Augsburger Dom
Serie: Deutschland deine Kathedralen – Teil 2

Augsburger Dom: Zeugnis christlicher Stilepochen mit Fokus auf Maria

Romanisch im Westen, gotisch im Osten, dazu barocke Schmuckstücke und Elemente der Moderne: Der Augsburger Dom ist ein Gesamtkunstwerk über 1.000-jähriger christlicher Architektur- und Kunstgeschichte. Nicht nur wegen seines Patroziniums stellt er besonders die Gottesmutter in den Mittelpunkt.

Von Matthias Altmann |  Bonn/Augsburg - 01.08.2020

Schwaben stehen gemeinhin im Ruf, nur so viel Geld auszugeben, wie unbedingt nötig. Ob das als Grund für die einzigartige Baugeschichte des Augsburger Doms gelten kann, lässt sich natürlich nicht sagen. Aber tatsächlich haben Bischöfe, Baumeister und Künstler über verschiedene Jahrhunderte und Epochen der Kunstgeschichte hinweg ein unverwechselbares Gotteshaus geschaffen, indem sie Bestehendes weitgehend bewahrten und je nach den architektonischen und künstlerischen Trends der jeweiligen Zeit ergänzten und erweiterten.

Augusta Vindelicum, wie die heutige Bischofsstadt an den Flüssen Wertach und Lech in der Antike hieß, wurde von den Römern gegründet und gilt als eine der ältesten Städte Deutschlands. Ihre Rolle als Hauptstadt der Provinz Raetia secunda legt die Vermutung nahe, dass sie bereits in spätantiker Zeit Bischofssitz war. Doch bislang fehlt ein eindeutiger Beleg dafür. Ende der 1970er Jahre wurde bei Grabungen in Bereich des Diözesanmuseums, das direkt hinter dem heutigen Dom liegt, ein Gebäude entdeckt, bei dem es sich um einen Kirchenbau aus der Übergangszeit von der Spätantike ins Frühmittelalter handeln könnte.

Blick in den Augsburger Dom

Blick duch das Mittelschiff des Augsburger Doms zum Hauptaltar im Ostchor.

Noch für die Zeit des ersten verbürgten Bischofs Wikterp (gestorben um 771) ist unsicher, wie man sich die Bischofskirche vorstellen darf. Historisch greifbar wird eine Augsburger Kathedrale erstmals am Anfang des 9. Jahrhunderts. Damals ließ Bischof Simpert (reg. 778-807) der Überlieferung nach am heutigen Domplatz einen Bau nach karolingischer Art errichten, der 807 geweiht worden sein soll. 822 tauchte der Dom erstmals in einer Urkunde auf. Die historischen Quellen wurden durch Ausgrabungen bestätigt: Überreste vom Querhaus des damaligen Doms können Besucher im Diözesanmuseum besichtigen.

Im 10. Jahrhundert wurde der karolingische Dom durch einen Brand und wiederholte Zerstörungen im Zuge der Ungarneinfälle schwer in Mitleidenschaft gezogen. Bischof Ulrich (923-973) ließ die Schäden zwar unmittelbar beseitigen, doch 994 stürzten größere Teile des Bauwerks ein. Bereits unmittelbar danach wurde mit dem Wiederaufbau begonnen, allerdings im romanischen Stil – mit finanzieller Unterstützung von der damaligen Kaiserin Adelheid.  Sie soll den Einsturz des Doms in einem Traum vorausgesehen haben. Ihr Gemahl, Kaiser Otto I. (reg. 962-973), war 955 zusammen mit Bischof Ulrich in die folgenreiche Schlacht auf dem Lechfeld gezogen.

1.000 Jahre alter Kern

Der Bau von damals, dessen Errichtung wohl nur gut ein Jahrzehnt dauerte, prägt die heutige Erscheinungsform des Augsburger Doms wesentlich: Westchor und Mittelschiff bilden im Kern nach wie vor diie Grundgestalt des Gotteshauses, wodurch es als einzige bis heute in Deutschland erhaltene Kathedrale aus ottonischer Zeit, sprich dem Zeitraum um die Wende vom ersten ins zweite Jahrtausend, gelten kann. Auch die gleichzeitig entstandene Krypta ist noch weitgehend im Original erhalten. 1065 wurde der Hauptaltar im Westchor geweiht, damit gehörte der Dom zu einem gewesteten Sondertypus von Bischofskirchen. Die Türme kamen um 1075 dazu.

Nach und nach wurde der Dom weiter ausgeschmückt und erhielt wohl gegen 1135 im oberen südlichen Teil des Mittelschiffes seine berühmten Prophetenfenster, die wohl ältesten bis heute an ihrem ursprünglichen Ort erhaltenen Bleiglasfenster Deutschlands. Dabei handelt es sich um Darstellungen der Propheten Jona, Daniel, Hosea, und David und Moses, die zu den glanzvollsten Kunstleistungen der deutschen Hochromanik zählen. Lediglich das Moses-Fenster ist eine Neuschöpfung aus der Zeit um 1550.

Westchor des Augsburger Dom

Früher stand der Hauptaltar der Augsburger Kathedrale im Westchor. Noch heute feiert das Domkapitel dort seine Kapitelsmessen.

Im 14. Jahrhundert hielt schließlich die Gotik Einzug in das Gotteshaus und veränderte es nachhaltig. Ab 1331 wurden doppelte Seitenschiffe errichtet und das Mittelschiff mit gotischen Kreuzrippengewölben ausgestattet. 1356 legte Bischof Markward von Randegg (reg. 1348-1365) den Grundstein für den mächtigen Ostchor. Der Aufwand für diesen Umgangschor mit Kapellenkranz war enorm: Da man viel Platz hinzugewinnen musste, zwang man die wichtige Straßenachse zu einem großen Bogen um den Chor herum. Die Bürger der Reichsstadt ließ sich im Gegenzug zusichern, den Dom selbst während der Gottesdienste durchqueren zu dürfen. Das Bauvorhaben zog sich über mehrere Jahrzehnte hin, der Ostchor wurde 1431 geweiht. Mit dem dortigen Hochaltar wurde die Hauptausrichtung des Doms nach Osten vollzogen. Das Domkapitel feiert seine Kapitelsmessen bis heute aber im alten Westchor.

Gotteshaus als Ehrerweis an Maria

Doch mit dem charakteristischen Ostchor war die Baugeschichte des Augsburger Domes längst nicht beendet. Nach den Wirren der Reformationszeit, während der ein großer Teil der Ausstattung verloren ging oder sogar zerstört wurde, kamen mehrere Barock-Bauten hinzu. Erhalten ist lediglich die Marienkapelle an der Nordseite der Kirche, die von 1720 bis 1722 unter der Leitung des Eichstätter Hofbaudirektors Gabriel de Gabrieli errichtet wurde. Erbaut wurde sie für eine hochgotische Madonnenfigur, die bis dahin Teil eines Epitaphs im Kreuzgang gewesen war und nun als Gnadenbild verehrt wurde.

Die Augsburger Kathedrale will eine besondere Ehrerweisung an die Gottesmutter Maria sein, was bereits das Patrozinium "Mariä Heimsuchung" vermuten lässt. So taucht sie an mehreren Stellen als Statue auf, etwa in Gestalt einer romanischen Madonna mit Kind als "Thron der Weisheit" in der östlichen Apsis. Im Tympanon des Südportals wird ihre Lebensgeschichte dargestellt. Dazu erzählen unzählige Altarbilder im Innern des Doms vom Leben der Gottesmutter. Besonders wertvoll sind hier die Werke des Augsburger Malers Hans Holbein des Älteren aus dem Jahr 1493, die an den vier östlichen Nebenaltären im Langhaus angebracht sind.

Sakramentsaltar im Augsburger Dom

Der Sakramentsaltar im südlichen Seitenschiff wurde 2016 neu gestaltet.

Dass die reichhaltige Geschichte der Bischofskirche im Zweiten Weltkrieg kein Jähes Ende genommen hat, ist vor allem dem Einsatz der Augsburger Bürger zu verdanken. Im Februar 1944 wurden große Teile der Stadt durch einen verheerenden Bombenangriff zerstört. Dank einer ehrenamtlichen Brandwache konnte verhindert werden, dass es dem Dom genauso erging. Dennoch hinterließen die alliierten Bomben auch an der Kathedrale einige Spurern der Verwüstung: Das Dach der Marienkapelle geriet in Brand, zudem wurde der Kreuzgang schwer beschädigt.

Nachdem die Kriegsschäden beseitigt wurden, hielt nach und nach auch moderne Kunst Einzug in den Augsburger Dom. 1962 wurde am Platz des früheren Hochaltars im Ostchor eine Kreuzigungsgruppe aus Bronze errichtet, die 1985 um alttestamentliche Figuren erweitert wurde. In den folgenden Jahrzehnten schlossen sich weitere Sakralwerke an, zuletzt im Jahr 2016 ein neugestalteter, schlichter Sakramentsaltar im südlichen Seitenschiff. Über diesen ist mit dem "Ecce Homo" des Barockbildhauers Georg Petel ein Hauptwerk der deutschen Bildhauerkunst des 17. Jahrhunderts angebracht. Es stellt den Moment dar, als Pilatus den gegeißelten Jesus dem Volk vorführen lässt. Die Skulptur war zuvor an einem Pfeiler im südlichen Umgang angebracht und wurde an den neuen Sakramentsaltar versetzt. Somit wurden auch hier Tradition und Moderne in Einklang gebracht – so, wie es seit jeher im Augsburger Dom guter Brauch ist.

Von Matthias Altmann

Hinweis: Virtuelle 360-Grad-Tour durch den Augsburger Dom

Auf der Internetseite des Bistums Augsburg kann man sich auf eine virtuelle 3D-Tour durch den Dom begeben.