Kardinal Timothy Dolan aus New York.
Kritik am Erzbischof von New York – Diskussion um Papst-Nachfolge

Kardinal Dolan: Konklave-Beeinflussung durch papstkritisches Buch?

Das ist ungewöhnlich: Ein Kardinal schickt angeblich Post an alle 222 Kardinäle. Darin: ein Buch darüber, wie der nächste Papst sein sollte, verfasst von einem konservativen US-Autor. Ist das eine unzulässige Beeinflussung eines Konklaves, das noch gar nicht begonnen hat?

New York - 15.07.2020

Der New Yorker Kardinal Timothy Dolan ist mit dem angeblichen Versand eines Buches an die Kardinäle der Weltkirche in die Kritik geraten. Darin gehe es um die Frage nach den potenziellen Eigenschaften des nächsten Papstes, wie der National Catholic Reporter (Dienstag) berichtet. Der Versand des Buchs "The Next Pope" des US-amerikanischen Autors George Weigel sei der "anscheinende Bruch mit der lange üblichen Praxis, dass sich die höchsten Kirchenleute mit öffentlicher Einflussnahme für mögliche Papst-Kandidaten zurückhalten". Weigel gilt als Kritiker der Amtsführung von Papst Franziskus.

Das Buch sei mit einer Nachricht Dolans auf offiziellem Briefpapier versandt worden, in der er das Buch als "wichtige Reflexion über die Zukunft der Kirche" bezeichnete, so NCR. Die Sendung sei wohl an alle 222 Kardinäle gegangen. Auf Anfrage von katholisch.de teilte das Erzbistum Köln, Diözese von Kardinal Rainer Maria Woelki, jedoch mit, dass dort von dem Buch und dem Vorgang bislang nichts bekannt sei.

Weigel betont gegenüber der Zeitung, dass es in dem Buch "mit nicht einem einzigen Satz um ein zukünftiges Konklave" gehe. Der Biograph von Johannes Paul II. analysiert darin die drei letzten Pontifikate und stellt Überlegungen an, "was der nächste Papst daraus lernen kann", so der Verlag. Konkrete Personalvorschläge unterbreitet Weigel nicht, wohl aber Charaktereigenschaften und Fähigkeiten, die er sich für einen zukünftigen Papst wünscht. Mit Blick auf den Vorwurf einer unzulässigen Beeinflussung der Kardinäle verwies er auf die "Sankt-Gallen-Gruppe", einem Gesprächskreis von Kardinälen, die nach dem Tod Johannes Pauls II. kirchenpolitischen Einfluss genommen haben soll.

Kardinal Kasper: Pflicht der Kardinäle, Papst zu unterstützen

Gegenüber katholisch.de wies Kardinal Walter Kasper, der selbst zu diesem Gesprächskreis gehörte, den Vergleich zurück. In der von dem Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini gegründeten Gruppe sei "zu Lebzeiten von Papst Johannes Paul II. zu keinem Zeitpunkt über eine künftige Papstwahl bzw. über Namen oder das Profil eines künftigen Papstes gesprochen" worden. Erst nach dem Tod des Papstes habe es im Vorkonklave unter den Kardinälen in unterschiedlichen Gruppen und Zusammensetzungen informelle Gespräche gegeben.

Der 86-jährige Kasper ist selbst nicht mehr wahlberechtigt. Für ihn gelte: "Habemus Papam, der weder durch schwere Krankheit amtsunfähig noch Zeichen der Amtsmüdigkeit gibt." Es sei die Aufgabe und Pflicht jedes Kardinals, den regierenden Papst "nach Kräften zu unterstützen" und "alles zu unterlassen, was dessen Dienst der Einheit in schwächt oder in Frage stellt". Der ehemalige Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen konnte nicht angeben, ob er auch unter den Empfängern des Buchs sei, da er sich seit drei Wochen nicht in Rom aufhalte und daher auch keinen Überblick über die seither eingegangene Post habe.

Gegenüber dem NCR gaben vier Kardinäle an, dass sie das Vorgehen Dolans mit Unbehagen sehen. "Wir haben einen Papst, und unser geschätzter Papst Johannes Paul II. gab uns klar Normen für ein zukünftiges Konklave", zitiert die Zeitung einen anonym bleibenden Kardinal. Die Apostolische Konstitution Universi dominici gregis (1996) verbietet es, "zu Lebzeiten des Papstes und ohne Beratung mit ihm, über die Wahl seines Nachfolgers zu verhandeln".

Timothy Dolan ist seit 2009 Erzbischof von New York. Von 2010 bis 2013 war er Vorsitzender der US-Bischofskonferenz. 2012 wurde er von Papst Benedikt XVI. zum Kardinal erhoben. Dolan, der dem konservativen Flügel der US-Kirche zugerechnet wird, galt im letzten Konklave als papabile, hat dies selbst aber stets bestritten. (fxn)