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Standpunkt

Die Kirche muss als Teil ihrer Mission politisch sein

Bischof Bätzing handelt sich Kritik ein, weil er den Angriff von Demonstranten auf den Reichstag verurteilt. Dabei sollte sich Kirche generell zu politischen Themen äußern, findet Christoph Paul Hartmann. Das habe direkt mit ihrer Botschaft zu tun.

Von Christoph Paul Hartmann |  Bonn - 02.09.2020

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Demonstranten durchbrechen am Samstag mit schwarz-weiß-roten Flaggen die Absperrung vor dem Reichstagsgebäude und rennen bis auf dessen Treppe, wo sie von der Polizei aufgehalten werden. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Georg Bätzing, findet das "inakzeptabel", solche "Entgleisungen" dürften nicht wieder vorkommen. Doch kaum meldet sich Bätzing zu Wort, folgt eine altbekannte Tirade: Die Kirche solle sich doch gefälligst um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern und sich lieber mit dem Glauben als mit Politik beschäftigen.

Diese Einschätzung der Lage ist grob falsch. Schon die Propheten des Alten Testaments haben öffentlich zu gesellschaftlichen und politischen Fragen ihrer Zeit Stellung bezogen, nicht zuletzt die Zehn Gebote sind ein klares (Glaubens-)Statement, das auch das Zusammenleben der Menschen regeln sollte. Jesus selbst hat mit seinem Handeln und entschiedenen Eintreten für Ausgestoßene, Arme und Kranke ein klares Zeugnis für die soziale Mission des Glaubens abgelegt.

In dieser Nachfolge sollte sich auch die Kirche sehen. Daran ist sie in der Vergangenheit oft gescheitert; etwa wenn sie die Arbeiter des 19. Jahrhunderts auf ihr Leben nach dem Tod vertröstet und sich selbst so zum Werkzeug eines neofeudalen Staatskapitalismus gemacht hat; oder wenn sie in der NS-Zeit nicht flächendeckend Widerstand geleistet und sich vielfach schlicht in die Strukturen gefügt hat.

Dieses Verhalten widerspricht der Botschaft Jesu, der betont hat: Das Reich Gottes beginnt nicht erst im Jenseits, sondern hier und heute mit jedem Einzelnen. Deswegen ist die Kirche dazu aufgerufen, ihre Stimme in den gesellschaftlichen Diskurs einzubringen.

Wenn es um den Zusammenhalt der Gesellschaft, Menschenrechte und Ethik geht, sollte die Kirche ohne das Versprechen scheinbar simpler Lösungen mit Sachverstand und theologischem Tiefgang ihre Argumente in die Diskussion einbringen – dadurch handelt sie authentisch, transparent und wahrnehmbar. Die Kirche ist eine von vielen Stimmen in unserer pluralistischen Gesellschaft – aber eine legitime und wichtige. Sie agiert klug, wenn sie als Teil der demokratischen Gesellschaft eben diese Stimme für ein Zusammenleben nach dem christlichen Menschenbild erhebt und so in der Nachfolge Jesu Flagge zeigt. Bei einem Angriff auf die Demokratie ist es deshalb die Plicht Bätzings, diese Fahne hochzuhalten.

Von Christoph Paul Hartmann

Der Autor

Christoph Paul Hartmann ist Redakteur bei katholisch.de.

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