152 Bischöfe erheben schwere Vorwürfe gegen die Regierung Bolsonaro
Versagen angesichts der Corona-Pandemie und Wirtschaftskrise

152 Bischöfe erheben schwere Vorwürfe gegen die Regierung Bolsonaro

Schon 90.000 Tote durch Corona – doch Brasiliens Präsident Jair Bolsonaro spricht von einer "kleinen Grippe" und einer "Hysterie" um die Pandemie. Eine Gruppe aus 152 Bischöfen und Erzbischöfen erhebt nun öffentlich ihre Stimme gegen die Regierung.

Rio de Janeiro - 27.07.2020

Eine Gruppe aus 152 Bischöfen, Erzbischöfen und emeritierten Bischöfen aus Brasilien wirft Medienberichten zufolge Präsident Jair Messias Bolsonaro und seiner Regierung Unfähigkeit angesichts der aktuellen Krisenlage vor. Brasilien erlebe wegen der Pandemie und der schweren Wirtschaftskrise mit ihren sozialen Folgen einen der schwierigsten Momente seiner Geschichte, so der unter anderem von Kardinal Claudio Hummes (85) und dem emeritierten Amazonas-Bischof Erwin Kräutler unterzeichnete Brief.

Der als "Brief an das Volk Gottes" (Carta ao Povo de Deus) betitelte Text bezeichnet die aktuelle Krise als "perfekten Sturm", für den zum großen Teil Bolsonaro verantwortlich sei. Brasilien sei ohnehin schon eine ungleiche, ungerechte und gewalttätige Gesellschaft. "Diese Realität lässt keine Gleichgültigkeit zu." Die Regierung sei jedoch untätig und lasse zu, dass Holzfäller, Goldsucher und Landwirte der Natur und neoliberale Wirtschaftsführer den Ärmsten schwere Wunden zufügten. Zudem klagen die Kirchenvertreter die Covid-19-Politik der Regierung an: "Wir müssen den wissenschaftsfeindlichen Diskurs miterleben, der die Tausenden von Toten als etwas Normales erscheinen lassen will, so als ob sie das Ergebnis eines Zufalls seien oder einer göttlichen Strafe." Ebenso gleichgültig sei die Regierung gegenüber dem daraus folgenden wirtschaftlichen und sozialen Chaos. Ihr gehe es alleine um den Machterhalt.

90.000 Todesopfer – "kleine Grippe" und "Hysterie"?

Seit Beginn der Pandemie, die in Brasilien bereits nahezu 90.000 Todesopfer gefordert hat, hatte Bolsonaro das Virus als "kleine Grippe" und die Maßnahmen zur Bekämpfung als "Hysterie" bezeichnet. "Dieser Diskurs basiert nicht auf ethischen oder moralischen Grundsätzen", so die Kirchenvertreter. Die von der Regierung eingeleiteten Wirtschaftsreformen würden zudem einen Neoliberalismus einführen wollen, der lediglich eine kleine Gruppe Mächtiger diene und der großen Menge der Bevölkerung schade. Die Wirtschaftspolitik "töte" mit ihrem Fokus auf "Gewinn um jeden Preis". In dem Brief heißt es weiter: "Ebenso erschüttert uns die Abneigung (der Regierung) gegenüber der Bildung, der Kultur, dem Gesundheitssystem und der Diplomatie." Die Regierung habe sich die Bildung und Kultur als Gegner ausgesucht, und genauso lehne sie die Presse- und Meinungsfreiheit ab. Zudem missbrauche die Regierung die Religion, um Hass zu säen und die Gesellschaft zu spalten.

Die Kritik der Kirchenvertreter sollte ursprünglich am vergangenen Mittwoch von der Bischofskonferenz veröffentlicht werden, wurde von dieser jedoch angeblich zur inhaltlichen Analyse zurückgehalten. Am Samstag veröffentlichte eine Journalistin der Zeitung "Folha de S. Paulo" den Inhalt des Briefes. Einige der Unterzeichner hätten befürchtet, dass der konservative Flügel der Bischofskonferenz den Brief schlicht nicht veröffentlichen wolle, hieß es dazu. Ebenfalls in der vergangenen Woche hatte der brasilianische Befreiungstheologe Frei Betto (75) den Umgang der Regierung mit der Corona-Krise als Völkermord bezeichnet. Bolsonaro warf er in einem Offenen Brief vor, dieser wolle das Massensterben. Zudem spekuliere der Präsident darauf, dass der Tod alter und kranker Menschen das Rentensystem und die Gesundheitskassen entlaste. (tmg/KNA)