Essens Generalvikar Klaus Pfeffer
Priesteramt und Sexualmoral neu in den Blick nehmen

Missbrauch: Essener Generalvikar für "gesunden Generalverdacht"

"Jede und jeder einzelne könnte Täterin oder Täter sein", glaubt der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer mit Blick auf Missbrauch in der Kirche. Deshalb spricht er sich für eine 'Kultur der Achtsamkeit' aus.

Essen - 12.08.2020

Der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer hat sich für einen "gesunden Generalverdacht" im Kampf gegen Missbrauch in der Kirche ausgesprochen. "Gerade weil sexuelle Gewalt überall gegenwärtig ist und sich geschickt verbergen kann, braucht es eine 'Kultur der Achtsamkeit'", heißt es in einem jüngst erschienenen Buch-Beitrag Pfeffers, wie das Bistum Essen am Mittwoch mitteilte. Dadurch werde "potentiellen Tätern unmissverständlich signalisiert: 'Ihr habt keine Chance bei uns!'". Der Aufsatz mit dem Titel "Unter Generalverdacht" ist im theologischen Sammelband "Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen im Raum von Kirche. Analysen – Bilanzierungen – Perspektiven" im Herder-Verlag erschienen. 

Ein gesunder Generalverdacht werde "dafür Sorge tragen, kirchliche Systeme zu enttabuisieren und überzogene, falsche Ideale zu hinterfragen", heißt es in dem Text Pfeffers weiter. "Sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche hat Ursachen, die weit über einzelne Täter oder Mit-Beteiligte hinausgehen." Daher sei mit Missbrauch "jederzeit und überall zu rechnen. Jede und jeder einzelne könnte Täterin oder Täter sein – oder durch Mitwisserschaft und Wegsehen mitbeteiligt sein"Alle, die in der Kirche tätig seienwürden eine Mitverantwortung tragen, "um den Nährboden für sexuelle Gewalt zu beseitigen".

Missbrauchsfälle "nur die Spitze eines Eisberges" von Leidensgeschichten

Die zahlreichen Missbrauchsfälle in den vergangenen Jahrzehnten seien "nur die Spitze eines Eisberges vieler weiterer Unheils- und Leidensgeschichten in der Kirche", so Pfeffer. Dem Generalvikar seien "viele, gerade ältere Menschen bekannt, die von einem ungeheuren psychischen Druck zu berichten wissen, der durch eine kirchlich geprägte Erziehung – nicht zuletzt in sexualmoralischer Hinsicht – ihr gesamtes Leben belastet hat". Er plädiert deshalb dafür, "den Missbrauch von Macht in einem sehr umfassenden Sinn in der katholischen Kirche aufzudecken und zu überwinden". 

Außerdem müsse das priesterliche Amt neu in den Blick genommen werden, gerade wenn Idealbilder sich in der Wirklichkeit nicht umsetzen ließen. Pfeffer fordert eine "Atmosphäre der Offenheit, damit Priester sich den Fragen ihrer persönlichen Entwicklung und vor allem auch ihren Krisen ehrlich stellen können". Die "rigide, einengende und mit negativen Werturteilen behaftete Sexualmoral", müsse überwunden werden. Pfeffer spricht sich deshalb für eine Neu-Interpretation und -Gestaltung des Weiheamts aus. Damit verbunden sei die Frage, "wie eine Geschlechtergerechtigkeit gelingt, die Frauen die gleiche Teilhabe wie Männern an der verantwortlichen Mitgestaltung der katholischen Kirche eröffnet". Ein beharrliches Festhalten an einer Struktur mit männlich dominiertem Machtgefällen werde den Vertrauensverlust der Kirche weiter beschleunigen. (rom)