abschluss der Bauarbeiten im Mai 2020.

Wie die Verantwortlichen diesen Auftrag angesichts der kontroversen Debatte um die religiöse Symbolik erfüllen werden, bleibt abzuwarten. Der mediale Schaden ist allerdings längst da. Die "Süddeutsche Zeitung" schrieb vor wenigen Tagen mit Blick auf den Bibelspruch von einer "unmöglichen Inschrift", die "Frankfurter Rundschau" mutmaßte unter der Überschrift "Auf die Knie gezwungen", der Spruch sei offenbar weder von Theologen oder Historikern auf seine aktuelle Bedeutung hin überprüft worden.

Die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) äußerte auf Anfrage von katholisch.de ebenfalls Bedenken gegen die Inschrift. Dass der Bibelspruch beim Wiederaufbau eins zu eins übernommen worden sei, sehe man kritisch. "Der Spruch zeigt eine Mischung aus Bibelzitat und seltsamer Königstheologie, eine restaurative Betonung von machtvollen Alleinvertretungsansprüchen. Für Menschen, die den Kontext nicht kennen, ist das verständlicherweise irritierend", so EKBO-Sprecherin Amet Bick. Die Rekonstruktion des Kuppelkreuzes verteidigte sie dagegen. Das Kreuz habe viel Missbrauch und Missverstehen in seiner Geschichte überstanden. "Dennoch steht es für Hingabe, Vergebung und Versöhnung. Es gehört auf diese Kuppel, alles andere wäre Geschichtsvergessenheit", erklärte Bick.

Rabbiner wünscht sich Protest der beiden Kirchen

Noch wesentlich deutlicher mit Blick auf die Inschrift wurde am Donnerstag der Berliner Rabbiner Andreas Nachama. In einem Kommentar für die "Jüdische Allgemeine" stellte er die Frage, ob Berlin eine Stadt der Toleranz sei, in der Christen, Juden, Muslime, Religionslose und Religionskritiker friedlich nebeneinander leben und "auf Augenhöhe respektvoll miteinander umgehen" könnten. "Nein. Berlin ist eine Stadt, die offenbar weiter mit der Vorstellung lebt, dass allein Kreuz und Christentum glückselig machen", so der Rabbiner. Nachama sprach sich dafür aus, dass der katholische Erzbischof Heiner Koch und der evangelische Landesbischof Christian Stäblein an der Spitze einer Bürgerinitiative dafür plädieren sollten, den die Kuppel umrundenden Spruch zu beseitigen – "denn im Jahr 2020 sollte es einen solchen Rückfall in die Gedankenwelt eines Preußenkönigs nicht geben".

Kreuz und Bibelspruch, so viel scheint kurz vor der baulichen Vollendung des Schlosses und angesichts der aktuellen Debatte klar, sind und bleiben wohl eine große Herausforderung für das Humboldt Forum. Es wird sich zeigen, wie der Museumskomplex den direkten Widerspruch der religiösen Symbolik zu den im Inneren des Gebäudes später zu sehenden Ausstellungsobjekten auflösen kann. Gelingt dies nicht, könnte sich das als schwere Hypothek für das Forum erweisen.

Von Steffen Zimmermann