Generalvikar Hofmann: Spüren Corona-Krise in Köln auch finanziell
Zwischenbilanz des Krisenmanagements

Generalvikar Hofmann: Spüren Corona-Krise in Köln auch finanziell

Diese Woche feiert der Kölner Generalvikar Markus Hofmann sein 25. Priesterjubiläum. Blickt er auf den bisherigen Verlauf der Corona-Krise zurück, ist ihm eine Entscheidung besonders schwergefallen. Außerdem verrät er, was ihn mehr erfüllt: die Seelsorge oder das Management.

Von Gabriele Höfling |  Köln - 22.06.2020

Nachtschichten, ein plötzliches Umorganisieren im Generalvikariat und das Ticketsystem des 1. FC Köln: Im Interview blickt der Kölner Generalvikar Markus Hofmann auf den bisherigen Verlauf der Corona-Krise zurück. Er erklärt auch, was die schwerste Entscheidung in dieser Zeit war und geht auf die finanzielle Lage des Erzbistums sowie eventuelle Finanzhilfen ein.

Frage: Herr Hofmann, wie hat Corona Ihren Arbeitsalltag verändert?

Hofmann: Das war und ist eine völlig neue Situation, die wir nicht einüben konnten. Alles kam ja sehr plötzlich. Auch als Corona schon in aller Munde war, war überhaupt noch nicht absehbar, dass die Pandemie den Alltag eines jeden Menschen so tiefgreifend verändern würde. Wir haben Mitarbeiter, die ihre Kinder von einem Tag auf den anderen nicht mehr in die Kita und die Schule schicken konnten. Gleichzeitig kann ein Generalvikariat in einer Krise nicht einfach schließen und den Betrieb ruhen lassen. Wir haben also innerhalb von gut einer Woche über 200 Mitarbeiter für die Arbeit im Home-Office ausgerüstet. Zwischendurch war nur gut ein Viertel aller Beschäftigten hier, eine absolute Notbesetzung also. Inzwischen sind wir wieder bei der Hälfte. Und wir haben einen Krisenstab eingerichtet, um die sich ständig verändernde Lage zu bewerten und neue Vorgaben der Politik und der Behörden umzusetzen. Gerade mussten wir die 79. Verordnung für die Kindertagesstätten zu Corona erlassen. Mit anderen Worten: Da haben sich die Bedingungen fast täglich geändert. Das hat für einige Mitarbeiter Nachtschichten und Arbeit am Wochenende nach sich gezogenen. Und das nicht nur einmal, sondern über einen beachtlichen Zeitraum.

Frage: Haben Sie selbst auch Nachtschichten eingelegt?

Hofmann: Ja, die eine oder andere war dabei. Zumindest war es draußen schon dunkel. (lacht) Wir wollten eben nicht nur passiv Verordnungen umsetzen, sondern auch aktiv agieren: Wo sind wir jetzt gefordert und können unterstützen? Wie können wir trotz allem Gottesdienste gestalten? Welche Unterstützung brauchen Mitarbeiter in der Pflege? Was ist mit den Bewohnern der Altenheime, die ja sehr isoliert waren? Das Thema Corona zerfällt in tausend Einzelfragen, und jede Frage muss ernst genommen werden.

Frage: Welche neuen Initiativen gab es durch die Corona-Krise?

Hofmann: Es ist erfreulich viel passiert, gerade auch auf Gemeindeebene: Ein Kaplan hat zu einem Video-Kaffeetrinken eingeladen. Es gab dann über einige Wochen jeden Nachmittag eine Videokonferenz zu einem religiösen Thema, zum Beispiel über das Gebet. Das war ein kleiner Kreis, 20 bis 25 Leute jeden Alters, auch solche, die sonst vielleicht nicht in die Pfarrei gekommen wären. Solche Initiativen sollten auch nach Corona weitergeführt werden. Auf Bistumsebene haben sich gute Kooperationen ergeben: Als es darum ging, wieder die ersten Gottesdienste zu organisieren, hat der 1. FC Köln uns mit seinem Ticketsystem unterstützt. Und bei der Obdachlosenspeisung im Priesterseminar haben Ultras mitgeholfen. Außerdem hatten wir frühzeitig die Idee, Gottesdienste in Innenhöfen oder Gärten von Altenheimen zu feiern.

Frage: Was war die schwerste Entscheidung, die Sie wegen Corona treffen mussten?

Hofmann: Ganz klar: die Entscheidung, die öffentlichen Gottesdienste komplett auszusetzen – und das ausgerechnet kurz vor Ostern. Ich hätte mir nie vorgestellt, einmal so eine Entscheidung treffen zu müssen. Aber ich wollte auch nicht, dass ausgerechnet unsere Gottesdienste zur Ausbreitung des Virus beitragen. Überhaupt musste ich wegen Corona permanent Entscheidungen treffen, ohne zu wissen, ob sie sich in einer Woche als wirklich angemessen herausstellen würden, weil ich zu dem Zeitpunkt manches Wissen noch nicht hatte. Das war oft schwierig. Aber nicht zu entscheiden, wäre unverantwortlich gewesen. Es gab großen Bedarf nach Orientierung. Auch Pfarrer, die sonst vielleicht ganz froh sind, dass Köln weit weg ist, wollten auf einmal wissen: Was ist denn jetzt? Sag mal! Da ist eine Entscheidung, die sich im Nachhinein vielleicht als nicht hundertprozentig richtig herausstellt, besser als Unentschlossenheit.

Anfang Mai fanden im Kölner Dom wieder die ersten öffentlichen Gottesdienste statt. Die vorherige Entscheidung, diese auszusetzen, sei nicht leichtgefallen, sagt der Kölner Generalvikar Markus Hofmann.

Frage: Wie hart trifft die Corona-Krise das Erzbistum Köln finanziell?

Hofmann: Es gibt keinen Grund, panisch zu werden. Aber wir spüren die Auswirkungen schon jetzt. Das ist nichts, was in einem halben oder einem Jahr wieder abgehakt werden könnte. Allerdings kann ich noch nicht sagen, wie welcher Bereich betroffen ist. Dafür ist es zu früh.

Frage: Wird es möglicherweise Finanzhilfen für andere Diözesen geben? Das Erzbistum Köln gilt ja als reich...

Hofmann: Ja, aber unser Spielraum wird eben kleiner. Es gibt Verpflichtungen, die selbstverständlich einzuhalten sind: Gehaltszahlungen, Pensionsverpflichtungen etwa. Da kann ich nicht sagen, nur weil ein anderes Bistum noch ärger dran ist, komme ich meinen eigenen Verpflichtungen nicht mehr nach. Wir haben zwar hohe Einnahmen, aber wir geben auch viel weiter – zweieinhalb Millionen Euro täglich für Seelsorge, Bildung, Caritas, Weltkirche und vieles mehr. Wir haben nicht irgendwo eine riesige Geldsumme gehortet. Damit es einen Ausgleich zwischen den Bistümern geben kann, muss außerdem erst eine solide Vergleichbarkeit der finanziellen Situation hergestellt werden.

Frage: Und wenn diese solide Grundlage da ist, würde das Erzbistum dann seinen Beitrag leisten?

Hofmann: Ja. Das haben wir auch in der Vergangenheit schon getan.

Frage: Wie wird sich das Erzbistum durch die Krise verändern?

Hofmann: Ich bin gespannt, wie sich Corona mittelfristig auf den Gottesdienstbesuch auswirkt. Viele Menschen bleiben ja vorsichtig, schauen weiter lieber Videoformate an. Bei der Sakramentenkatechese müssen wir jetzt neue Formate finden, damit die Firm- und Kommunionvorbereitung nicht einfach ausfällt. Aber es gibt auch positive Auswirkungen: Im Moment kommen viele Jugendliche aus Platzgründen zur Firmung in den Dom. Vielleicht kann die Bischofskirche auch dauerhaft mehr ins Bewusstsein der jungen Leute rücken.

Nach wie vor schauen sich viele Gläubige den Gottesdienst sicherheitshalber von zu Hause an.

Frage: Wenn Sie eine erste Zwischenbilanz Ihres Krisenmanagements ziehen – was ist gelungen, wo hätte es besser laufen können?

Hofmann: Gut ist, dass keine Panik ausgebrochen ist, dass wir entscheidungsfähig geblieben sind und unkompliziert zusammengearbeitet haben auf den verschiedenen Ebenen: die NRW-Bistümer, im Erzbistum Köln, die Abteilungen im Generalvikariat, in der Caritas, in den Gemeinden vor Ort. Aber künftig müssen wir noch stärker hinausgehen in die Regionen, die einen besonderen Bedarf haben. Wir dürfen in einer Zeit der Unsicherheit niemanden allein lassen und müssen das persönliche Gespräch suchen, wenn es irgendwo an Orientierung fehlt. Und natürlich haben wir die Grenzen unserer Kommunikationsmöglichkeiten schmerzlich erlebt. Wir haben nicht von jedem Katholik oder jedem Gemeindemitglied eine Emailadresse. In den USA ist das anders, das war für die Priester dort in der Krise Gold wert. Wir arbeiten an ähnlichen Kanälen, aber das ist nicht einfach, und es spielen auch datenschutzrechtliche Aspekte eine Rolle. Da sind an erster Stelle die Gemeinden vor Ort gefragt.

Frage: Sie sind als Generalvikar Priester und Manager zugleich. Wie meistern Sie diesen Spagat?

Hofmann: Ich bin jetzt seit 25 Jahren Priester und bin es immer noch gern. Meine Aufgaben haben sich in dieser Zeit verändert, aber vieles bleibt davon unberührt. Ich feiere jeden Tag die heilige Messe und nehme mir Zeit zum Gebet. Darüber verhandele ich nicht mit mir selbst, das ist einfach gesetzt, auch wenn ich manchmal darum kämpfen muss. Ich bin auch nach wie vor Seelsorger. Ich höre Beichte, und das macht mir Freude, damit habe ich auch in der Corona-Zeit nicht aufgehört. All das gibt mit Kraft für meine Arbeit am Schreibtisch. Das Management mache ich ja nicht aus wirtschaftlichem Interesse, sondern um das Reich Gottes voranzubringen, auch wenn manches nicht so viel mit dem lieben Gott zu tun zu haben scheint. Vielleicht könnte man es so sagen: Wenn ein Vater auf dem Teppich liegt und mit seinen Kindern spielt, ist das ein kostbarer Augenblick. Wenn er aber am Schreibtisch sitzt und sich Gedanken macht, wie er das undichte Dach repariert bekommt, dann ist das ja auch wichtig. Er vernachlässigt damit nicht seine Vaterrolle, er füllt sie nur in verschiedenen Augenblicken des Alltags ganz unterschiedlich aus. Ähnlich ist es bei mir. Als Generalvikar oder wie Sie sagen als „Manager“ arbeite ich daran, gute Seelsorge zu ermöglichen. Wenn ich die Arbeit einigermaßen hinbekomme, dann können die in der Seelsorge, der Caritas und der Bildung Tätigen vor Ort ihre Aufgaben unter besseren Bedingungen erfüllen. 

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Frage: Hadern sie als Priester manchmal damit, dass sie so viel managen müssen?

Hofmann: Es macht natürlich nicht alles gleichermaßen Freude. Die Seelsorge erfüllt mich grundsätzlich schon mehr als Management. Aber ich komme gern zur Arbeit. Ich sehe einen Sinn darin und kann auch einiges mitgestalten. Gerade in der Corona-Krise habe ich gemerkt, dass meine Arbeit wichtig dafür ist, dass andere ihre Aufgabe gut machen können.

Frage: Wie geht es Ihnen persönlich in der Corona-Krise?

Hofmann: Meine Mutter ist 91. Sie lebt auch in Köln. Ich habe mir immer die Frage gestellt, wie hältst du es jetzt mit den Besuchen? Normalerweise versuche ich, sie zwei- bis dreimal im Monat zu sehen. Während Corona habe ich sie eine ganze Reihe von Wochen nicht mehr besucht. Sie hat zwar eine Haushaltshilfe und wir haben telefoniert, geskypt, all das ist natürlich sehr gut. Ich habe ihr die Heilige Kommunion gebracht. Aber die ganze Situation hat mich dann schon angefasst. Wie viele Monate oder auch Jahre ich sie noch hier auf Erden haben darf, weiß ich nicht. Es war dann schwer abzuwägen, wie gehe ich mit der Corona-Situation um. Aber insgesamt geht es uns hier in Deutschland ja noch sehr gut im Vergleich zu anderen Ländern.

Frage: Hat Ihnen der Glaube durch die Krise geholfen?

Hofmann: Ja! Ich bin der festen Überzeugung, dass Gott uns auch in dieser Situation nicht allein lässt. Im Gegenteil, er ist uns besonders nahe – wenn wir lernen, ihn zu entdecken. Gott ist treu! Deswegen war und bin ich zuversichtlich.

Von Gabriele Höfling