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Kirchenvolksbegehren: 25 Jahre Beharrlichkeit haben sich ausgezahlt

Vor 25 Jahren haben Katholiken in Deutschland damit begonnen, Unterschriften für ihre Reformvorhaben zu sammeln. Es sei an der Zeit, ihnen zu gratulieren, kommentiert Tilmann Kleinjung, denn dadurch habe sich das Klima in der Kirche verändert.

Von Tilmann Kleinjung |  Bonn - 17.09.2020

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Es ist Zeit, der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche" ein Kompliment auszusprechen. Für ihre Beharrlichkeit. Vor 25 Jahren haben die kritischen Katholikinnen und Katholiken begonnen, Unterschriften für ihre Reformforderungen zu sammeln. Zuerst in Österreich, wo der Umgang der Kirche mit dem Missbrauchsskandal rund um den Wiener Erzbischof Kardinal Groer die Menschen so erzürnte, dass sie ein Kirchenvolksbegehren starteten. Dann in Deutschland. Hier kamen 1,8 Millionen Unterschriften zusammen. Ein starkes Indiz dafür, dass schon 1995 viele in der katholischen Kirche Veränderungsbedarf sahen und sich für einen Abbau klerikaler Machtstrukturen, die Abschaffung des Pflicht-Zölibats und die Öffnung kirchlicher Ämter für Frauen aussprachen.

Natürlich, nicht jeder findet jede Forderung dieser katholischen Reformplattform gut. Manchmal nervt auch die plakative Art, mit der "Wir sind Kirche" ihre Positionen vertritt. Unbestritten ist aber, dass die Themen des Kirchenvolksbegehrens heute in der Mitte der katholischen Kirche in Deutschland angekommen sind. In den vier Foren des "Synodalen Wegs" diskutieren Bischöfe mit der Kirchenbasis offen über eine Reform der Sexualmoral oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Als 1995 die Basis auf die Barrikaden ging, reagierten Deutschlands Bischöfe ziemlich verstört. Im Archiv findet sich noch das schmallippige Statement des Mainzer Bischofs Karl Lehmann: Es herrsche "viel Verwirrung unter den Menschen". Und auch auf dem Katholikentag, dem Diskussionsforum des deutschen Katholizismus, fristeten die diskussionsfreudigen Katholiken von "Wir sind Kirche" lange Zeit nur ein Schattendasein und veranstalteten einen "KatholikInnentag von unten".

Heute gibt es ein Klima, in dem angstfrei diskutiert wird, in dem auch Bischöfe zugeben können, mit dieser oder jener Reformidee zu sympathisieren. Für diesen Klimawandel ist in erster Linie Papst Franziskus mit seiner Vision einer synodalen Kirche verantwortlich. Dazu kommt die Beharrlichkeit von Katholikinnen und Katholiken, die immer wieder den Finger in die Wunde legen, die trotz aller Zurückweisung in der Kirche bleiben. Dafür zum 25. Geburtstag ein großes Kompliment!

Von Tilmann Kleinjung

Der Autor

Tilmann Kleinjung ist Leiter der Redaktion Religion und Orientierung im Bayerischen Rundfunk (BR).

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