Missbrauchsstudie beleuchtet Ära der Erzbischöfe Jaeger und Degenhardt
Universität startet wissenschaftliche Aufarbeitung im Erzbistum Paderborn

Missbrauchsstudie beleuchtet Ära der Erzbischöfe Jaeger und Degenhardt

Welchen Umfang hatte sexueller Missbrauch im Erzbistum Paderborn in den Amtszeiten der Erzbischöfe Lorenz Jaeger und Joachim Degenhardt? Wer wusste wie viel und ist wie damit umgegangen? Das will eine jetzt gestartete Studie herausfinden.

Paderborn - 04.06.2020

Die Universität Paderborn hat eine unabhängige Studie zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle im Erzbistum Paderborn gestartet. Sie bezieht sich auf die Amtszeiten der Erzbischöfe Lorenz Jaeger und Joachim Degenhardt (1941-2002) und soll Erkenntnisse zum Umfang des Missbrauchs, über die Gewalterfahrungen der Betroffenen, die Folgen für ihren Lebensweg sowie zu den Umgangsweisen der Verantwortlichen liefern, wie Universität und Erzdiözese am Donnerstag mitteilten.

Das dreijährige Forschungsprojekt unter Leitung der Kirchenhistorikerin Nicole Priesching habe das Erzbistum bereits im August 2019 in Auftrag gegeben, hieß es. Mit der Arbeit habe eine wissenschaftliche Mitarbeiterin Mitte Februar begonnen. Generalvikar Alfons Hardt habe einen uneingeschränkten Aktenzugang zugesichert. Die beiden Wissenschaftlerinnen unterlägen keiner Weisungsbefugnis des Erzbistums. Neben der Analyse von Quellen aus kirchlichen und staatlichen Archiven, darunter Personal- und Strafakten, sind den Angaben zufolge Interviews mit Zeitzeugen geplant. Um sie anzusprechen, werde demnächst ein öffentlicher Aufruf gestartet. Ein wichtiges Anliegen sei es auch, mit Betroffenen einen Beirat einzurichten. Die Projektergebnisse würden in Buchform vorgestellt.

Wer wusste was und hat wie reagiert?

Herauszufinden sei, welche Personenkreise in der Kirche von Missbrauchsfällen wussten, wie über das Ergreifen oder Unterlassen weiterer Maßnahmen entschieden wurde und inwiefern strukturelle Bedingungen Missbrauch förderten, so Priesching. Alle bisherigen Forschungsergebnisse legten nahe, dass die kirchlichen Institutionen lange eine Auseinandersetzung mit dem Thema scheuten und das Leid der Betroffenen nicht ausreichend anerkannten. "Auch gesamtgesellschaftlich wurden Ausmaß und Folgen des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen anhaltend unterschätzt und als 'Ausnahmehandlung' betrachtet." Daher würden auch die kirchlichen, juristischen und medizinischen Fachdebatten analysiert, die eine solche Haltung begünstigt hätten. "Mit dem Forschungsprojekt haben wir für das Erzbistum Paderborn einen guten Ansatz für eine unabhängige Aufarbeitung - auch im Sinne der deutschen Bischöfe - auf den Weg gebracht", betonte Hardt.

Die Bischöfe hatten Ende April mit dem Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung eine Vereinbarung beschlossen, wonach in den Bistümern unabhängige Kommissionen den Missbrauch transparent und nach einheitlichen Kriterien aufarbeiten. In den Kommissionen sollen Bistumsvertreter, Experten aus Wissenschaft, Fachpraxis, Justiz und Verwaltung sowie Betroffene sitzen. Bislang haben zehn der 27 deutschen (Erz-)Bistümer unabhängige Missbrauchtudien in unterschiedlichen Formaten initiiert. Mit ihren Untersuchungen knüpfen die Diözesen Aachen, Essen, Hamburg, Hildesheim, Köln, Limburg, Mainz, München und Freising, Münster und Paderborn an die im September 2018 vorgelegte MHG-Studie der deutschen Bischöfe an. Danach fanden sich in den Kirchenakten von 1946 bis 2014 Hinweise auf bundesweit 3.677 Betroffene sexueller Übergriffe und 1.670 beschuldigte Priester, Diakone und Ordensleute. (tmg/KNA)