Missbrauchs-Experte: Kirche hat Vertrauen auf Jahrzehnte verspielt
Heiner Keupp mahnt Änderung der Priesterausbildung an

Missbrauchs-Experte: Kirche hat Vertrauen auf Jahrzehnte verspielt

Bis die Kirche nach den Missbrauchsskandalen Vertrauen zurückgewinnen kann, ist es laut Heiner Keupp noch ein langer Weg. Aber was tun? Nach Ansicht des Experten müsse als erstes die Ausbildung der Priester verändert werden.

Frankfurt - 01.07.2020

Die katholische Kirche hat nach Einschätzung des Psychologen und Missbrauchs-Experten Heiner Keupp noch einen langen Weg vor sich, um Vertrauen zurückzugewinnen nach den Missbrauchsskandalen. So sei etwa die kürzlich im Bistum Limburg vorgestellte Missbrauchsstudie zwar "aufrichtig", sagte Keupp in einem Interview der "Frankfurter Rundschau" (Dienstag). Der umfangreiche Limburger Projektbericht könne aber nur ein wichtiger erster Schritt dahin sein, dass die Kirche - wie von Bischof Georg Bätzing gewünscht - wieder als Schutzraum für Kinder und Jugendliche wahrgenommen wird.

Es hänge nun alles davon ab, dass das Bistum "glaubhafte Strukturen" aufbaue. "Dann kann es vielleicht gelingen, dieses Vertrauen wieder herzustellen. Aber das kann Jahrzehnte dauern, denn jetzt ist es im Keller", ergänzte Keupp. Er war an den Studien zu den Missbrauchsfällen im Kloster Ettal, im österreichischen Stift Kremsmünster sowie an der Odenwaldschule im hessischen Heppenheim beteiligt.

Nach Ansicht des Experten sollte als erstes die Ausbildung der Priester verändert werden. "Eine der Fragen ist, wie Priester in die Rolle hineinsozialisiert werden, dass sie glauben, sie hätten eine besondere, nicht nur pastorale Macht über die Gläubigen", so der emeritierte Münchner Sozialpsychologe. Dies müsse sich ändern, denn damit wachse auch "die Gefahr der Grenzüberschreitung", gerade angesichts der Nähe von Priestern zu Kindern und Jugendlichen. Nötig sei auch, dass viele Kirchenvertreter "insgesamt ihren merkwürdigen elitären Sonderstatus reflektieren, diese Art von abgehobener Selbstgerechtigkeit", so Keupp weiter.

Kirche müsse wie im Fall Limburg proaktiv handeln

Das "wirklich Positive" an der Limburger Studie sei, dass man dort nicht gewartet habe, bis von außen ein Anstoß gekommen sei: "Man hat gehandelt, und das ist auch die Pflicht der Kirche, proaktiv zu handeln und wirklich alles auszuleuchten, damit es keine dunklen Felder mehr gibt. Das hat man dort verstanden."

70 Experten hatten seit September 2019 im Auftrag des Bistums in dem Projekt "Betroffene hören - Missbrauch verhindern" mitgearbeitet. In neun Teilprojekten analysierten sie den Umgang mit sexuellem Missbrauch in der Diözese seit rund 70 Jahren. Rechtsanwältin Claudia Burgsmüller fungierte als externe Projektbeobachterin. Der Limburger Bischof Bätzing als Auftraggeber zeigte sich bei der Vorstellung der Studie Mitte Juni entschlossen: "Es muss nun zu Maßnahmen kommen, die wehtun und Diskussionen auslösen", sagte er bei der Übergabe des mehrere hundert Seiten umfassenden Berichts in der Frankfurter Paulskirche. "Dieser Weg wird schmerzlich sein, aber wir werden die Maßnahmen umsetzen", betonte Bätzing, der auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) ist. (tmg/KNA)