Kardinal Woelki: Wir sind herausgerufen in eine neue Zeit
Gastbeitrag des Kölner Erzbischofs zur neuen Vatikan-Instruktion

Kardinal Woelki: Wir sind herausgerufen in eine neue Zeit

Die neue Vatikan-Instruktion erntet wegen ihrer Aussagen über Laien-Leitung viel Kritik – auch unter den deutschen Bischöfen. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki dagegen lobt das Dokument. In seinem Gastbeitrag für katholisch.de erläutert er seine Haltung – und spricht über das Verhältnis von Klerikern und Laien.

Von Kardinal Rainer Maria Woelki |  Köln - 24.07.2020

In vielen unserer deutschen Bistümer bemühen wir uns, auf Ebene unserer Pfarreien und Gemeinden auf die veränderten Gegebenheiten unserer Zeit zu reagieren. Hier im Erzbistum Köln haben wir uns aus diesem Grund vor ein paar Jahren auf den Pastoralen Zukunftsweg begeben. Papst Franziskus weist uns mit der neuen Handreichung den Weg, die aktuellen Herausforderungen als Chance für eine missionarische Neuausrichtung zu nutzen. Wagen wir es, als Kirche wieder das zu sein, was wir sind: Ekklesia, die Herausgerufene! Leib Christi, Volk Gottes, königliche Priesterschaft!

Die Instruktion gibt wertvolle Anregungen, wie die uralte Institution der Pfarrei in unsere moderne Welt übertragen werden kann. Ganz deutlich ist hier von einer Forderung nach Umkehr die Rede, Umkehr hin zu einer offenen, missionarischen und "verjüngten" Form kirchlicher Gemeinschaft. Diese Hinwendung geschieht jedoch nicht allein durch Strukturveränderung und rein menschliche Anstrengung, sondern sie beginnt mit der Umkehr des Einzelnen und nimmt so von Christus her ihren Ausgang. Damit ist die neue Instruktion in ihrer Ausrichtung gar nicht neu, sondern liegt ganz auf der Linie des Schreibens, das Papst Franziskus im Zusammenhang mit dem Synodalen Weg am 29. Juni 2019 an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland gerichtet hat. Der Heilige Vater warnt darin davor, kirchliche Erneuerung allein in der Reform von Strukturen zu suchen, und ruft uns dazu auf, die Evangelisierung und damit Christus in den Mittelpunkt zu stellen. Genau hier zeigt sich auch die nach Papst Franziskus wesentliche Aufgabe der Pfarrei, nämlich dass sie "durch all ihre Aktivitäten ihre Mitglieder ermutigt und formt, damit sie missionarisch aktiv sind" (Evangelii gaudium, Nr. 28).

Die Sendung der Kirche

Ungeachtet der inhaltlichen Breite des Dokuments, welches sich lohnt, als Ganzes gelesen zu werden, spitzt sich seine Rezeption hier in der Kirche in Deutschland auf die Frage der Leitungsverantwortung in der Pfarrei zu. In diesem Zusammenhang ist es notwendig, dass wir uns auf die Sendung der Kirche, auf ihre eigentliche Daseinsberechtigung, besinnen, wie sie das Zweite Vatikanum treffend formuliert hat: "Die Kirche ist ja in Christus gleichsam das Sakrament, das heißt Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit." (Lumen Gentium, Nr. 1) Die gesamte Gemeinschaft der Kirche nimmt Teil an dieser Heilssendung und ist für sie mitverantwortlich. Daher verlangt die neue Instruktion von uns Bischöfen, "Vorgehensweisen und Modelle zu fördern, durch die alle Getauften kraft der Gabe des Heiligen Geistes und der empfangenen Charismen sich aktiv, dem Stil und der Weise einer organischen Gemeinschaft entsprechend, in die Evangelisierung (…) einbringen." (Instruktion "Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche", Kap. 6, Nr. 38)

Da alle Glieder der Kirche an Gottes Heil und Heiligkeit Anteil erhalten, sind sie auch untereinander in der kirchlichen Gemeinschaft verbunden: "Gemeinsam die Würde der Glieder aus ihrer Wiedergeburt in Christus, gemeinsam die Gnade der Kindschaft, gemeinsam die Berufung zur Vollkommenheit" (Lumen Gentium, Nr. 32). Diese kirchliche Gemeinschaft ist nicht gestaltlos und unstrukturiert, sondern gegliedert und auf verschiedenen Konkretionsebenen für die Menschen erfahrbar: Auf der Ebene der Gesamtkirche (Universalkirche), der Teilkirche (Partikularkirche, Bistum) sowie auf der Ebene der Pfarrei. Hier in der Pfarrei "findet die communio der Kirche ihren unmittelbaren und greifbaren Ausdruck" (Christifideles laici, Nr. 26, Kapitel über die Pfarrei); sie spielt daher eine besondere Rolle bei dem Zugang zur gesamten Heilswirklichkeit der Kirche.

Unterschiedliche Rollen, aber gleiche Würde

Dieser Struktur der Kirche entspricht auch die jeweils spezifische Verantwortung, die nicht etwa nur vom Papst, uns Bischöfen und Priestern, sondern vom gesamten Volk Gottes durch das je eigene Apostolat getragen wird. Die Laien leisten dabei einen spezifischen und unersetzlichen Beitrag, da durch sie die Kirche in der Welt "als Zeichen und Quelle der Hoffnung und der Liebe präsent" (Christifideles laici, Nr. 7) wird. Das Zusammenwirken aller Gläubigen ist organische Wirklichkeit, Leib Christi, dessen Glieder die Gläubigen, dessen Haupt aber Christus selbst ist. In diesem Leib haben sowohl das Haupt als auch die Glieder, bei gleicher Würde, auf jeweils spezifische Art und Weise ihren Platz und ihre Funktion. Die Vergegenwärtigung Christi, des Hauptes, in einer Pfarrei obliegt dem Priester, aber nicht, weil Priester sein bedeutet, automatisch kompetenter oder heiliger, besser zu sein als "der Rest". Ihre Befähigung zur Leitung einer Pfarrei besitzen Priester nicht aus sich heraus, sondern weil sie durch die Priesterweihe "dem Priester Christus gleichförmig" geworden und dazu bevollmächtigt sind, "in der Person des Hauptes Christi zu handeln" (Presbyterorum Ordinis, Nr. 2).

Das besondere Priestertum der Weihe dient also der Sammlung und dem Wachstum des Volkes Gottes, das auf seinem Weg durch sich verändernde Zeiten in der Feier der dem Priester anvertrauten Sakramente Christus begegnet und so immer wieder neu zur Kirche Jesu Christi vor Ort wird. Durch seinen besonderen Dienst der Leitung soll der Priester die Getauften unterstützen, fördern und dabei begleiten, als Christen zu leben: ihre Verbundenheit mit Jesus Christus und ihre Solidarität mit den Menschen unserer Zeit. Dies zu betonen ist mir als Erzbischof von Köln, gerade seit Beginn des Pastoralen Zukunftsweges, ein Anliegen.

Gemeinsame Verantwortung für die Kirche

Wie Haupt und Glieder in der Einheit des Leibes zusammenwirken, so können die Laien über ihr Apostolat hinaus "in verschiedener Weise zu unmittelbarerer Mitarbeit mit dem Apostolat der Hierarchie berufen werden, nach Art jener Männer und Frauen, die den Apostel Paulus in der Verkündigung des Evangeliums unterstützten und sich sehr im Herrn mühten (vgl. Phil 4,3; Röm 16,3ff). Außerdem haben sie die Befähigung dazu, von der Hierarchie zu gewissen kirchlichen Ämtern herangezogen zu werden, die geistlichen Zielen dienen." (Lumen Gentium, Nr. 32) Hiervon weicht auch die neue Instruktion aus Rom nicht ab: Die letzte Verantwortung in der Leitung der Pfarrei liegt beim Pfarrer, der ein geweihter Priester ist; gleichzeitig sind die Laien zur Mitwirkung an der Leitung der Pfarrei berufen. Das ist keine Frage der Wertschätzung, sondern der Tatsache geschuldet, dass wir, Priester und Laien, die Verantwortung für die Kirche Christi teilen.

Eine Verengung der Kirche und ihrer Mission allein auf das Weihepriestertum ist daher nicht zielführend und wird der Würde und Rolle aller Getauften nicht gerecht. Das Papier schärft unseren Blick für eine gewisse Tendenz, die Gemeinde allein vom Pfarrer aus zu denken. Es gebietet der Versuchung Einhalt, die missionarische Ausstrahlung einer Gemeinde allein an der Rolle und der Funktion des Pfarrers festzumachen. Die evangelisierende Kraft einer Gemeinde ist aber weit entfernt davon, alleine an der Figur des Pfarrers zu hängen! Fast möchte man sagen, es ist genau umgekehrt! Die Frage, die ich mir als Priester zu stellen habe ist: Wie kann ich dir helfen, heilig zu werden? Deine ganz persönliche Berufung zur Gotteskindschaft zu entfalten und zu leben? Wir als Priester müssen uns fragen: Wie können wir die Gläubigen dabei unterstützen, sich selbst und andere zu evangelisieren?

Lassen wir uns vom Heiligen Vater heraus-rufen

Als Leib Christi bleibt die Kirche durch alle Zeiten hindurch ihrem Wesen nach unverändert. Als sichtbarer Teil der Kirche sind wir aber immer wieder herausgerufen, auf die Veränderungen unserer Zeit zu reagieren. Wir müssen uns immer neu die Frage stellen, wie wir Christus zu den Menschen bringen können. Als Kirche haben wir der Welt Gott zu geben – oder wir haben ihr nichts zu geben. Wenn wir als Kirche unsere in letzter Zeit so oft beschworene Existenzberechtigung behalten wollen, dann weil wir uns auf unseren ureigenen Daseinsgrund besinnen: "durch die Verkündigung des Glaubens und die Spendung der Sakramente das Evangelium den Menschen zu bringen" (Instruktion Kap. 2, Nr. 7). Die Pfarrei als Kirche vor Ort und konkrete Gemeinschaft der Gläubigen verwirklicht diese Sendung durch die Mitwirkung jedes Einzelnen ihrer Glieder.

In Deutschland neigen wir dazu, in unseren Diskussionen und Reformvorschlägen um die Rolle des Pfarrers zu kreisen – als ob wir Priester und Bischöfe die Sendung der Kirche allein tragen könnten, was niemals der Fall sein kann. Wagen wir es, gemeinsam unsere Pfarreien und Gemeinden immer mehr in pulsierende Zentren der Christusbegegnung zu verwandeln! Lassen wir uns vom Heiligen Vater heraus-rufen zu einer Art des Kirche-Seins, in der alle Getauften sich ohne Ausnahme als "aktive Protagonisten der Evangelisierung" (Instruktion Kap. 6, Nr. 39) verstehen und Christus für ihre Mitmenschen ein Gesicht geben: ihr Gesicht.

Von Kardinal Rainer Maria Woelki