Rückwärtsgewandt, aber freundlich: So sehen junge Erwachsene die Kirche
Umfrageergebnisse im Bistum Mainz vorgestellt

Rückwärtsgewandt, aber freundlich: So sehen junge Erwachsene die Kirche

Wie stehen junge Erwachsene zu Kirche und Glauben? Das wurde in Mainz erhoben – und auch wenn die meisten Umfragenteilnehmer der Kirche nahestehen: Gute Noten bekommt sie nicht durchweg – und die jungen Menschen haben klare Wünsche.

Mainz - 08.06.2020

Junge Menschen erleben die Kirche als eher rückwärtsgewandt, verschlossen, langweilig und altbacken – aber immerhin eher freundlich. Das gehört zu den Ergebnissen einer Umfrage unter gut 1.000 Personen, die das "Netzwerk Junge Erwachsene im Bistum Mainz" durchgeführt hat. Die Ergebnisse der Umfrage unter dem Titel "Platz für dich?!" wurden am Sonntag der Mainzer Bistumsleitung vorgestellt und online veröffentlicht. "Wir wollten unter den Jungen Erwachsenen herausfinden, wo und wie sie Kirche im Jahr 2030 sehen und damit die Perspektive von jungen Menschen in den Pastoralen Weg miteinbringen und auch Impulse auf diesem Weg setzen", erläutert der Diözesanjugendseelsorger Mathias Berger: "Die Stimme Junger Erwachsener ist ja nicht gerade die am stärksten prägende in den derzeit laufenden Prozessen."

Gut die Hälfte der Antwortenden gab an, dass sie die Kirche teilweise als Ansprechpartnerin in wichtigen Fragen sähen, 32 Prozent antworteten mit nein, 19 Prozent mit ja. Unter den Unter-18-Jährigen sahen nur neun Prozent die Kirche als Ansprechpartner, für 48 Prozent ist sie irrelevant. Die jungen Erwachsenen, die Kontakt zur Kirche haben, verbinden mit ihr Begriffe wie Gemeinschaft, Nächstenliebe, Freiheit, Halt, Eintreten für christliche Werte, soziales Engagement und Glaube. Die wichtigsten Orte, an denen sie mit der Kirche in Kontakt kommen, sind die Pfarrei (79 Prozent), Sonntagsgottesdienste (76 Prozent), der Freundeskreis (61 Prozent) und die kirchliche Jugendarbeit (59 Prozent). Insgesamt sind Beerdigungen und Hochzeiten für die meisten Teilnehmer die wichtigsten Kontaktpunkte mit der Kirche. Digitale Präsenzen der Kirche werden nur von 23 Prozent wahrgenommen.

Gemeinschaft und soziales Engagement kommen an

An der Kirche stören die Teilnehmer neben Reformthemen, wie die Rolle der Frau und der Umgang mit Homosexualität, auch sehr handfeste Themen, wie langweilige Gottesdienste und mangelnde Anerkennung und Angebote für junge Erwachsene. Ein laut Auswertung "zahlenmäßig sehr kleiner Teil" der Rückmeldungen beklage einen "ausgeprägten Progressivismus in der deutsch-katholischen Kirche" und zuviel Anpassung an den Zeitgeist. Positiv an der Kirche sind laut Rückmeldungen die Punkte Gemeinschaft, das soziale Engagement von Caritas, Hilfswerken, Verbänden und Gemeinden, ihre Botschaft und Werte sowie spirituelle Angebote, wie Taizé-Fahrten.

Die Teilnehmer wünschen sich als Angebote vor allem kürzere Formate wie Alltagsunterbrechungen und Abendveranstaltungen, aber auch Bildungsurlaub findet mehr als die Hälfte attraktiv. Digitale Formate wünschen sich nur 35 Prozent der Antwortenden. Die Frage nach konkreten kirchlichen Angeboten im Netz zeigt dennoch eine gewisse Zustimmung: Fast jeder Zweite findet Angebote anonymer Beratung und Seelsorge oder thematische Podcasts interessant. Auch ein Internetportal mit Impulsen zum Glauben und Leben oder ein ansprechender Instagram-Kanal stehen vergleichsweise hoch im Kurs.

Beitrag zum diözesanen Zukunftsprozess

An der Umfrage haben 1095 Personen im Zeitraum vom 20. September 2019 bis zum 31. Januar 2020 teilgenommen, 674 haben den Fragebogen vollständig ausgefüllt. 55 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen der Glaube wichtig sei, neun Prozent haben keinen Kontakt zur Kirche. Der Altersschwerpunkt lag zwischen 18 und 35 Jahren, 70 Prozent der Teilnehmer fielen in diese Spanne.

Das Netzwerk "JE! – Junge Erwachsene im Bistum Mainz" ist eine Kooperation von Bischöflichem Jugendamt und dem Bildungswerk der Diözese. Es widmet sich neben der wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Altersgruppe der Entwicklung von Angeboten für junge Erwachsene auf Diözesan- und Dekanatsebene. Die Ergebnisse der Umfrage sollen in den "Pastoralen Weg" einfließen, den Zukunftsprozess des Bistums, der der geistlichen und strukturellen Erneuerung der Kirche dienen soll. Im Rahmen dieses Prozesses werden bis 2030 die 134 "Pastoralen Einheiten" zu rund 50 Pfarreien zusammengeführt. (fxn)