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Blinde Flecke: In der Kirche gibt es zu viel, das man vermisst

Juliana von Lüttich deutete einen dunklen Fleck auf dem Mond als etwas, das sie in der Kirche vermisste: die Bedeutung der Eucharistie. Noch heute gibt es zu viele dieser blinden Flecke, kommentiert Peter Otten – allerdings in anderen Belangen.

Von Peter Otten |  Bonn - 10.06.2020

Im Jahr 1209 blickte die Lüttcher Nonne Juliana träumend in den Himmel. Und sah den Mond. Der aber war an einer Stelle verdunkelt, weiß die Legende. Juliana deutete den dunklen Fleck als einen blinden Fleck, als etwas, das sie in der Kirche vermisste. Etwas, das die Kirche zu wenig im Blick hatte: die Bedeutung der Eucharistie.

Ihr Deuten auf den blinden Fleck hat zu einem Fest geführt, in dem die Eucharistie gefeiert wird. Es sollte zwar noch knapp vierzig Jahre dauern. Der Bischof von Lüttich feierte 1246 zum ersten Mal das Fest, das 1264 ein weltkirchliches wurde: Fronleichnam.

Das, was vermisst wird, zum Fest machen. Sich den blinden Fleck anschauen und ihn ins Zentrum stellen. Spüren, dass etwas fehlt. Sehnsucht nach etwas Neuem, das in ein Fest mündet. Eigentlich ein unglaublich kluger Scoop. Zutiefst jesuanisch – und aktuell noch dazu. Denn auch im Jahr 2020 gibt es viele, viele Menschen, die wie Juliana von Lüttich prophetisch in den Himmel der Kirche blicken und blinde Flecken entdecken.

Opfer sexueller Gewalt in der Kirche vermissen, dass Bischöfe sich zu ihrer persönlichen Verantwortung bei der Vertuschung von Verbrechen sexueller Gewalt bekennen und sagen: Ich wars. Ein blinder Fleck. Neben konsequenter Aufarbeitung dieser Verbrechen vermissen sie auch eine finanzielle Entschädigung für das, was sie erlitten haben. Ein blinder Fleck. Frauen vermissen die konsequente Gleichberechtigung der Geschlechter in der Kirche – in allen Ämtern und auf allen Ebenen. Ein blinder Fleck. Menschen erklären ihren Austritt aus der Kirche und vermissen, dass sie vermisst werden. Ein blinder Fleck.

Johanna von Lüttich musste fast 40 Jahre baggern, bis ihr Vermissen bischöfliches Gehör fand. Ans Baggern sind Frauen in der Kirche ja gewöhnt. Und erst rund 600 Jahre nach ihrem Tod wurde die, die in ihrer Kirche etwas vermisst hatte, heiliggesprochen. Doch welch wunderbare Kirche wäre das, in der all diejenigen, die in ihr etwas vermissen, nicht die Störenfriede, sondern die Heiligen sind? Nicht in 600 Jahren, sondern sofort? Santo subito? Man wird doch noch träumen dürfen.

Von Peter Otten

Der Autor

Peter Otten ist Pastoralreferent in der Pfarrgemeinde St. Agnes in Köln. Seit einigen Jahren bloggt er unter www.theosalon.de.

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