Was wir aus der Benediktsregel lernen können
Nicht nur für Ordensleute bedeutend

Was wir aus der Benediktsregel lernen können

Seit fast 1.500 Jahren richtet sich das Leben vieler Ordensleute nach der Benediktsregel. Somit ist sie ein bedeutendes Schriftstück der Kirchengeschichte, wenn nicht sogar der Weltliteratur. Doch auch für "normale" Christen kann die Regel des heiligen Benedikt von Nursia von Bedeutung sein.

Von Fabian Brand |  Bonn - 11.07.2020

Wohl zu Recht kann man die Regel des heiligen Benedikt von Nursia als ein Stück Weltliteratur bezeichnen. Zumindest ist sie ein sehr bedeutendes Schriftstück innerhalb der Kirchengeschichte, denn nach ihr richtet sich seit beinahe 1.500 Jahren das Leben von unzähligen Mönchen. Die sogenannte Magisterregel, die ihren Ursprung wohl im 6. Jahrhundert hat, diente dem heiligen Benedikt als Vorbild. Aber auch die anderen großen Mönchsregeln, wie die Regel "unseres heiligen Basilius" (RB 73,5) oder die Regel des heiligen Augustinus waren Benedikt bekannt und haben ihre Spuren in der von ihm erlassenen Lebensordnung hinterlassen. Die Regel des heiligen Benedikt ist dabei längst nicht nur als Ordnung für das Zusammenleben von Mönchen in einem Kloster zu verstehen. Sie enthält einen großen spirituellen Schatz, der auch für das Leben von "normalen" Christen von Bedeutung sein kann. Die Lektüre der Regel lohnt und es gibt in ihr so manches zu entdecken, was auch für ein gelingendes christliches Leben außerhalb der Klostermauern ertragreich sein kann.

Programmatisch beginnt Benedikt seine Regel mit einem wegweisenden Wort: "Höre". Am Anfang der Regel, am Anfang eines Lebens als Mönch steht nicht das eigene ausgesprochene Wort. Den Auftakt bildet das Hören, das aufmerksame Lauschen auf das Wort eines anderen. Die Mönche jedenfalls sollen für unterschiedliche Sprecher aufmerksam sein: Sie sollen hören auf das Wort Gottes, mit dem sie in ihrem Alltag immer wieder konfrontiert werden; sie sollen hören auf das Wort des Abtes, der im Kloster die Stelle Christi einnimmt und schließlich sollen sie hören auf das Wort der Regel, die Ordnung und Maßstab für das klösterliche Zusammenleben bildet.

"Höre": Diese hörende Grundhaltung kann auch das Leben in der Familie und im Alltag prägen. Ein aufmerksames Zu- und Hinhören verhindert manches Missverständnis und hilft, den Anderen zu verstehen. Manche Menschen neigen dazu, immer gleich das Wort zu ergreifen und zu versuchen, mit großen Reden alle Probleme aus der Welt zu schaffen. Der heilige Benedikt legt den Mönchen ans Herz: Bevor du selbst etwas sagst, höre, was der Andere dir zu sagen hat. Erst zuhören und dann selbst reden – das kostet mitunter Überwindung, weil man meint, das eigene Wort sei viel wichtiger und bedeutender. Was hier zum Ausdruck kommt, ist noch etwas anderes: Es ist eine radikale Wertschätzung des Menschen, mit dem ich zu tun habe. Ihm das erste Wort zu überlassen, zeigt, dass ich ihn achte und respektiere. Ich muss ihn nicht mit meinen Gedanken überfallen, ich nehme zuerst einmal wahr, was ihn bewegt und umtreibt. In so vielen Begegnungen mit anderen Menschen kann eine solche Einstellung vieles bewirken und so manche Auseinandersetzung umgehen.

Die Werkzeuge der geistlichen Kunst

Wie kann ein gutes Leben aus dem christlichen Glauben gelingen? Im vierten Kapitel seiner Regel legt der heilige Benedikt den Mönchen die Werkzeuge der geistlichen Kunst dar. Es ist eine Aufzählung von vielen kleinen Geboten und Handlungsweisen, durch die man im eigenen Leben das Evangelium ablesen kann. Benedikt spielt in diesem Kapitel beispielsweise die Gebote des Dekalog ein, aber er nennt auch die Werke der Barmherzigkeit. Ein Leben aus dem Glauben: Für Benedikt ist das nicht nur eine fromme Geisteshaltung, es ist auch ein konkretes Tun, welches das eigene Handeln durch und durch prägen muss.

Der Heilige Benedikt von Nursia, Gründer des Benediktinerorden.

Der Heilige Benedikt von Nursia, Gründer des Benediktinerorden und Verfasser der Benediktsregel.

Die Werkzeuge der geistlichen Kunst lassen sich oftmals ganz leicht im Alltag verwirklichen: "Nicht eifersüchtig sein" oder "Streit nicht lieben", das sind eigentlich Tugenden, die man immer im Gepäck haben sollte, wenn man es mit anderen Menschen zu tun hat. Streit, Neid und Hass vergiften so oft das menschliche Miteinander und führen zu einer Atmosphäre, in der man sich nicht wohlfühlen kann. Der heilige Benedikt wusste um die Unzulänglichkeiten der Menschen und er versucht sie zu vermeiden, indem er seinen Mönchen diesen "Katalog von Werkzeugen" mitgibt. Wer sie in seinem Leben zur rechten Zeit einsetzt, der kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, dass eine menschliche Gemeinschaft entsteht, in der man sich aufrichtig und ehrlich begegnet, in der unvoreingenommen und herzlich miteinander umgeht. Diese Werkzeuge sind immer und überall und zu allen Zeiten einsetzbar – nicht nur im Kloster, sondern dort, wo Menschen sich begegnen.

Das Gebet als Stütze des Zusammenlebens

"Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden", schreibt Benedikt im 43. Kapitel seiner Regel. In dieser knappen Anweisung kommt ein sehr zentrales Anliegen Benedikts zum Ausdruck: Das gemeinsame Gebet ist eine der tragenden Stützen des Zusammenlebens der Mönche im Kloster. Gebet und Gottesdienst sind nicht weniger wichtig als die Handarbeit oder die geistliche Lektüre. Ja mehr noch: Der Gottesdienst ist die zentrale Mitte des mönchischen Lebens, daher soll man auch alles aus der Hand geben, sobald das Zeichen zum Gottesdienst gegeben wird. Ihm soll nichts vorgezogen werden.

Linktipp: Die Benediktsregel: Mehr als "Ora et labora"

Benediktiner? Kennt man: "Ora et labora". Doch die Benediktsregel ist mehr. Sie beschreibt das Leben der Mönche bis ins Detail – und kann auch für Menschen außerhalb des Klosters hilfreich sein.

Mitunter klingt dieser Abschnitt aus der Benediktsregel etwas aus der Zeit gefallen, weil unsere Gesellschaft das blanke Gegenteil erlebt: Dem Gottesdienst wird eigentlich alles vorgezogen – und wenn es noch so banal ist. Vielleicht kommt darin auch etwas zutiefst Menschliches zum Ausdruck, das nicht nur im Blick auf den Gottesdienst gilt: Die Hierarchie der Wichtigkeit ist variabel und ad hoc abänderbar. Was heute noch als oberste Priorität erscheint, wird morgen schon wieder von etwas völlig anderem abgelöst. Gerade diese immer neuen Entschuldigungen und Ausreden möchte Benedikt verhindern. Der Gottesdienst hat oberste Priorität und ihm darf nichts vorgezogen werden. Wer sich an dieser Leitlinie orientiert, der gerät nicht in die Gefahr, den Gottesdienst aus dem Blick zu verlieren, weil so vieles andere wichtiger wäre. Auch diese Einsicht kann das Leben tragen: Zu wissen, was wirklich zählt und dem auch nichts vorzuziehen. Das mag sicher für die Feier des Gottesdienstes gelten, die so häufig links liegen gelassen wird, weil anderes bedeutender erscheint. Doch es kann auch für ganz andere Zusammenhänge Gültigkeit besitzen: Dem Nächsten ist nichts vorzuziehen, einem Handeln aus Liebe ist nichts vorzuziehen und so weiter. Nichts vorzuziehen heißt dabei auch: Vorschnelle Entschuldigungen oder vorgeschobene Ausreden sind hier fehl am Platz; was einmal eingerissen ist, kann nicht so schnell wieder geheilt werden. Die Mahnung des heiligen Benedikt ist daher sehr nachdrücklich formuliert.

Einsichten für ein gelingendes Leben

Am Ende seiner Regel fasst Benedikt noch einmal zusammen, durch welchen Eifer die Mönche angetrieben werden sollen: "Sie sollen einander in gegenseitiger Achtung zuvorkommen; ihre körperlichen und charakterlichen Schwächen sollen sie mit unerschöpflicher Geduld ertragen; im gegenseitigen Gehorsam sollen sie miteinander wetteifern; keiner achte auf das eigene Wohl, sondern mehr auf das des anderen; die Bruderliebe sollen sie einander selbstlos erweisen; in Liebe sollen sie Gott fürchten (…)".

Für Mönche freilich mag dies in besonderer Weise zutreffen, aber nicht weniger wichtig sind solche Tugenden für jedes menschliche Zusammenleben. Was Benedikt in seiner Regel sehr knapp zusammenfasst, das sind zentrale Einsichten im Blick auf ein gelingendes Leben von Menschen, das sich in besonderer Weise am Evangelium orientiert. Eine Lektüre der Benediktsregel kann hilfreich sein, um so manches zu entdecken, was sich im eigenen Leben gut verwirklichen lässt. Jede Gemeinschaft lebt von einem guten Miteinander und einem offenen und ehrlichen Umgang. Das gilt nicht für klösterliche Gemeinschaften, sondern überall dort, wo es Menschen miteinander zu tun haben. Freilich: Solche Beziehungen stehen einem egoistischen Handeln entgegen, das nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist. Wer nach der Regel des heiligen Benedikt sein Leben ausrichtet, der orientiert sich an anderen Werten, die nicht Profit und Gewinnmaximierung als Leitlinie haben. Der Maßstab, den man hier anlegt, ist die Förderung des Wohls des Mitmenschen, ein unbedingter Einsatz dafür, dass es ihm gut geht und dass er sich und seine Talente entfalten kann.

Von Fabian Brand