Ein gut 50-jähriger, schlanker Mann, sitzt in einem roten Gewand und mit Mitra auf dem Kopf in einer Kirche.
Vertuschungsvorwürfe gegen Bischof brachten neuen Höhepunkt in Missbrauchskrise

Polens Primas: Müssen Vertrauen in Kirche wiederherstellen

Nachdem ein Bischof beschuldigt worden ist, sexuellen Missbrauch vertuscht zu haben, wird der Druck auf die katholische Kirche in Polen immer größer. Jetzt fand Primas Wojciech Polak bezüglich des klerikalen Missbrauchs klare Worte.

Warschau - 07.07.2020

Der Primas von Polen, Erzbischof Wojciech Polak, will im Zuge der Missbrauchskrise die Glaubwürdigkeit und das Vertrauen in die katholische Kirche in Polen wiederherstellen. Dies funktioniere nur, "wenn wir in der Wahrheit stehen und Verantwortung für die Aufklärung aller Verbrechen und Versäumnisse übernehmen", sagte Polak in einer Stellungnahme der Polnischen Bischofskonferenz von Montag.

"Die Reinigung der Kirche in Polen vom Verbrechen des Missbrauchs von Minderjährigen durch einige Mitglieder des Klerus ist nur durch eine ehrliche und konsequente Aufklärung der Straftaten sowie durch eine Aufklärung und Beurteilung der Fahrlässigkeit der kirchlichen Vorgesetzten möglich", so Polak weiter. Der Erzbischof von Gniezno (Gnesen), der zugleich Kinderschutzbeauftragter der Polnischen Bischofskonferenz ist, räumte ein, dass trotz der in Polen bereits ergriffenen Maßnahmen weiter daran gearbeitet werden müsse, die Mentalität in der Kirche zu ändern. Diesbezüglich gebe es noch "viel zu tun".

Der Primas räumte ein, "dass das in der Kirche geltende Recht nicht überall respektiert wird und nicht alle Opfer die Hilfe erhalten, die sie brauchen". Es sei nach wie vor eine Herausforderung, die Sicherheit von Kindern und Jugendlichen in der Kirche zu gewährleisten. Dazu diene eine in den polnischen Bistümern erarbeitete Präventionspolitik. Laut Polak müsse der Ausgangspunkt aller Aktivitäten der Kirche das Wohl der geschädigten Menschen sein. "Die Wiederherstellung eines Gerechtigkeitssinns, bei dem die Täter dieser Verbrechen zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden, ist das erste Zeichen der Hilfe. Das ist nicht nur eine Pflicht gegenüber den Opfern, sondern auch ein Zeichen der Liebe und Fürsorge der Kirche", so der Oberhirte. Dafür sei auch psychologische, rechtliche und spirituelle Hilfe von Nöten. Dazu sei die Kirche nicht nur durch das in ihr geltende Recht verpflichtet, sondern auch durch "das Gewissen und den menschlichen Anstand."

Filme brachten den Stein ins Rollen

Nach Missbrauchs-Dokumentationen, die 2019 und 2020 auf YouTube veröffentlicht wurden, wird der Druck auf die Kirche in Polen immer größer. Die zweite Dokumentation mit dem Titel "Zabawa w chowanego" ("Versteckspiel") beschuldigt den Bischof von Kalisz (Kalisch), Edward Janiak, Missbrauch vertuscht zu haben.

Polak wies in derr Stellungnahme darauf hin, dass er den Vorfall um Bischof Janiak nach Bekanntwerden Mitte Mai an den Vatikan gemeldet hatte. "Nachdem ich den Film gesehen hatte, konnte ich angesichts der dargestellten Tatsachen weder schweigen noch untätig bleiben", so der Oberhirte. Damit sei das 2019 durch Papst Franziskus verschärfte Kirchengesetz zum Kampf gegen Missbrauch eingesetzt worden, das die katholische Kirche in Polen anzuwenden lerne. Dieses sieht eine Verpflichtung und ein spezifisches Verfahren für die Meldung von fahrlässigem Verhalten kirchlicher Vorgesetzter in Fällen von Sexualverbrechen Geistlicher an Minderjährigen vor.

Bischof vom Papst beurlaubt

"Die Berichterstattung löst die Schuld nicht auf und gibt Bischof Edward Janiak eine echte Chance, Argumente zu seiner Verteidigung im Rahmen eines kanonischen Prozesses vorzubringen. Die Beurteilung des Falles fällt in die ausschließliche Zuständigkeit des Heiligen Stuhls", so Polak. Papst Franziskus hatte Bischof Janiak Ende Juni beurlaubt und einen Interimsleiter für die Diözese eingesetzt. Die Untersuchungen gegen den Bischof von Kalisz laufen weiter.

Der Primas betonte, dass die Kirche in Polen in den vergangenen Jahren mehrere Maßnahmen zum Schutz von Minderjährigen unternommen habe. Er nannte die Ernennung des Jesuitenpaters Adam Zak zum Koordinator für Kinder- und Jugendschutz bei der Polnischen Bischofskonferenz im Jahr 2013. Von ihm sei das Kinderschutzzentrum der Jesuitenuniversität Ignatianum gegründet worden, das Priester und kirchliche Mitarbeiter in der Prävention von sexuellem Missbrauch schule. Polak verwies auch auf die 2019 gegründete Initiative "Zranieni w Kosciele" ("Verwundete in der Kirche"), die telefonisch Hilfe anbiete sowie die von den Bischöfen gegründete "Sankt-Josef-Stiftung", die derartige Initiativen unterstützen wolle. (mpl)