Der bisherige Nürnberger Stadtdekan Hubertus Förster
Hubertus Förster geht in den Ruhestand

Nürnbergs Stadtdekan: Viel "Ballast" abwerfen, den man Tradition nennt

Morgen geht der Nürnberger Stadtdekan Hubertus Förster (70) in den Ruhestand. Im Interview spricht Förster über die Herausforderungen in einer Stadt, in der Christen in der Minderheit sind, und seine Vorstellung von einer veränderten Kirche.

Von Christian Wölfel (KNA) |  Nürnberg - 29.08.2020

Zwölf Jahre war Hubertus Förster das katholische Gesicht in Bayerns zweitgrößter Stadt, deren nördlicher Teil zum Erzbistum Bamberg, der Süden zum Bistum Eichstätt gehört. Im Interview spricht er auch über den einzigartigen Wahlmodus für das Amt des Stadtdekans.

Frage: Herr Förster, Nürnberg als eine Stadt der Reformation war lange fest in protestantischer Hand. Mittlerweile gibt es fast gleich viele Katholiken. Ein Grund zur Freude für den katholischen Stadtdekan?

Förster: Nein, ist es sicher nicht. Denn wir denken hier in Nürnberg schon länger nicht in engen konfessionellen Grenzen, sondern machen viele Dinge gemeinsam mit der Evangelischen Kirche.

Frage: Doch selbst Katholiken und Protestanten gemeinsam stellen in Nürnberg nicht mehr die Mehrheit der Bevölkerung. Welche Relevanz haben dann noch Ihr Amt und Kirche überhaupt in der Gesellschaft?

Förster: Trotz der Zahlen ist die Relevanz noch hoch – zumindest, wenn es darum geht, wie wir von Stadt und Gesellschaft angefragt werden. Da geht es um die Segnung einer Bank oder auch der Zweigstelle des bayerischen Gesundheitsministeriums, das Mitwirken in der Aktion des Oberbürgermeisters "Nürnberg hält zusammen" oder im "Bündnis für Familie" in der Stadt Nürnberg. Man hat dadurch die Chance, mitzuwirken und die eigenen christlichen Werte und Überzeugungen zu vermitteln.

Frage: Warum ist das so?

Förster: Wir sind als Kirchen natürlich mit unserem sozialen Engagement noch sehr bedeutend. Außerdem suchen wir bewusst auch das Bündnis mit anderen und andere suchen es mit uns, wenn es um gemeinsame Werte und Vorstellungen geht. Der Deutsche Gewerkschaftsbund legt Wert auf gemeinsame Aktionen, wo sich Themen oder Interessen überschneiden; so haben wir schon mehrere gemeinsame Positionspapiere veröffentlicht, etwa zu Europa, Migration oder Demokratie und sind zusammen geschlossen in der Sonntags-Allianz. Wir finden hier Berührungspunkte.

Frage: Wie viel kann da eine insgesamt schrumpfende Kirche aus Nürnberg lernen?

Förster: Diese gewisse Minderheiten-Situation in Nürnberg wird es früher oder später auch in kleineren Städten oder auf dem Land geben. Wir sind als Stadt eine Art Seismograph. Das haben wir ja in Nürnberg in der Gestaltung der neuen Struktur für die Seelsorgebereiche versucht, indem wir Schwerpunkte bilden wollten. Kirche wird nicht mehr alles machen können, da sie auch personell kleiner wird. Da braucht es ein Zukunftsbild. Dazu gehört, dass wir verstärkt für die Menschen in besonderen Situationen da sind. Es kann nicht sein, dass jemand eine Woche im Krankenhaus liegt und die Krankenhaus-Seelsorge hat keine Zeit, ihn zu besuchen. Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen sind wichtig, denn da suchen uns noch die Menschen. Dazu gehört auch, dass dann Ehrenamtliche die Gemeinden leiten könnten, damit Seelsorgerinnen und Seelsorger Zeit für ihre eigentliche Aufgabe haben.

Blick über die Via della Conciliazione auf den Petersplatz und Petersdom

"Unmöglich. Die Bischöfe sollten dies einfach ignorieren", sagt Stadtdekan Hubertus Förster zur Vatikan-Instruktion über Pfarreireformen.

Frage: Das soll aber nach der neusten Instruktion der Kleruskongregation nicht gehen. Was sagen Sie dazu?

Förster: Unmöglich. Die Bischöfe sollten dies einfach ignorieren. Oder aufbegehren? Ich habe als (vorkonziliares) Kind noch gelernt, dass die Kirche "vom Papst und den Bischöfen" geleitet wird. Derzeit sollen sie wohl Befehlsempfänger einiger umtriebiger Kurienkardinäle sein.

Frage: Haben Sie eine Idee, wie sich der Trend einer schrumpfenden Kirche aufhalten lässt?

Förster: Ich denke, wir müssen viel an Ballast abwerfen, den man Tradition nennt, der geschichtlich gewachsen ist, uns jedoch mehr und mehr behindert. Warum nimmt man nicht die Heilige Schrift her und schaut, was wirklich drin steht und was die Intention Jesu ist? Allein der unselige Streit um das gemeinsame Abendmahl in gemischt-konfessionellen Ehen. Da wurden dann ein Forderungs-Katalog aufgestellt, was die Paare alles erfüllen müssen. Das hatte schlicht die Wirkung eines Verbotscharakters. Die Intention des Abendmahls ist eine ganz andere. Oder etwa die Frauenfrage: In Zeiten der Urkirche waren die Frauen für das Gastmahl verantwortlich, aus dem sich – meines Wissens – die Eucharistie mit entwickelt hat. Wir müssen bei den Menschen sein, anstatt uns in solchen Scharmützeln aufzureiben.

Frage: Wenn im Oktober Ihr Nachfolger gewählt wird, dann geschieht das in einer bundesweit einzigartigen Weise. Denn er wird von einer zu gleichen Teilen aus Laien und Priestern bestehenden Wahlversammlung gekürt. Kann das Vorbild für andere Ämterbesetzungen sein?

Förster: Warum denn nicht? Warum muss der Pfarrer von oben her eingesetzt werden? Es gibt in der Liturgie bei der Priesterweihe den Moment, bei dem der Regens gefragt wird, ob die Weihekandidaten für würdig befunden wurden. Die Antwort lautet dann, dass das Volk und die Verantwortlichen befragt wurden und sie für würdig befunden haben. Doch wo wurde das denn gemacht? Jedenfalls zeigt das, dass eben früher das Volk befragt wurde. Es wäre also nichts Neues, Ämter demokratischer zu besetzen. Stattdessen pflegt man etwa bei Bischofsernennungen die Aura: Es geht um Glaubenswahrheiten, weshalb keine Wahl möglich ist. So werden Ämter sakrosankt.

Von Christian Wölfel (KNA)