Eine Kette und ein dickes Vorhängeschloss veriegeln den Eingang zum Asylbewerberheim in Berlin-Hellersdorf.
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Bischöfe rufen Deutschland zu mehr Einsatz für Syrien-Flüchtlinge auf

"Es ist eine Schande"

Zahlen, besonders große Zahlen, sind abstrakt; sie schaffen es oft nicht, eine Situation richtig darzustellen. Was bedeutet die Zahl "sechs Millionen Syrer sind auf der Flucht" für uns Deutsche? Der Hildesheimer Bischof Norbert Trelle versucht, mit zwei Vergleichen, das Ausmaß klarzumachen.

Fulda - 25.09.2013

Auf deutsche Größenverhältnisse übertragen wären von den knapp 18 Millionen Einwohnern Nordrhein-Westfalens etwa fünf Millionen auf der Flucht, rechnete der Vorsitzende der Migrationskommission der Deutschen Bischofskonferenz am Mittwoch in Fulda vor. "Das sind so viel wie alle Einwohner des Ruhrgebietes." Die deutschen katholischen Bischöfe befassten sich bei ihrer Herbstvollversammlung am Mittwoch mit der aktuellen Lage in Syrien. Dazu gehört vor allem auch die Frage, in welcher Situation sich die Flüchtlinge befinden und wie man ihnen helfen kann. Der zweite Vergleich, den Trelle zieht: Deutschland müsste 11 Millionen Flüchtlinge aufnehmen, "würden wir relativ zur Einwohnerzahl so viele Flüchtlinge ins Land lassen wie der Libanon". Das sagt er, um die inneren Spannungen in Syriens Nachbarstaaten zu verdeutlichen. Jene Staaten, die 97 Prozent der Bürgerkriegsflüchtlinge aufgenommen haben.

Trelle fordert mehr Akzeptanz für Flüchtlinge

Von der Bundesregierung fordert Trelle mehr Flüchtlinge aus Syrien aufzunehmen. Er möchte keine Zahl nennen, schon gar nicht 11 Millionen, erinnert aber an die vielen Iraker, die Deutschland vor zehn Jahren aufgenommen hatte: Die gebotene Höhe des Kontingents zu benennen, sei Aufgabe der Politik, so der Bischof. Die politische und gesellschaftliche Akzeptanz für die Aufnahme müsse wachsen, denn die aus ihrem Land geflohenen Syrer bedürfen Schutz. Er nennt das Beispiel Schweden, das sich "in beeindruckender Weise solidarisch" mit den Flüchtlingen zeige – und dafür auch von der Bevölkerung ein positives Echo erhalte. Die Syrer seien keine "Belastung", sondern oft gut ausgebildet und könnten vieles in die Aufnahmegesellschaft einbringen, so der für Migration zuständige Bischof.

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Die Bischöfe Norbert Trelle und Stephan Ackermann über die Lage in Syrien und ihre Forderungen an die Bundesregierung

Trelle regte ein "grundsätzliches Nachdenken über eine Neuausrichtung der europäischen Politik" zur Unterstützung der Nachbarstaaten Syriens und zu einer abgestimmten Aufnahme von Flüchtlingen in Europa an. Auch sein Trierer Kollege, Bischof Stephan Ackermann, befasst sich mit Syrien - insbesondere mit der internationalen Politik: "Die Unfähigkeit der internationalen Gemeinschaft, das Morden und den Krieg in Syrien zu unterbinden, ist beschämend, ja geradezu eine Schande", sagte der Vorsitzende der Deutschen Kommission Justitia et Pax zur Förderung von Entwicklung und Frieden. "Ist überhaupt jemand interessiert an einem Dialog oder soll der Konflikt in Syrien weitergehen, bis alle beteiligten Parteien ausgelaugt sind?", fragte er.

Man müsse auf einen international überwachten tragfähigen Waffenstillstand hinarbeiten, so Ackermann. Eine "vorsichtige Hoffnung" in den politischen Prozess sei durch die Verhandlungen zur Beseitigung der syrischen Chemiewaffen gekommen. Weiterhin müsse alles getan werden, damit es nicht zu einem Militärschlag komme. Diesen lehne die kirchliche Lehre ab, da es unkalkulierbare Risiken gebe und ein gerechter Friede nach einer Militäraktion ungewiss sei. Der Trierer Bischof schlug vor, den Internationalen Strafgerichtshof in die Strafverfolgung des Chemiewaffen-Einsatzes einzubeziehen. Gerade weil noch kein Konsens über die Verantwortlichen für dieses Verbrechen bestehe, würde dies die Bedeutung des Völkerrechts stärken, sagte Ackermann.

Geringe Spendenbereitschaft

Vor Journalisten unterstrichen Trelle und Ackermann, dass die Kirche allen Menschen in Syrien Hilfe zuteil kommen lasse und nicht die 10 Prozent der syrischen Christen bevorzuge. Nach den Worten von Oliver Müller, dem Leiter von Caritas international, führe dieser unparteiische Einsatz in mehrheitlich von Muslimen bewohnten Ländern zu einem positiven dialogischen Effekt. Müller bedauere, dass in Deutschland die Spendenbereitschaft relativ gering sei. Deutsche katholische Hilfswerke hätten bislang rund 13 Millionen für die Bürgerkriegsopfer in Syrien eingesetzt, hauptsächlich mit Geld vom Auswärtigen Amt und aus Kirchensteuermitteln. Private Spenden lägen bei 800.000 Euro, sagte Müller. Bischof Trelle äußerte sich jedoch hoffnungsvoll, dass die Hilfsbereitschaft nun wachsen werde, da die ersten Flüchtlinge in Deutschland angekommen seien und man dadurch auf ihr Leid aufmerksamer werde.

Agathe Lukassek