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Standpunkt

Nach dem Lockdown gehören die Gottesdienst-Streams abgeschaltet!

Manche Gemeinden wollen auch nach Ende aller Corona-Auflagen ihre Gottesdienste weiter online übertragen. Das wäre ein strategischer Fehler, kommentiert Lucas Wiegelmann. Er verlangt vielmehr Aufklärungsarbeit über das Besondere der Messe.

Von Lucas Wiegelmann |  Bonn - 29.05.2020

Die Tageszeitung "Avvenire" der italienischen Bischofskonferenz droht in diesen Tagen, in Leserbriefen zu ertrinken. Laien, Priester, Ordensleute schreiben, Papst Franziskus solle bitte den Livestream von seiner Morgenmesse in der Casa Santa Marta wieder anschalten. Seit Anfang März waren die täglichen 7-Uhr-Gottesdienste des Papstes live übertragen worden, als Trost für die Corona-bedingte Absage öffentlicher Messen. Als Mitte Mai die Gottesdienste in Italien wieder geöffnet wurden, beendete Franziskus die Aktion wieder. Zum Unverständnis vieler Gläubiger, wie sich nun zeigt.

Die Protestbriefe stehen beispielhaft für eine regelrechte Streaming-Euphorie, die gerade in der katholischen Kirche um sich greift, nicht nur in Italien. Erste Pfarrer und Gemeinden kündigen auch in Deutschland bereits an, auch nach dem Lockdown ihre Gottesdienste weiter im Internet übertragen zu wollen. Dabei geht es nicht um die Versorgung Alter und Kranker zu Hause (die ist durch viele gute Angebote online und im Rundfunk bereits gewährleistet und muss es natürlich bleiben) – sondern sozusagen um einen alternativen Vertriebsweg für alle. Zu verlockend scheint die Chance, sich jung und flexibel geben zu können, offen für Neues. Vielleicht erreicht man am Ende ja sogar neue Zielgruppen?

Doch wenn das Schule macht, begeht die Kirche einen strategischen Fehler. Je mehr Gemeinden ihre Gottesdienste dauerhaft auch im Netz zeigen, desto mehr wird der Eindruck entstehen: Ob man nun hingeht oder nicht, ist letztlich egal, Hauptsache, man weiß noch, dass gerade irgendwo was läuft. Der Gottesdienst als Gemeinschaftserlebnis erscheint dadurch zwangsläufig als vernachlässigbar. Von der persönlichen Begegnung mit Gott in der Eucharistie einmal abgesehen, zu der es ja, wie es heißt, in der Messe auch regelmäßig kommen soll.

Für die Kirche wird es schwierig genug, die Gläubigen nach monatelanger Zäsur wieder regelmäßig in die Messen zu bekommen. Da wäre es hilfreich, das Besondere, das Einmalige der Gottesdienste neu zu vermitteln, zum Beispiel durch Liturgie-Einführungen zum Neustart – gerne auch als Online-Kurs, warum nicht? Vor dem Irrtum dagegen, das Live-Erlebnis durch Parallelübertragungen zu beschädigen, möge die Gemeinden jener Geist bewahren, der bekanntlich auch ohne Internet streamt, wo er will.

Von Lucas Wiegelmann

Der Autor

Lucas Wiegelmann ist Chefkorrespondent Vatikan der Herder Korrespondenz in Rom.

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