Schachfigur
Standpunkt

Einfach mal die Sprache der Menschen sprechen

Wer etwas zu sagen hat, sollte das am besten so tun, dass andere es verstehen. Doch daran hapert es, kritisiert Thomas Winkel. Wozu es beitragen könne, wenn sich Menschen nicht verstanden fühlten, lasse sich am Erstarken von Extremisten ablesen.

Von Thomas Winkel |  Bonn - 24.08.2020

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Viele Menschen, viele Gruppen in Deutschland verstehen einander nicht mehr, nicht nur sprachlich. Die Art des Redens trägt oft ungewollt dazu bei, dass der gern beschworene Zusammenhalt in der Gesellschaft bröckelt.

Lehrbücher beschreiben Sprache als Möglichkeit des Menschen, sich auszudrücken – am besten so, dass andere es verstehen. Daran hapert es. Manche Vordenker und Vorkämpfer in den großen Städten – sie selbst würden sagen "die urbane Avantgarde" – werfen wie selbstverständlich mit englischen oder französischen Begriffen um sich, jedenfalls mit Fremdwörtern. Etwa: "Racial Profiling ist omnipräsent." Es geht munter weiter mit Ambivalenz und Antiziganismus, mit Fake News und FAQs, mit Dissens, Konsens und Konvergenz, mit vulnerabel und volatil – gerne auch in evangelischen und katholischen Bildungshäusern. Was soll das?

Im gesamten kirchlichen Dunstkreis – ja, "Milieu" wäre korrekter kommt hinzu: ein Rückgriff auf das traditionelle Latein (imprimatur, nihil obstat, Instruktion), und nochmals gesteigert wird das Ganze durch lateinische Einsprengsel in Gesprächen: sei es "a priori", "hic et nunc" oder "in cumulo". Nicht nur bei der letzten Synodal(!)versammlung zum großen katholischen Reformprojekt haben jüngere Teilnehmerinnen und Teilnehmer das kritisiert. Wobei der Funktionärssprech kirchlicher Jugendverbände da kein bisschen besser ist.

Eine Anfrage vor allem an Akademiker, also Leute mit einer Uni-Ausbildung. Natürlich können Fachausdrücke und eine besondere Fachsprache sinnvoll sein – aber bitteschön im eigenen Bereich: am OP-Tisch, in der Montagehalle, im Doktorandenseminar oder in der Kulturszene mit ihren Vernissagen und Retrospektiven. Aber wer beispielsweise in Politik, Kirche oder Medien andere Menschen erreichen möchte, sollte ihre Sprache sprechen (ohne jedem nach dem Mund zu reden). Sonst findet er oder sie kein Gehör, kuschelt sich in der eigenen Blase ein und schließt andere aus. So etwas kann gefährlich werden.

Wozu das beitragen kann, wenn sich viele Menschen nicht verstanden fühlen, lässt sich am Erstarken von Extremisten ablesen. Dabei lassen sich auch große Themen verständlich rüberbringen, wie zugegebenermaßen sehr unterschiedliche Personen zeigen: etwa Annalena Baerbock von den Grünen und Jesus von Nazareth. So brachte die Parteichefin beispielsweise im Bundestag drei Dinge kurz und knapp auf den Punkt: "Ansonsten gehen Familien kaputt, Kinder zerbrechen am Druck und die Zukunft der Wirtschaft steht dauerhaft auf dem Spiel." Und Jesus lebte, was er lehrte, sprach oft in lebensnahen Gleichnissen, damit alle ihn verstehen konnten – nicht nur die eigene Gefolgschaft. Also: Sag's einfach.

Von Thomas Winkel

Der Autor

Thomas Winkel ist Chef vom Dienst der Katholischen Nachrichten-Agentur in Bonn.

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