Glasfenster mit dem Motiv Jesus mit Lamm
Pater Philipp König über das Sonntagsevangelium

Heilung? Haben wir selbst bitter nötig!

Wer will schon ein Schaf sein? Eigentlich tut sich Pater Philipp König schwer mit Tiervergleichen – doch dieses Sonntagsevangelium bildet eine Ausnahme. Denn Jesus analysiert hier anschaulich, was uns auch heute noch umtreibt.

Von P. Philipp König OP |  Frankfurt am Main - 13.06.2020

Impuls von Pater Philipp König

Eigentlich bin ich kein Fan von Tiervergleichen. Bei aller Tierliebe – Menschen mit Tieren zu vergleichen, fühlt sich für mich immer irgendwie schräg an. Selbst mit dem Bild von den Schafen und dem guten Hirten habe ich so meine Schwierigkeiten. Ganz ehrlich: Wer will schon ein Schaf sein?

Doch der erste Vers des heutigen Evangeliums ist für mich eine Ausnahme: "Als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen" – er war in seinem tiefsten Innersten aufgewühlt, heißt es eigentlich im Text, "denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben." Für mich wird in diesem Vers deutlich, wie aufmerksam und liebevoll Jesus auf uns Menschen blickt. Im Vergleich mit den Schafen ohne Hirten wird anschaulich, wie es um die Menschen bestellt ist, die Jesus vor sich hat.

"Müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben." Es fällt mir nicht schwer, darin auch eine Beschreibung für uns und unsere Zeit zu sehen. Müdigkeit und Erschöpfung sind für viele ein Dauerzustand, unter dem sie leiden. Ständig wachsende Anforderungen belasten unzählige schwer! Beruflicher und familiärer Druck, gesellschaftliche Verpflichtungen und bohrende Selbstzweifel zehren Menschen aus und drohen sie oft innerlich zu zerreißen.

Der französische Soziologe Alain Ehrenberg sieht in Müdigkeit und Erschöpfung die Hauptmerkmale der Depression. In seinem Buch "Das erschöpfte Selbst" (französisch: "La fatigue d‘être soi") identifiziert er die Depression sogar als die typische Krankheit der heutigen Gesellschaft. Sie sei die Reaktion auf die andauernde Überforderung und zeuge von der Unfähigkeit, Konflikte konstruktiv auszutragen.

Ich finde, an Ehrenbergs Analyse ist etwas dran! Für viele sind Müdigkeit und Erschöpfung nicht einfach vorübergehend, sondern werden als ständige Begleiter erlebt. Das Phänomen ist nicht nur ein persönliches, sondern ebenso ein gesellschaftliches! So viele sind es leid, wie immer wieder miteinander umgegangen wird: Hass, Rassismus und Menschenfeindlichkeit werden immer lauter. In Debatten wird mehr verurteilt und ausgegrenzt als wirklich miteinander nach Lösungen gesucht. Da ist doch etwas krank!

Auch vor unserer Kirche macht das nicht halt. Viele Getaufte, ob nun Kleriker oder Laien, leiden unter Strukturen, die offensichtlich krank sind. Viele Themen sind angstbesetzt und die Diskurse sind allzu oft geprägt von Schwarz-Weiß-Denken, erbitterten Grabenkämpfen und gegenseitigen Schuldzuweisungen. Manche Strukturen begünstigen Unterdrückung und Missbrauch.

Jesus sieht die Not der erschöpften Menschen und er gibt daraufhin den Apostel die Vollmacht, alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Etwas stutzig gemacht hat mich aber das folgende: Jesus sagt, sie sollen nicht zu den Heiden gehen, also nicht hinaus zu den anderen! Vielmehr sendet Jesus die Zwölf zu den eigenen Leuten, "zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel". Warum konzentriert sich Jesus (zumindest vorerst) auf sein eigenes Volk, wo doch so viele andere ihn ebenso bräuchten?

Ich kann hier nur Vermutungen anstellen: Vielleicht brauchten Jesu eigene Leute die Heilung ganz besonders! Und vielleicht sind dementsprechend wir heute die ersten Adressaten der frohen Botschaft, weil wir sie selbst so bitter nötig haben! Was ich anderen weitergeben will, muss ich zuvor selbst empfangen und am eigenen Leib erfahren haben.

Das gilt auch für unsere Kirche, die aktuell vielleicht selbst vor allem Patientin ist und einen Prozess der Umkehr und Heilung von ihren Krankheiten und ihrer Müdigkeit durchmachen muss, ehe sie für andere (wieder) nützlich sein kann.

Vielleicht lädt uns das Evangelium genau dazu ein: Die verlorenen Schafe sind zunächst einmal wir selber – und nicht irgendwelche anderen! Denn wir haben Heilung durch Jesus oft am nötigsten und brauchen die frohe Botschaft ganz besonders dringend – ob als einzelne, als Gesellschaft oder als Kirche!

Von P. Philipp König OP

Aus dem Evangelium nach Matthäus (Mt 9,36-10,8)

In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden! 

Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen. Die Namen der zwölf Apostel sind: an erster Stelle Simon, genannt Petrus, und sein Bruder Andreas, dann Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und sein Bruder Johannes, Philippus und Bartholomäus, Thomas und Matthäus, der Zöllner, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Thaddäus, Simon Kananäus und Judas Iskariot, der ihn ausgeliefert hat. 

Diese Zwölf sandte Jesus aus und gebot ihnen: Geht nicht den Weg zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus!

Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben. Steckt nicht Gold, Silber und Kupfermünzen in euren Gürtel! Nehmt keine Vorratstasche mit auf den Weg, kein zweites Hemd, keine Schuhe, keinen Wanderstab; denn wer arbeitet, ist seines Lohnes wert. 

Der Autor

Pater Philipp König gehört dem Dominikanerorden an und arbeitet als Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Patristik und Antikes Christentum an der Hochschule St. Georgen in Frankfurt/Main. Außerdem ist er als Postulatsleiter in der Ordensausbildung tätig.

Ausgelegt!

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