Der katholische Theologe Eugen Drewermann.
Deutschlands bekanntester "Kirchenrebell" wird 80

Eugen Drewermann: "Das ist alles so weit weg vom Anliegen Jesu"

Endlich wird mit den Gläubigen geredet! Doch nach Ansicht des Paderborner Theologen Eugen Drewermann reicht der Synodale Weg als Reformprozess nicht aus. Denn um die Glaubenskrise unserer Tage zu lösen, müsste die Kirche ganz anders über Gott und den Menschen zu sprechen lernen.

Von Holger Spierig (epd) |  Paderborn - 20.06.2020

Der Kirchenkritiker Eugen Drewermann sieht eine zunehmende Glaubenskrise in der westlichen Welt. Wenn die Kirche nicht auf die Probleme und das Leid der Menschen eingehe, produziere sie immer mehr "Enttäuschungsatheisten", warnte Drewermann, der am 20. Juni 80 Jahre alt wird. Dabei benötigten die Menschen mehr denn je Religion, weil die Naturwissenschaft keine Antworten auf ihr Leid gebe. Drewermann sprach auch über den Reformkurs der katholischen Kirche, sein Lehr- und Predigtverbot sowie seinen persönlichen Glauben.

Frage: Die katholische Kirche hat nach den Missbrauchsfällen den Synodalen Weg ausgerufen, mit dem Reformen eingeleitet werden sollen. Wie stehen Sie zu dem Reformkurs?

Drewermann: Endlich mit den Menschen zu reden, ist bestimmt wichtig, aber es löst nicht die fundamentalen Probleme, die sich in der Glaubenskrise heute für die Menschen in unserem westlichen Kulturraum stellen. Laut Statistik sind 62 Prozent in Deutschland der Auffassung, dass es weder eine Auferstehung gibt noch eine Hoffnung angesichts des Todes, noch dass das Neue Testament etwas zu sagen hat, das unser Leben entscheidend von Angst in Vertrauen, von Verzweiflung in Hoffnung, von Aggression in Güte verwandeln könnte. Das alles ist so weit weg von dem Anliegen Jesu, dass ich darin das wirkliche Problem erblicke. Das gilt für alle Konfessionen - für die evangelische Kirche nicht minder als für die katholische.

Frage: Worin sehen Sie die Ursachen?

Drewermann: In der jahrhundertealten kirchlichen Interpretation der Schöpfungstheologie liegt nach meiner Erfahrung der zentrale Grundfehler in der religiösen Unterweisung. Wir bringen im Religionsunterricht den Kindern bei, dass Gott eingreift in der Not, dass er Gebete erhört, dass er sichtbar wird im Geschichtsverlauf und in der persönlichen Biografie. Dann aber stirbt die eigene Mutter qualvoll an Krebs und der Schrei dringt zum Himmel, wie Gott das zulassen kann. Diese Frage findet keine Beantwortung in dem Weltbild, das die Kirche lehrt. Das Leid an der Welt führt zum Enttäuschungsatheismus.

Frage: Wie könnte eine kirchliche Antwort aussehen?

Drewermann: Der Glaube an Gott, wie Jesus ihn uns gelehrt hat, interpretiert nicht die Natur. Für Jesus steht einzig der Mensch im Mittelpunkt seiner Verkündigung. Er erklärt nicht den Kosmos, er lehrt uns, in Gott zu Ruhe zu kommen und diese Welt zu bestehen, wie sie ist. Gott ändert nicht die Welt zu unseren Gunsten, er hilft uns, über den Abgrund dieser Welt hinüberzugehen bis zum anderen Ufer.

Dieses Vertrauen zu gewinnen ist der Sinn aller Gebete und ihre Erfüllung, dass Gott uns seinen Engel, seinen Geist schenkt, um uns durchzuhalten. Wir brauchen daher Gott durchaus nicht, um die Welt zu erklären. Das versucht die Naturwissenschaft, doch ohne irgendeine Frage zu beantworten, die Menschen an ihr Leben richten. Der Natur sind wir nichts als Übergangswesen - woher erhalten wir die Kraft, inmitten der Gleichgültigkeit der Natur unsere Menschlichkeit zu finden und zu bewahren? Dafür brauchen wir Religion.

Erste Synodalversammlung in Frankfurt

Teilnehmer an langen Tischen beim Auftakt der Beratungen der Synodalversammlung am 31. Januar 2020 im Dominikanerkloster in Frankfurt.

Frage: Welchen Auftrag hat Ihrer Meinung nach die Kirche gegenüber der Politik?

Drewermann: Sie müsste sich für Frieden und Freiheit einsetzen: Das wäre ein antikapitalistischer, der Gerechtigkeit verschriebener und der Ausbeutung entgegengesetzter Staat. Sie müsste gerade in der Politik einer Dauerangst entgegentreten, die unter Sicherheit die Maximierung der Fähigkeit zum Töten und den Gewinn imperialer Macht über den ganzen Globus versteht. Genau das Gegenteil lehrt Jesus: Friede kommt nicht durch Aufrüstung und Gewalt und Sicherheit nicht aus permanenter Einschüchterung, sondern aus Gespräch und Verständigung.

Frage: Was wäre zu tun?

Drewermann: Die Welt wäre zu interpretieren aus der Sicht derer, die unten liegen und am meisten leiden: psychisch, sozial, physisch. Da hinein müssten wir Jesus begleiten, wie er den Kranken die Hände auflegt, den Verlorenen Trost spendet, den ins Abseits Geratenen die Schuld vergibt.

Frage: Ihre psychologische Studie "Kleriker" über krank machende Strukturen der katholischen Kirche ist nach 30 Jahren in einer aktualisierten Auflage erschienen. Hat sich in in dieser Zeit der Kirche etwas geändert?

Drewermann: Es hat sich wohl eher zum Schlimmeren entwickelt. Man hat die Strukturen verfestigt und damit das morsche Gebälk anscheinend gründlich zum Einsturz gebracht. Es ging und geht mir nicht um Kirchenkritik, es geht mir darum, Menschen frei zu machen von inneren Zwängen und die Botschaft Jesu so zu vermitteln, dass sie für die eigene Entwicklung, zur Begleitung im Leben und zum Verständnis untereinander dienlich wird. Das ist etwas, das jeden Kleriker angeht und das, wenn es in der Kirche verhindert wird, enorme Schäden mit sich bringt. Deshalb habe ich damals das Buch "Kleriker" geschrieben.

Frage: Was müsste die Kirche tun?

Drewermann: Sie müsste die Botschaft Jesu mit dem, was wir inzwischen als seelisch heilend begriffen haben, als einen daseinstherapeutischen Auftrag verstehen. Luther konnte vor einem halben Jahrtausend noch keine Kenntnis von Psychologie haben. Aber seine Aussage gilt absolut: Menschen können überhaupt nur gut sein durch die Erfahrung einer unbedingten Güte. Das begreifbar zu machen, ist in der Psychoanalyse oder in der Psychotherapie das eigentliche Handwerk, und davon müsste die Theologie in der Lektüre der Bibel, ihrem Sprechen von Gott und ihrer verstandeseinseitigen Anthropologie entscheidend lernen.

Frage: Sie sollen sich bereits als Schüler sehr kritisch mit der katholischen Kirche und ihren Dogmen auseinandergesetzt haben. Trotzdem haben Sie sich dafür entschieden, Priester zu werden - warum?

Drewermann: Ich sah mich damals vor die Wahl gestellt, ob ich Arzt werden sollte oder Seelsorger. Mir schien die Seelsorge wichtiger. Ärzte haben wir genug. Aber zu wenig Menschen, die Ängste verstehen und die sich hineinfühlen können in seelisch Leidende. Darum bin ich Priester geworden.

Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt während der Eucharistiefeier.
Bild: © KNA

Mit ihm zerstritt sich Theologe Drewermann endgültig: Der Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt.

Frage: Der Entzug Ihrer Predigt- und später Lehrbefugnis durch den Paderborner Erzbischof Degenhardt im Jahr 1991 hat international für Schlagzeilen gesorgt. Bewegt Sie das Thema heute noch oder ist es für Sie abgeschlossen?

Drewermann: Es geht ja nicht um mich dabei. Es ist nicht wichtig, was 1991 war. Ich habe auch damals dem Erzbischof gesagt, Sie können mir nichts wegnehmen. Ich werde weiter so predigen, dass es reflexiv begründet ist wie bei einer Vorlesung. Und ich werde im Hörsaal als Privatdozent Vorlesungen halten, die das Herz anrühren, wie es eine Predigt tun sollte. Ich habe mich um die Menschen gesorgt, die in Not sind. Für die werde ich weiter da sein. Wie immer Sie entscheiden, ich werde damit leben können. Wie Ihre Kirche das vermag, weiß ich freilich nicht.

Frage: Worum ging es inhaltlich in dem entscheidenden Gespräch mit ihrem Erzbischof?

Drewermann: Neben der Deutung der Oster- und Himmelfahrtserzählung der Bibel sowie der Jungfräulichkeit Mariens auch um die Brotvermehrung Jesu. Jesus hat nicht Brote vermehrt, sondern unser Herz fähig gemacht, wie ein Kind miteinander zu teilen. Ein solches Wunder zeigt sich, indem wir es selbst leben. Die Antwort des Erzbischofs darauf war: «Nein, dann glauben Sie nicht.»

Frage: Als Jugendlicher haben Sie sich 1956 gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik engagiert und den Wehrdienst verweigert. Hat dieser frühe Protest Ihren weiteren Weg geprägt?

Drewermann: Unbedingt. Ich war damals 16 Jahre alt, um in der Weihnachtsansprache von Papst Pius XII. zu hören, dass kein Katholik das Recht hat, den Wehrdienst zu verweigern im Falle eines ungerechten Angriffs. Im Bundestag wurde genau das beschlossen. Sie haben also eine Kirche vor sich, die seit 2.000 Jahren behauptet, dass sie Gott vertritt, dass der Papst der Stellvertreter Gottes auf Erden ist. Und dann bekommen Sie diese Information. Sie sind 16 Jahre alt und völlig allein. Damals gab es keinen katholischen Theologen, der dem Papst hätte öffentlich widersprechen mögen. Auch protestantischerseits war die Gleichschaltung erschreckend.

Frage: Was hat Sie trotzdem zu Ihrem Protest motiviert?

Drewermann: Ich bekam Misstrauen als erstes gegen den Staat: Wie ist es möglich, 18-jährigen Jungen beizubringen, wie man mit dem Bajonett auf Befehl andere ersticht, mit dem Maschinengewehr Hunderte auf der Gegenseite niedermäht, wie man mit Atombomben in den Raketensilos einen Krieg vorbereitet, der Millionen Tote kosten würde? Was für einen Staat haben wir da, der behauptet, das alles sei notwendig, weil wir von den Russen angegriffen werden könnten? Das wurden wir in all der Zeit nie. Wir, die Deutschen, haben Russland zweimal angegriffen und allein im Zweiten Weltkrieg 27 Millionen Sowjetbürger umgebracht, davon zwei Drittel Zivilisten. Das sind unsere Taten, da hätten wir etwas wiedergutzumachen. Stattdessen müssen wir heute die Atombomben in Büchel offenbar erneuern und verbessern. Der Wahn der Angst und die Neigung, mit Drohung und Gewalt darauf zu antworten, hat nie aufgehört. Das hat mich begleitet, mein Leben lang.

Frage: Sie sind vor 15 Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten. Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zum christlichen Glauben und zur Kirche?

Drewermann: Ich könnte ohne Jesus nicht leben. Beim Lesen der Zeitung morgens hilft mir gegenüber der Verzweiflung, die jeden Tag zwischen den Zeilen steht, nichts anderes als zu glauben, dass der Mann aus Nazareth recht hat: dass es keinen Weg zum Frieden gibt, sondern dass der Frieden selbst der Weg ist. Dass es gegen die Gewalt nur das Verstehen gibt, dass nur die Güte die Gewalt besiegen kann. Das alles glaube ich, und anders könnte ich überhaupt nicht leben.

Von Holger Spierig (epd)