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Standpunkt

Die digitale Präsenz der Kirche lässt zu wünschen übrig

Verkündigung im Netz – so könnte es zumindest sein. Doch statt auf die mediale Normalität der Jüngeren einzugehen, beschreitet Kirche weiter die gewohnten Wege – und droht so, den Anschluss zu verlieren, kommentiert Michael Böhnke.

Von Michael Böhnke |  Bonn - 19.06.2020

"Digitalisierung gemeinsam gestalten": Unter diesem Motto steht der heutige Digitaltag 2020. Mehr als 25 Partner haben sich zu einem breiten gesellschaftlichen Bündnis zusammengeschlossen, um durch den deutschlandweit stattfindenden Aktionstag die digitale Teilhabe für alle zu fördern. Bund und Länder sind vertreten. Die Kirchen sind nicht dabei.

In einer Umfrage hat das Bistum Mainz jüngst junge Menschen nach ihrer Meinung über die Kirche gefragt. Im Interview mit katholisch.de sagt Diözesanjugendseelsorger Mathias Berger: "Wir haben einen deutlichen Fingerzeig bekommen, dass die digitale Präsenz der Kirche in den Augen junger Menschen zu wünschen übriglässt; gerade im Bereich von Beratung, anonymer Seelsorge und thematischen Podcasts."

Wie "Kommunikation des Evangeliums" (Ernst Lange) künftig erfolgen muss und wahrscheinlich künftig allein gelingen kann, das werden wir Älteren uns von den Jüngeren sagen lassen müssen. Multimodalität und Multipolarität wird die digitale Kommunikation des Evangeliums bestimmen. Individualität, Perspektivität und Spontanität werden sie prägen. Die von älteren Männern regierte Kirche wird der Digitalisierung der Kommunikation des Evangeliums nichts entgegensetzen können. Sie sollte die Jüngeren nicht blockieren. Sie sollte sie aufrufen, sich am gesellschaftlichen Bündnis für Digitalisierung zu beteiligen und ihnen Mittel dafür zur Verfügung stellen. Jetzt schon ist unter Studierenden absehbar: Was nicht in den Social-Media Kanälen stattfindet, ist den Köpfen der nächsten Generationen nicht mehr präsent.

Theologen wie Christian Danz, Philipp Stoellger und andere haben begonnen, Theologie als Medientheorie zu reformulieren. Sie setzen auf die Medialität des Heiligen Geistes, der nie nur Medium, sondern immer auch Mediator ist. Die Charismen der Jüngeren und ihre Ideen zur Gestaltung von digitaler Teilhabe hat die Kirche bisher kaum wahrgenommen. Die, die das Sagen und die Verantwortung in der Kirche haben, sollten das Thema viel offensiver angehen. Digitale religiöse Kommunikation ist ein Teil der gesellschaftlichen Kommunikation. Sie ist ebenso wie jene plural.

Von Michael Böhnke

Der Autor

Michael Böhnke ist Professor für systematische Theologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Außerdem ist er Ethik-Beauftragter des Deutschen Leichtathletikverbands.

Hinweis

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