Selig, wer den Durchblick gewinnt
Schwester Charis Doepgen über das Sonntagsevangelium

Selig, wer den Durchblick gewinnt

"Glücklich seid ihr!", ruft Jesus uns im Sonntagsevangelium zu. Das ist kein blinder Optimismus, sondern ein Weckruf, erklärt Schwester Charis Doepgen. Sie ist überzeugt: Wir sind gerufen, mit wachen Sinnen die Welt zu gestalten – weil Gott es uns schenkt.

Von Sr. Charis Doepgen OSB |  Kellenried bei Ravensburg - 11.07.2020

Impuls von Schwester Charis Doepgen

Jesus hat das Haus verlassen und sitzt am Ufer. Vielleicht will er allein sein. Da kommen Menschen, viele Menschen. Ich würde mich gestört fühlen – Jesus offenbar nicht. Im Nu ist ein Wortgottesdienst improvisiert, ganz ohne liturgischen Arbeitskreis. Ein Boot wird zur Kanzel, die Hörer stehen am Ufer. Jesus spricht lange, bildhaft und faszinierend. Die Szene wirkt wie aus dem Programm eines Katholiken- oder Kirchentags.

Die Gleichnisse Jesu sind lebensnah, seine Bilder spiegeln den Alltag. Eine dieser Geschichten hat Matthäus hier aufgezeichnet: Sie spiegelt die Erfahrung eines Bauern bei Aussaat und Ernteertrag, je nach Bodenbeschaffenheit. Sollte das ausreichen, um bei den Hörern einen Erkenntnisprozess auszulösen? Denn das ist doch gemeint, wenn Jesus ihnen zuruft: "Wer Ohren hat, der höre!" Bibelfeste Zuhörer erinnern sich an Jesaja. Wir hören ihn heute in der 1. Lesung mit einer anderen Botschaft als sie Jesus zitiert. Auch der Prophet versteht das Wort des Herrn als Samen, abhängig von der Fruchtbarkeit der Erde, aber er spricht nur von dem Glücksfall nahrhafter Ernte.

Darauf kommt es letztlich auch Jesus an. Was er den Jüngern, die nachfragen, als Schlüssel zum Verständnis anbietet, soll ein Weckruf sein. Den Jüngern Jesu ist schon ein Licht aufgegangen, sie haben schon auf den Anruf Gottes reagiert. Das ist eine Seligpreisung wert: "Eure Augen aber sind selig, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören." Zu dieser Seligkeit sind aber alle gerufen. Jesus will den Menschen die Sinne heilen, die blind und taub geworden sind für die Geheimnisse des Himmelreichs. Alle sollen den Durchblick gewinnen, wenn es darum geht, Gottes Wort den Boden zu bereiten.

Wer jetzt zuhört, ist privilegiert. Es gab Gerechte, die nicht über die Sehnsucht hinausgekommen sind. Hier und jetzt ist die Chance, den Anschluss an die ersten Jünger – die Sehenden und die Hörenden – zu gewinnen: "Ihr also, hört!" Das ist unser Kairos.

In dem letzten Abschnitt des Evangeliums geht es um die Zukunft des Gottesreichs, für die wir eine Verantwortung haben – nicht für das Saatgut, aber für den Acker. Drei Warnungen spricht Jesus aus. Denn erst wer mit dem Scheitern rechnet, wird alles daransetzen, um es zu verhindern. Jesus erwartet von uns, von den Gläubigen, dass wir nicht kurzsichtig und schwerhörig durch die Welt stolpern, sondern mit wachen Sinnen die Realität wahrnehmen.

Dann werden wir die festgetrampelten Wege, den felsigen Boden und die Dornen meiden. Wir werden einen Blick dafür bekommen, wo der Acker vorbereitet ist für eine neue Aussaat. Auch wo die Erwartungen sich nicht hundertprozentig erfüllen, reicht es fürs Überleben. Ein dreißigprozentiger Erfolg zählt noch.

Gott passt seine Erwartungen unseren Möglichkeiten an. Er überfordert nicht. Wir müssen nur den Durchblick behalten – Augen und Ohren nicht verschließen, vor dem was jetzt dran ist.

Von Sr. Charis Doepgen OSB

Evangelium nach Matthäus (Mt 13,1-23)

An jenem Tag verließ Jesus das Haus und setzte sich an das Ufer des Sees. Da versammelte sich eine große Menschenmenge um ihn. Er stieg deshalb in ein Boot und setzte sich. Und alle Menschen standen am Ufer. Und er sprach lange zu ihnen in Gleichnissen.

Er sagte: Siehe, ein Sämann ging hinaus, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen es. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte.

Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil aber fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach. Wer Ohren hat, der höre!

Da traten die Jünger zu ihm und sagten: Warum redest du zu ihnen in Gleichnissen? Er antwortete ihnen: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Himmelreichs zu verstehen; ihnen aber ist es nicht gegeben. Denn wer hat, dem wird gegeben und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat. Deshalb rede ich zu ihnen in Gleichnissen, weil sie sehen und doch nicht sehen und hören und doch nicht hören und nicht verstehen.

An ihnen erfüllt sich das Prophetenwort Jesajas: Hören sollt ihr, hören und doch nicht verstehen; sehen sollt ihr, sehen und doch nicht einsehen. Denn das Herz dieses Volkes ist hart geworden. Mit ihren Ohren hören sie schwer und ihre Augen verschließen sie, damit sie mit ihren Augen nicht sehen und mit ihren Ohren nicht hören und mit ihrem Herzen nicht zur Einsicht kommen und sich bekehren und ich sie heile.

Eure Augen aber sind selig, weil sie sehen, und eure Ohren, weil sie hören. Denn, amen, ich sage euch: Viele Propheten und Gerechte haben sich danach gesehnt zu sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und zu hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.

Ihr also, hört, was das Gleichnis vom Sämann bedeutet. Zu jedem Menschen, der das Wort vom Reich hört und es nicht versteht, kommt der Böse und nimmt weg, was diesem Menschen ins Herz gesät wurde; bei diesem ist der Samen auf den Weg gefallen. Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt; er hat aber keine Wurzeln, sondern ist unbeständig; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er sofort zu Fall.

In die Dornen ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört, und die Sorgen dieser Welt und der trügerische Reichtum ersticken es und es bleibt ohne Frucht. Auf guten Boden ist der Samen bei dem gesät, der das Wort hört und es auch versteht; er bringt Frucht – hundertfach oder sechzigfach oder dreißigfach.

Die Autorin

Schwester Charis Doepgen OSB ist Benediktinerin in der Abtei St. Erentraud in Kellenried bei Ravensburg.

Ausgelegt!

Katholisch.de nimmt den Sonntag stärker in den Blick: Wie für jeden Tag gibt es in der Kirche auch für jeden Sonntagsgottesdienst ein spezielles Evangelium. Um sich auf die Messe vorzubereiten oder zur Nachbereitung bietet katholisch.de nun "Ausgelegt!" an. Darin können Sie die jeweilige Textstelle aus dem Leben Jesu und einen Impuls lesen. Diese kurzen Sonntagsimpulse schreiben Ordensleute und Priester für uns.