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Standpunkt

Kirchenaustritte: Ritualisiertes Bedauern ist nicht genug

Die kirchlichen Reaktionen auf die jüngsten Kirchenaustrittszahlen klangen allzu routiniert, kritisiert Steffen Zimmermann. Er wünscht sich von der Kirche statt ritualisiertem Bedauern endlich eine selbstkritische Analyse des eigenen Tuns.

Von Steffen Zimmermann |  Berlin - 14.07.2020

Zweieinhalb Wochen ist es her, dass die Deutsche Bischofskonferenz für 2019 eine Rekordzahl an Kirchenaustritten verkünden musste. Was danach an Reaktionen aus der Kirche zu hören war, erinnerte stark an 2018. Und 2017. Und 2016 ... Man bedaure die hohe Zahl an Austritten. Man müsse sich genau mit den Gründen auseinandersetzen. Man wolle verstärkt nach Wegen suchen, um die Menschen besser zu erreichen ... Die meisten Stellungnahmen aus der Kirche klangen allzu routiniert und ritualisiert – so, als habe man sich längst dem Schicksal des eigenen Niedergangs ergeben.

Was in den Reaktionen wieder einmal zu kurz kam, war eine selbstkritische Analyse des eigenen Tuns. Was hat die Kirche in den vergangenen Jahren eigentlich konkret unternommen, um den dramatischen Mitgliederschwund zu stoppen? Warum war sie dabei so wenig erfolgreich? Was müsste sie anders und besser machen, um eine Trendumkehr zu schaffen? Auf solche naheliegenden Fragen gibt es bislang kaum Antworten. Sicher, in einigen Bistümern gab es in den vergangenen Jahren Erhebungen, bei denen nach den Gründen für die Kirchenaustritte gefragt wurde. Doch wurden daraus irgendwelche Konsequenzen gezogen? Wurde eine Strategie entwickelt, wie man den hohen Austrittszahlen wirksam begegnen könnte? Mir ist jenseits einzelner diözesaner Initiativen dazu nichts bekannt.

Warum sollte man auch im Jahr 2020 Mitglied der Kirche bleiben oder sich gar neu dafür entscheiden? Noch so eine naheliegende Frage, auf die man aus der Kirche kaum etwas hört. Viel zu oft hofft man in den Bistümern und Pfarreien immer noch darauf, dass die Menschen schon kommen werden, wenn sie etwas wollen. Viel zu oft interessiert man sich nicht für diejenigen, die noch Kirchenmitglied sind, statt endlich eine Mitgliederpflege zu betreiben, die ihren Namen verdient. Viel zu oft klingen Stellungnahmen aus der Kirche über den Zustand der eigenen Institution vor allem defizitär. Wen will man damit eigentlich begeistern? Wenn man Menschen vom eigenen "Produkt" überzeugen will, reicht der nur gelegentlich vorgetragene, allgemeine Verweis auf die Frohe Botschaft nicht aus.

Die Kirche muss sich im Umgang mit den Kirchenaustritten endlich selbstkritisch mit ihren Fehlern und Versäumnissen auseinandersetzen und daraus konkrete Schlüsse ziehen (der viel beschworene Synodale Weg allein wird dafür nicht ausreichen, zumal ja gar nicht klar ist, welche praktischen Konsequenzen dieser Weg am Ende haben wird). Sie muss ihre noch vorhandenen Mitglieder hegen und pflegen wie einen Schatz. Und sie muss sich aktiv und selbstbewusst darum bemühen, die Frohe Botschaft wirklich froh klingen zu lassen und sie auf dem bunten Markt der spirituellen Möglichkeiten als das attraktivste Angebot anzubieten. Geschieht dies nicht, ahne ich schon, welche Austrittszahlen und welche kirchlichen Stellungnahmen wir 2021 zu erwarten haben. Und 2022. Und 2023 ...

Von Steffen Zimmermann

Der Autor

Steffen Zimmermann ist Redakteur im Korrespondentenbüro von katholisch.de in Berlin.

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