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Standpunkt

Die Gesellschaft kann in der Gedenkkultur von der Kirche lernen

In der Debatte um die Gedenkkultur wird es problematisch, wenn man die Geschichte mit heutigen Maßstäben beurteilt, findet Pater Max Cappabianca. Dabei könnte die Gesellschaft von der Kirche lernen. Diese würde etwas Entscheidendes anders machen.

Von Pater Max Cappabianca |  Bonn - 13.07.2020

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Im Zuge der aktuellen Rassismus-Debatte sind auch die historischen Denkmäler ins Visier der Öffentlichkeit geraten. Zwar geht es in Deutschland nicht so bilderstürmerisch zu wie in Großbritannien oder in den USA, wo manche Statue vom Sockel gestürzt und in Flüsse geworfen wurde. Aber auch hierzulande hinterfragen viele – zurecht – die Gedenkkultur, wenn sie unkritisch bleibt und nicht auch ein Fragezeichen zulässt.

Problematisch wird dies aber, wenn man die Geschichte mit den Maßstäben der Jetztzeit beurteilen zu können glaubt. Das ist ahistorisch gedacht und schneidet einen von der eigenen Geschichte ab. Wie viele große Denker waren antisemitisch! Kompromittiert dies ihre Lebensleistung?

Ich bin davon überzeugt, dass die Gesellschaft hier von der katholischen Kirche lernen kann, die sich als Institution in einer großen historischen Kontinuität sieht. Auch die Kirche musste lernen, mit den Schattenseiten der eigenen Vergangenheit zu leben, ohne sie zu verneinen. Das ist eine Gratwanderung und zugleich eine Kunst!

Wie viel einfacher ist es, die Untaten früherer Zeiten Personen oder Institutionen der Vergangenheit zuzuschreiben und damit die Gegenwart zu "ent-schuldigen". Keiner wird behaupten, dass die gegenwärtigen Päpste die Verfolgung der Indianer bei der Eroberung Amerikas persönlich verantworten. Aber die große Vergebungsbitte von Papst Johannes Paul zum 2000-Jahr-Jubiläum hat gezeigt, dass man sich zu seiner Vergangenheit verhalten kann, ohne sie zu verneinen, um damit selbst als Saubermann dazustehen. Die katholische Kirche hat da schon einiges geleistet und wird auch in Zukunft noch einiges leisten müssen.

Ich wünsche mir in der gegenwärtigen Debatte um historische Denkmäler mehr Demut und Ehrlichkeit von allen Seiten; und den Mut, frühere Vorbilder kritisch zu hinterfragen, ohne sie in Bausch und Bogen zu verdammen. Damit werden wir allen Beteiligten mehr gerecht – auch denjenigen, die nach heutigen Maßstäben von historischen Vorbildern diskriminiert wurden –, als wenn wir es uns leicht machen und unsere Vergangenheit verleugnen und damit als Teil unserer Identität ablehnen.

Von Pater Max Cappabianca

Der Autor

Der Dominikaner Max Cappabianca ist Leiter der Katholischen Studierendengemeinde Hl. Edith Stein in Berlin.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.