St.-Hubertus-Kapelle
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Eine spirituelle Urlaubsempfehlung in Corona-Zeiten

Unterwegs auf dem ökumenischen Kapellenweg im Allgäu

Wegen der Corona-Pandemie kommen zahlreiche Urlaubsziele dieses Jahr nicht infrage, deshalb rücken deutsche Reiseziele in den Fokus. So verbindet der "Große Ökumenische Kapellenweg" 16 besondere Gotteshäuser in einer spirituellen Wanderung miteinander.

Von Brigitte Geiselhart |  Scheidegg - 08.08.2020

Kuren haben in diesem heilklimatischen Erholungsort im äußersten Westallgäu eine große Tradition. Scheidegg gehört auch zu den sonnenreichsten Flecken in ganz Deutschland. Auf einem Hochplateau über dem Bodensee im Dreiländereck zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz gelegen, ist es nicht zuletzt bei Wanderern sehr beliebt. Wer – abseits des großen Trubels – einen ganz besonderen Weg für Leib und Seele sucht, der ist auf Scheideggs "Großem ökumenischen Kapellenweg" an einer guten Adresse. Er verbindet 16 ganz unterschiedliche Gotteshäuser miteinander. Jedes Ziel auf dieser insgesamt knapp 22 Kilometer langen spirituellen Wandertour ist ein echter Schatz. Versprochen.

Es ist ein sonniger Frühsommermorgen. Von Parkplatz beim Kurhaus in Scheidegg führt der Weg erst einmal in einem schattigen Waldstück eine Zeit lang bergauf. Aber jede Mühe lohnt sich. Gelegenheiten, sich auf einer Bank am Wegesrand auszuruhen und dabei unbeschreibliche Ausblicke in die faszinierende Landschaft zu genießen, gibt es in den nächsten Stunden noch genug. Der Kuckuck wird sich öfters lautstark zu Wort melden, auch viele Singvögel und die Glocken der auf den Almen grasenden Kühe sind immer wieder zu hören. Aber diese angenehmen Geräusche werden nicht als Lärm wahrgenommen, sondern dienen eher dazu, die innere Ruhe und die meditative Stimmung zu vertiefen.

Von Quelle zu Quelle zu ziehen – das haben die Menschen schon in alten Zeiten gemacht. Später wurden an den Quellen Kapellen gebaut. Zum Beispiel die Ulrichskapelle, ein paar Schritte jenseits der grünen Grenze zwischen Deutschland und Österreich gelegen. Sie steht auf dem Gebiet der Gemeinde Möggers im Bezirk Bregenz und ist eines der ältesten Sakralbauwerke in ganz Vorarlberg. Die Tür ist geöffnet. Der Eintritt ist erwünscht. Zunächst aber eine kleine Erfrischung am Brunnen. Seinen Schöpfer um einen Schluck frischen Wassers bat auch der heilige Ulrich von Augsburg, als er sich – ermüdet vom langen Weg über den Pfänderrücken – an diesem Ort niedersetzte. Auf seine Segensbitte entsprang an dieser Stelle eine Quelle, die seither fließt und deren Wasser bei Augenleiden eine heilende Wirkung zugeschrieben wird. Das war im zehnten Jahrhundert – so besagt es die Legende. Zur Erinnerung an dieses Wunder wurde im Jahr 1005 eine Kapelle erbaut und der Altar direkt über der Quelle errichtet. "So erinnert uns das Wasser der Ulrichskapelle daran, dass alles Leben seinen Ursprung in Gott hat", steht auf einer an der Außenfassade befestigten Tafel geschrieben.

Die Ulrichskapelle in Möggers
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Die Ulrichskapelle in Möggers wurde bereits Anfang des 11. Jahrhunderts errichtet. Sie ist eines der ältesten Sakralbauwerke in ganz Vorarlberg.

Fast 40 Jahre ist es her, als der damalige neue evangelische Ortspfarrer die Scheidegger Umgebung mit dem Fahrrad erkundete. Peter Bauer stieß dabei auf die Herz-Jesu-Kapelle in Ebenschwand – und freute sich, sie offen vorzufinden. Das brachte ihn auf eine gute Idee. Er initiierte Kapellenwanderungen und gemeinsam mit seinem befreundeten katholischen Amtskollegen Karl Meisburger verband er 1999 schließlich all die Kirchlein rund um Scheidegg zum ökumenischen Kapellenweg. Die traditionell gute Zusammenarbeit zwischen Katholiken und Protestanten ist im westlichsten Erholungsort des Allgäus auch heute eine Selbstverständlichkeit.

"Wir verstehen uns auch privat prima", sind sich Joachim Gaida und Uwe Six, Pfarrer katholischen St. Gallus Kirche und der evangelischen Auferstehungskirche, absolut einig. Gerade in Gottes freier Natur trifft man sich in Scheidegg konfessionsübergreifend immer wieder – etwa beim dreistündigen Emmausgang am Ostermontag, der alljährlich die Pilgersaison eröffnet, bei ökumenischen Fußwallfahrten, die nach Appenzell oder Vorarlberg führen, beim Abendliedersingen auf dem Kreuzberg oder bei zahlreichen anderen Anlässen. Viele Wanderer auf dem Jakobsweg übernachten in Scheidegg zum letzten Mal auf deutschem Boden.

Als nächstes wird die Anna-und-Joachim-Kapelle in Unterstein erreicht. Ein holzgeschindeltes Kleinod, das aus dem Jahr 1628 stammt und den Eltern der Gottesmutter geweiht ist. "Meine Lieblingskapelle", wie Joachim Gaida auch mit Blick auf seinen eigenen Vornamen gerne zugibt. "Anna-Kapellen gibt es viele. Aber ein Gotteshaus, das auch dem heiligen Joachim gewidmet ist, ist doch eher selten", meint er schmunzelnd.

Katharina-und-Antonius-Kapelle
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Unsere Autorin Brigitte Geiselhart ist den ökumenischen Kapellenweg im Westallgäu gewandert. In der Katharina-und-Antonius-Kapelle hat sie sich zum Gebet eingefunden

"Ein herrlicher Tag in einer besonderen Zeit. Es tut gut, die Schöpfung des Herrn zu spüren", ist als einer der jüngsten Einträge im ausgelegten Gästebuch zu lesen. Bei Volkswandertagen oder ähnlichen Anlässen können meist Stempel als "Nachweis" für die Teilnahme gesammelt werden. Wanderer des Scheidegger Kapellenwegs dürfen an jeder Station ein Kärtchen mitnehmen, das die jeweilige Kapelle benennt und einen Sinnspruch bereithält. So auch hier. "Du sollst Vater und Mutter ehren", wird auf der Rückseite des Kärtchens der Anna-und-Joachim-Kapelle das vierte Gebot zitiert.

Es geht weiter – zur 1988 eingeweihten ökumenischen Hubertuskapelle in Forst. Sie ist aus privater Initiative entstanden, gehört heute dem gleichnamigen Kapellenverein und überzeugt in ihrem Innenraum durch ihre schlichte Schönheit. Hier werden Maiandachten gefeiert und Rosenkränze gebetet. Ein Ort, der gerade auch bei gemischt-konfessionellen Familien sehr beliebt ist. In der Hubertuskapelle haben in den vergangenen Jahren viele junge Paare den Bund des Lebens geschlossen und ihre Kinder taufen lassen.

Gut aufzupassen heißt es für die Wanderer, um die winzig kleine Martina-Kapelle in Schalkenried nicht aus Versehen links liegen zu lassen. Sie wurde in der Pestzeit 1622 erbaut. Wer durch die Tür Eintritt erlangen will, muss sich schon ein wenig bücken. Auch im Innern wird es eng. Dennoch mag man hier gerne verweilen. Der Altar zeigt die Krönung Mariens. Und wenn man genau hinschaut, sieht man, dass manche der von bäuerlicher Hand kunstvoll geschnitzten Heiligenfiguren sechs statt fünf Finger haben. Der Blick fällt auch auf das Glockenseil vor dem Altar, an dem ein Schild hängt: "Bitte nicht läuten! (nur bei Todesfall im Ort)"

Wegweiser auf dem Kapellenweg
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Der ökumenische Kapellenweg im Westallgäu verbindet 16 Kapellen auf 22 Kilometer miteinander.

Gottesdienst direkt im Grünen feiern, auch das ist auf dem Scheidegger Kapellenweg möglich. Auf einer Anhöhe am Waldrand stehen Altar und Taufstein, die bis zu deren Umbau im Jahr 1999 in die evangelischen Auferstehungskirche gehörten und seit 2010 hier – wo auch der Jakobsweg entlang führt – einen neuen Platz fanden.

Höchste Zeit für eine zünftige Brotzeit. Die Dorfsennerei Böserscheidegg ist eine Genossenschaft von neun Landwirten, deren Urgroßväter sich bereits vor mehr als 100 Jahren zusammengeschlossen haben. Hier reinzuschauen lohnt sich in jedem Fall. Nicht nur, um zu erfahren, wie die Löcher in den Käse kommen, sondern auch, um Bergkäse und andere Spezialitäten zu probieren, die der Käsermeister aus hochwertiger Rohmilch nach alt-überliefertem Verfahren herstellt.

Was, schon fünf Stunden unterwegs und noch nicht alles geschafft? Keine Angst: Diese Wanderung muss nicht an einem Tag gemeistert werden. Möglichkeiten, um auf einem kürzeren Weg zum Ausgangspunkt zurückzukommen, gibt es reichlich. Dann hat man schon einen Grund, um wieder herzukommen. Und außerdem gibt es in Scheidegg als Alternative auch noch den "Kleinen ökumenischen Kapellenweg". Der hat nur eine Länge von 2,7 Kilometern und ist auch für Wander-Einsteiger bestens geeignet.

Von Brigitte Geiselhart