"Nicht a priori verwerflich"

Sozialethiker Spieker gegen moralische Verdammung von Atomwaffen

Veröffentlicht am 20.07.2020 um 11:47 Uhr – Lesedauer: 

Frankfurt ‐ Sind Atomwaffen generell zu verdammen? Sozialethiker Manfred Spieker findet: Nein. Deshalb fordert er von den Kirchen, ihre generelle Ablehnung zu überdenken. Es komme in der Debatte auch auf andere Dinge an.

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Der emeritierte Osnabrücker Sozialethiker Manfred Spieker wendet sich gegen eine kategorische Verurteilung der nuklearen Abschreckung durch die Kirchen. "Christen können zu konkreten Fragen der Rüstungstechnologie und der Militärstrategie unterschiedlicher Meinung sein", schreibt Spieker in einem am Montag veröffentlichten Leserbrief in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". "Deshalb ist der Katechismus nicht der geeignete Ort, um ein Urteil über die nukleare Abschreckung zu fällen."

Aus Sicht von Spieker ist "der Besitz von Atomwaffen nicht a priori verwerflich". Zusammen mit einer glaubwürdigen Strategie, "das heißt Abschreckung durch flexible Optionen statt durch massive Vergeltung, mindern Atomwaffen seit 75 Jahren das Risiko einer militärischen Aggression", schreibt der katholische Sozialethiker. Schon das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) habe die Möglichkeit einer gerechten Verteidigung auch unter den Bedingungen atomarer Rüstung nicht in Frage gestellt und die Verurteilung des totalen Krieges nicht an der Waffengattung, sondern an der Intention der Kriegführenden festgemacht.

Debatte um Atomwaffen

Spieker äußerte sich zur Debatte in den beiden großen Kirchen, die bisherige moralische Duldung der Strategie der nuklearen Abschreckung aufzugeben. Papst Franziskus hatte im November die Abschaffung aller Atomwaffen gefordert. Frieden und internationale Stabilität ließen sich nicht mit einer "Logik der Angst und des Misstrauens" sichern, so der Pontifex. Er nannte die hohen Rüstungsausgaben angesichts von Armut und Klimaproblemen in der Welt "himmelschreiend".

Noch im Juni dieses Jahres hatte der Mainzer Bischof und Präsident von Pax Christi Deutschland, Peter Kohlgraf, den Abzug von US-Atomwaffen aus Deutschland gefordert. Inzwischen habe sich "eine gefährliche Sorglosigkeit gegenüber der atomaren Bewaffnung und dem sogenannten Nato-Schutzschirm" entwickelt. (cph/KNA)