Schachfigur
Standpunkt

Worum es Papst Franziskus in seiner neuen Enzyklika gehen dürfte

Corona mache die gesellschaftlichen Probleme noch deutlicher, findet Dominik Blum. Er fordert, dass angesichts der Krise noch mehr auf die Schwachen geachtet werden soll – und erwartet dazu auch eine eindringliche Erinnerung von Papst Franziskus.

Von Dominik Blum |  Bonn - 08.09.2020

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Die Corona-Pandemie ist keine "weltgeschichtliche Zäsur" (Heinz Bude) oder gar eine "Zeitenwende", wie Karlheinz Ruhstorfer in seinem lesenswerten Beitrag in der aktuellen Ausgabe der Herder Korrespondenz diagnostiziert. Vielmehr verdeutlicht sie wie ein Brennglas die gesellschaftlichen Probleme, die wir auch ohne Covid 19 haben. Das zeigt diese Begebenheit: Ein Kinobesuch am vergangenen Wochenende. Der Mann vor mir in der Schlange hat für sich und seinen Jungen, vielleicht sieben oder acht Jahre alt, die Tickets gekauft. Jetzt füllt er das umfangreiche Formular zu seinen persönlichen Daten aus. Als ich meine Karten ordern will, springt die Mitarbeiterin des Lichttheaters auf und läuft hinter dem Kinobesucher her, das Datenblatt in der Hand. Er habe da ja gar nichts Sinnvolles aufgeschrieben, sagt sie konsterniert, alles nur 'Gekrakel'. Widerwillig und leise schimpfend setzt der Mann sich nochmals hin. Als die junge Frau zurückkommt, werfe ich einen Blick auf das zweite Formular: Es ist wieder völlig unleserlich.

Sitzt da im Kino ein Corona-Leugner, der meint, das mit der Pandemie und den Infektionsketten wäre alles gar nicht so schlimm? Ist das ein Verschwörungstheoretiker, der sich weigert, im Kino und im Schnellimbiss seine Daten zu hinterlassen? Mag sein. Oder es ist ganz anders. Heute ist Weltalphabetisierungstag. Über 850 Millionen Menschen weltweit sind Analphabeten. Auch in Deutschland kann jeder siebte Erwachsene – das sind etwa 7,5 Millionen Frauen und Männer – so schlecht lesen und schreiben, dass er nur einzelne Wörter beherrscht, aber keine zusammenhängenden Texte versteht.

Diese Menschen verliert die Gesellschaft nicht erst in Zeiten der Corona-Pandemie, aber jetzt erst recht. Wer nicht lesen und schreiben kann ist gedemütigt und verunsichert, wenn er Formulare ausfüllen soll, um Pommes zu essen. Bildung ist ein Menschenrecht, lesen und schreiben zu können die entscheidende Voraussetzung dafür. Alphabetisierung hat mit Befreiung zu tun, ja mit Evangelisierung (Paulo Freire). Corona muss bewirken, dass alle Privilegierten, die diesen Text hier lesen können, noch mehr auf die Schwachen achten, die gerade den gesellschaftlichen Anschluss verpassen. Vermutlich geht es darum, wenn Papst Franziskus in seiner neuen Enzyklika "Fratelli tutti" alle Geschwister an ihre soziale Verantwortung und Solidarität angesichts von Corona erinnern will.

Von Dominik Blum

Der Autor

Dominik Blum ist Dozent für Theologie an der Katholischen Akademie in Stapelfeld.

Hinweis

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