Schachfigur
Standpunkt

Was der Papst und die Kanzlerin gemeinsam haben

Gibt es nach der Vergiftung Nawalnys Konsequenzen? Vor einer ähnlichen Entscheidung steht bezüglich des Abkommens mit China auch der Vatikan, findet Abtpräses Jeremias Schröder. Dabei müsste Papst Franziskus dafür sorgen, dass es überall Zugänge für die katholische Kirche gibt.

Von Jeremias Schröder OSB |  Bonn - 14.09.2020

In diesen Wochen haben Gesinnungsethiker Hochkonjunktur: Ist die Vergiftung Alexei Nawalnys ein guter Grund, um den Bau der Gaspipeline durch die Ostsee kurz vor Vollendung abzubrechen? Das Thema ist eine gründliche Diskussion wert, und die wird ja auch ernsthaft geführt.

Der Vatikan muss derzeit eine ähnliche Abwägung vornehmen. Das vor zwei Jahren mit der Volksrepublik China ausgehandelte Abkommen zur Ernennung von Bischöfen steht zur Erneuerung an. Gemäß diesem Geheimabkommen werden in einem komplizierten Verfahren Bischöfe ermittelt, die sowohl dem Staat wie auch dem Papst genehm sind. Ein paar Bischöfe sind auf diese Weise zustande gekommen, so weit man sehen kann ganz passable Männer.

Gleichzeitig gibt es aber genug üble Vorwürfe ans Reich der Mitte, die eine Beendigung des Experimentes rechtfertigen könnten: Uigurenverfolgung, Christenunterdrückung, Hongkong. In Taiwan, Hongkong und den USA wird deshalb kräftig gegen die Verlängerung des Abkommens opponiert.

Im Blick auf die Ostsee ebenso wie im Blick auf Peking ist die Versuchung groß, sehr verschiedenes miteinander zu verknüpfen, vor allem wenn die Themen sich internationaler Aufmerksamkeit erfreuen. Wenn man das konsequent durchziehen wollte, stünde man allerdings bald recht einsam auf der internationalen Bühne – zu viele wichtige internationale Akteure haben nicht gerade eine weiße Weste.

Für den Vatikan hat Papst Franziskus mit dem Stichwort "Feldlazarett" einen Weg gewiesen: Dieses Feldlazarett soll und muss überall präsent sein. Ähnlich wie das Rote Kreuz immer Zutritt haben soll, muss der Papst dafür sorgen, dass es auch in unwirtlichen Gegenden Zugänge für die katholische Kirche gibt. Dafür ist er ja mit der petrinischen Schlüsselvollmacht ausgestattet. So sehen das auch chinesische Katholiken: "Wenn es nicht losgeht, kann es auch nicht – besser – weitergehen", sagte mir ein kluger einheimischer Priester.

Die Bundesrepublik folgt einer Staatsräson, die sich eher an pragmatischen Erfordernissen als an lauter Symbolpolitik orientiert. Das entspricht dem Naturell der Kanzlerin, und wohl auch einem recht breiten Konsens im Land. Auch diese Pragmatik braucht einen ethischen Kompass, aber sie darf auf schwarzweiß gezeichnete Alternativen verzichten, selbst wenn die medientauglicher wären.

Von Jeremias Schröder OSB

Der Autor

Jeremias Schröder OSB ist Abtpräses der Benediktinerkongregation von St. Ottilien.

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