Ein aufgeschlagenes Buch
Alle Exponate sollen überprüft werden

Raubgut und Fälschungen: Weltgrößtes Bibelmuseum ringt um Reputation

Washingtons Bibelmuseum will seinen ramponierten Ruf retten. Die evangelikalen Kuratoren gingen in ihrer fünfjährigen Einkaufstour Fälschern auf den Leim und erwarben Raubkunst. Doch nun sollen alle Exponate überprüft werden.

Von Bernd Tenhage (KNA) |  Washington - 11.07.2020

Die Staatsanwaltschaft ist aktiv, das Renommee angeschlagen und die "Aktion Rehabilitierung" läuft auf Hochtouren. Nicht ohne Druck der US-Bundesbehörden. Das weltweit größte Bibelmuseum in Washington hat seit seiner Eröffnung vor zweieinhalb Jahren so viele Skandale um Fälschungen und Raubkunst ausgelöst, dass die Justiz nun hart durchgreift.

Die Bundesbehörden verordneten dem Museum nicht weniger als die komplette Überprüfung jedes einzelnen der 40.000 Exponate. Identifiziert werden sollen nicht nur Fälschungen, sondern vor allem potenzielle Raubkunst-Artefakte, die an ihre Herkunftsländer zurückgegeben werden sollen. Wissenschaftliche Experten fragen sich, warum dieser Schritt so lange auf sich warten ließ.

Auslöser ist eine Intervention der New Yorker Staatsanwaltschaft im Mai, die die Rückgabe der sogenannten "Gilgamesch-Traumtafel" an den Irak anordnete. Die Tafel hatte sie schon Monate zuvor beschlagnahmt. Die 3.500 Jahre alte Tontafel stammt aus dem heutigen Irak. Sie gilt als eine der ältesten literarischen Werke. Steve Green, Vorstandsvorsitzender des Washingtoner Bibelmuseums und milliardenschwerer Besitzer der Bastelwaren-Kette "Hobby Lobby", erwarb sie 2014 in einer privaten Versteigerung für knapp 1,7 Millionen Dollar. Ein Fall von Raubkunst, so die Staatsanwaltschaft.

Das Ziel: Geschichte der Bibel näher bringen

Green ist nicht nur Gründer, sondern auch Finanzier des für 500 Millionen Dollar errichteten Museums. Darüber hinaus unterstützen er und seine Familie im großen Stil evangelikale Organisationen. Als die großen Bronzetüren des imposanten Baus an der National Mall im November 2017 für Besucher öffneten, war es das erklärte Ziel Greens, die Geschichte der Bibel einem breiteren Publikum näher zu bringen.

Bereits kurz nach der Öffnung stellten Wissenschaftler die unbequeme Frage: Sind alle Exponate echt und wie kamen sie in den Besitz des Museums? Noch im März dieses Jahres sah sich der Gründer des Museums als Opfer. "Ich vertraute den falschen Leuten und hatte es in den frühen Jahren mit skrupellosen Händlern zu tun", erklärte Green.

Menschen im Treppenhaus

Bei seiner Eröffnung war das erklärte Ziel des Museum of the Bible, die Geschichte der Bibel einem breiten Publikum näher zu bringen. Doch in der Folge gab es immer wieder Skandale, auch der Gründer und Finanzier Steve Green gestand einige Fehltritte ein.

Archäologen vermuten, das die "Gilgamesch"-Keilschrifttafel aus dem irakischen Nationalmuseum stammt, das wie viele andere Museen 2003 beim Einmarsch der US-Truppen Plünderern zum Opfer fiel. Schon im Eröffnungsjahr schaltete sich das US-Justizministerium ein und ordnete nicht nur die Rückgabe von Tausenden Exponaten an die irakische Regierung an. Es verhängte im Rahmen eines Vergleichs auch noch ein Bußgeld von drei Millionen Dollar gegen das Museum.

Peinlich auch die Enttarnung von 16 Schriftrollen vom Toten Meer als Fälschung. Deutsche Wissenschaftler verweigerten 2018 den sogenannten "Qumran"-Schriftrollen das Echtheitszertifikat.

Gründer spielt auch persönlich fragwürdige Rolle

Green gesteht "einige Fehltritte" beim Erwerb von Ausstellungsstücken ein. Im März kündigte er an, nur noch Exponate mit "zuverlässiger, dokumentierter Herkunft" zu erwerben. Um aus den Negativschlagzeilen herauszukommen, haben sich Green und sein Kurator Jeffrey Kloha Hilfe von externen Wissenschaftlern geholt und darüber hinaus das Auktionshaus Christies verklagt, bei dem sie die "Gilgamesch-Tafel" ersteigerten.

Steve Green spielt in der Fälschungs- und Raubkunstdebatte auch persönlich eine fragwürdige Rolle. US-Zöllner erwischten ihn 2017 bei der Einreise in die USA mit einer Bibel im Wert von einer Million Dollar im Gepäck, für die er keine Zollerklärung abgegeben hatte. Der Qumran-Schriftrollen-Experte der New York University, Lawrence Schiffman, meint, das Museum habe glaubwürdige Korrekturen unternommen. Neue Mitarbeiter und eine strengere Einkaufspolitik seien positive Zeichen.

Verblüffend pragmatisch gibt sich der irakische Botschafter in den USA, Fareed Yasseen. Hätte das Bibelmuseum gefragt, wäre eine Ausstellung bestimmt möglich gewesen, sagt der Diplomat. Die Artefakte sollten möglichst vielen Menschen präsentiert werden. "Im Irak sehen sie nur sehr wenige".

Von Bernd Tenhage (KNA)