Bruder Günther Nährich und eine Krankenschwester stehen am Bett eines Patienten.
Bild: © Ernst Zerche
Missionar in Uganda im Interview über Schutzmaßnahmen und Wucherpreise

Ruhe vor dem Sturm: Bruder Günther rüstet sein Krankenhaus für Corona

Savanne im Lockdown: Strikte Schutzmaßnahmen lähmen das öffentliche Leben in Uganda – mit dramatischen Folgen nicht nur für den Comboni-Missionar Günther Nährich, der medizinische Ausrüstung für "sein" Krankenhaus im Nordosten des Landes kaufen muss.

Von Cornelius Stiegemann |  Matany/Bonn - 06.06.2020

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldet für Uganda derzeit 350 Corona-Fälle. Bei einer Bevölkerung von über 42 Millionen Menschen erscheint das wenig, wobei die Dunkelziffer deutlich höher liegen dürfte. Das Land ist für einen größeren Ausbruch kaum gerüstet. Deshalb hat die Regierung frühzeitig strikte Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie erlassen. Direkt davon betroffen ist auch Bruder Günther Nährich MCCJ. Der Comboni-Missionar aus dem baden-württembergische Bopfingen leitet das St. Kizito Hospital in Matany im Nordosten des Landes. Das 1967 von Comboni-Schwestern gegründete Haus verfügt über 250 Betten, verteilt auf Kinder-, Tuberkulose- und Entbindungsstation sowie Innere und Chirurgische Abteilung. Ihm sind eine Krankenpflege- und Hebammenschule angegliedert. Das Krankenhaus liegt in einer der ärmsten Regionen des Landes. Als Geschäftsführer ist Bruder Günther für alle nicht-medizinischen und -pflegerischen Aktivitäten verantwortlich. Das reicht vom Führen von Personalakten bis zur Beschaffung von Fieberthermometern – was in Zeiten der Corona-Pandemie durchaus zur Herausforderung werden kann, wie er im Interview berichtet.

Frage: Wie sehen die staatlichen Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus in Uganda aus?

Nährich: Schon bevor der erste Corona-Patient in Uganda registriert wurde, wurden Schulen und Universitäten am 19. und 20. März geschlossen. Das betraf auch unsere Krankenpflege- und Hebammenschule. Es darf keine öffentlichen Versammlungen mehr geben. Der Personen- und Flugverkehr wurde eingestellt, die Grenzen und die meisten Geschäfte geschlossen. Zugang zu Lebensmittelgeschäften und Märkten wird nur mit dem nötigen Abstand gewährt. Später hat die Regierung auch eine nächtliche Ausgangssperre verhängt, die zusammen mit den Versammlungsverboten teils rigoros durchgesetzt wird. Die auferlegten Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie sind überall deutlich zu spüren.

Frage: Wie beeinflusst das den Alltag der Menschen?

Nährich: Die übliche Begrüßung mit Handschlag ist verboten. Damit kommt es unweigerlich zu einer Distanzhaltung zwischen den Menschen und das Zusammenleben verändert sich. Das Land wirkt wie gelähmt. Außerdem sind die Lebensmittelpreise so sehr gestiegen, dass sie für einfache Leute nicht mehr bezahlbar sind. Manche müssen sich mit einfachem wildwachsendem Blattgemüse zufriedengeben, das in der aktuellen Regenzeit überall wächst. In den Städten treiben diese Preisanstiege viele in die Hungersnot, weil sie sich keine Lebensmittelvorräte anlegen konnten. In den letzten Jahrzehnten ist die städtische Bevölkerung dramatisch gewachsen. Die meisten Menschen wohnen in Slums auf engstem Raum und leben von Gelegenheitsarbeiten und Straßenhandel. Nun fällt für Tagelöhner die Lebensgrundlage weg, Ersatz gibt es nicht. Uganda hat keine sozialen Strukturen, durch die die Opfer der Krise aufgefangen werden könnten, und nicht die Ressourcen, um die dramatischen Folgen für Betriebe und Geschäfte abzufedern. Positiv ist, dass die Regierung begonnen hat, Lebensmittel wie Maismehl, Bohnen und Salz an bedürftige Bevölkerungsgruppen in Kampala und den Vororten zu verteilen. Kranke bekommen zusätzliche Lebensmittel wie Zucker und Milchpulver. Das ist ein guter Anfang, aber viele Notleidende – gerade auf dem Land – werden gar nicht erreicht.

Bruder Günther Nährich im Gespräch mit zwei Mitarbeitern sienes Krankenhauses
Bild: © Ernst Zerche

Der Comboni-Missionar Günther Nährich leitet ein Krankenhaus in Matany, im Nordosten von Uganda. Hier spricht er mit zwei seines Mitarbeitern.

Frage: Haben die staatlichen Maßnahmen auch Auswirkungen auf Ihren Arbeitsalltag?

Nährich: Der Lockdown hat dazu geführt, dass die Zahl der Patienten im Krankenhaus stark zurückgegangen ist. Momentan sind nur 60 bis 65 Prozent der Betten belegt. Wir haben ein großes Einzugsgebiet. Aufgrund des Verbots für öffentlichen und privaten Verkehr können Patienten aus entfernten Gebieten das Krankenhaus nicht erreichen. Wir halten einen Ambulanz-Service für Notfälle weiterhin aufrecht. Aber es ist Regenzeit und bei heftigen Regenfällen bleiben unsere Wagen teilweise im Schlamm stecken, sodass sie mit einem Traktor befreit werden müssen. Dadurch, dass die Arbeit im Krankenhaus aber regulär weitergeht und es auch sonst verschiedene Aufgaben zu bewältigen gibt, ist mein Alltag wenig eingeschränkt. Allerdings wird die Beschaffung von Medikamenten und Hilfsmaterialien immer schwieriger, da Vorräte schwinden und die Preise enorm angestiegen sind. Ein Infrarotthermometer, das im Februar noch umgerechnet 90 Euro gekostet hat, wurde Ende März für 325 Euro angeboten.

Frage: Werden in Ihrem Krankenhaus bereits Corona-Patienten behandelt oder gibt es Vorbereitungen für die ersten Fälle?

Nährich: Hier in Matany und in der gesamten Region Karamoja gibt es noch keine Corona-Patienten. Allerdings haben wir schrittweise Vorbereitungen für erste Fälle getroffen. Als erstes wurden am Eingang des Krankenhauses, wie auch vor den verschiedenen Krankenstationen und Büros, Handwaschgelegenheiten eingerichtet. Außerdem werden alle Patienten, die in die Ambulanz kommen, gebeten, einen Fragebogen zu beantworten und ihre Temperatur wird gemessen. Die Zahl von Begleitpersonen und Besuchern haben wir beschränkt. Wir haben eine Isolierstation eingerichtet und das Personal, das sich freiwillig für die Betreuung von eventuellen Patienten zur Verfügung gestellt hat, wurde geschult. Leider fehlt es an Schutzkleidung. Der kleine Vorrat reicht höchstens für zwei Wochen. Im Distrikt trifft sich jeweils wöchentlich eine vom Gesundheitsamt geleitete "Corona Task Force", an der auch unser Chefarzt und Vertreter unseres Basisgesundheitsteams teilnehmen.

Frage: Wie sieht es in den Gemeinden aus? Finden noch Gottesdienste oder die Spendung der Sakramente statt?

Nährich: Seit dem Lockdown im März finden in Uganda keine Gottesdienste mehr statt. Auch die Spendung von Sakramenten wurde damit verschoben. Alle 217 Jugendliche, die sich auf die Taufe in der Osternacht vorbereitet und gefreut hatten, mussten vertröstet werden. Verschiedene Pfarreien bieten Online-Gottesdienste an, insbesondere in den Städten, wo die Leute einen Internetzugriff haben. Hier auf dem Land werden an den Sonntagen Lesungen, kurze Predigten sowie geistliche Gesänge über Lautsprecher verbreitet.

Ein Priester segnet einen neuen Krankenwagen des St. Kizito Hospitals in Matany. Bruder Günther Nährich steht im Hintergrund.
Bild: © Ernst Zerche

Ein Priester segnet einen neuen Krankenwagen des St. Kizito Hospitals in Matany. Bruder Günther Nährich steht im Hintergrund.

Frage: Was bedeutet das für die Gläubigen?

Nährich: Keinen Gottesdienst besuchen zu können, bedeutet für die Menschen in Matany einen gravierenden Einschnitt. Für viele, die Sonntag für Sonntag die große Kirche bei zwei Gottesdiensten füllen, ist die gemeinsame Feier das zentrale Ereignis des Tages und ihres Glaubensvollzugs. Dafür kleiden sie sich mit Sorgfalt, beteiligen sich mit großer Begeisterung, bringen ihre wunderbaren, mitreißenden Gesänge ein und geben ihrer Freude mit Tanzen, Klatschen und lautem Jubel Ausdruck. Gemeinschaft und Solidarität wird gestärkt und äußert sich auch ganz konkret darin, dass in der Kollekte das Wenige, das jeder hat, geteilt wird.

Frage: Wie gestaltet sich das Glaubensleben in Ihrer Gemeinschaft?

Nährich: In Matany feiern wir jeden Sonntag als apostolische Gemeinschaft – also zusammen mit den zwei Schwesterngemeinschaften – im Hof unserer Gemeinschaft Eucharistie, freilich unter Einhaltung der auch hier geltenden Abstandsregeln. An den Wochentagen wird abwechselnd in den verschiedenen Gemeinschaften die Eucharistie gefeiert; das Stundengebet pflegen wir ebenfalls. Zusätzlich halten wir Comboni-Missionare in dieser Corona-Zeit täglich abends eine Stunde Anbetung, in der wir um die Beendigung der Pandemie beten und uns auch mit unseren Schwestern und Brüdern der Pfarrei und weltweit verbunden fühlen.

Frage: Was ist Ihre Perspektive für die nächsten Monate?

Nährich: Medienberichten zufolge gibt es mittlerweile 350 Covid-19-Infektionen in Uganda. Davon sollen viele bereits wieder genesen sein. Tote sind nicht zu beklagen. Diese Aussage kann uns jedoch nicht ruhig stimmen. Es wird zu wenig getestet und die Sterblichkeit ist ohnehin hoch im Land. Aus diesem Grund sind diese offiziellen Verlautbarungen kaum das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Wir werden hier vor Ort mit Vorsicht und Umsicht und auch mit Zuversicht unseren Weg weitergehen. Wir tragen so unseren Teil dazu bei, Schlimmeres zu vermeiden. Ebenso bitten wir Gott, die Pandemie von der Menschheit hier und überall in der Welt abzuwenden. In dieser Gesinnung und diesem Handeln erfüllen wir unseren Wahlspruch: We dress the wound, God heals it – Wir verbinden die Wunde, Gott heilt sie.

Von Cornelius Stiegemann