Schachfigur
Standpunkt

Faire Streitkultur statt mediale Schlammschlacht

Alle sollen eins sein, schrieb Jesus der Kirche ins Stammbuch. Bei den deutschen Bischöfen war zuletzt davon nicht mehr viel zu sehen, kommentiert Thomas Arnold. Strittiges könne und müsse man in der Kirche diskutieren – entscheidend sei der Rahmen.

Von Thomas Arnold |  Dresden - 24.09.2020

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Schon Johannes wusste es vor 2.000 Jahren: Alle sollen eins sein. Wenigstens nach Außen hatten die Bischöfe in Deutschland versucht, diesen biblischen Herzenswunsch aufrecht zu erhalten. Natürlich krachte es im Hintergrund. Aber nur selten, wie etwa bei der Schwangerenkonfliktberatung, blitzten Konflikte sicht- und spürbar auf.

Mag Vers 21 aus Kapitel 17 des Johannesevangeliums auch heute noch eine Gültigkeit besitzen, streitet die Bischofskonferenz seit wenigen Jahren auch in der Öffentlichkeit. Die Lager sind erkennbar. Liberal und konservativ werden zu ideologischen Kampfbegriffen, die kaum noch zum Dialog ermutigen. Nochmals zur Erinnerung: das Papier zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen, der Umgang mit der MHG-Studie, das mühsame Ringen um eine Synode, der Umgang mit den Frauen und Homosexuellen, Lob und Tadel für die Pfarreiinstruktion, die scheinbare Tendenz zur Nationalkirche – und jetzt das Ökumene-Papier. Die Distanz zwischen impulsiven Meinungs-Explosionen der verschiedenen Lager wird immer kürzer. Rom wird eingeschaltet oder schaltet sich – scheinbar wie von selbst – ein. Liebevoll kann dies als ein Vertreten des eigenen Standpunkts zugunsten der Wahrheit verstanden werden. Vielleicht ist es auch Artikulation eigener Verunsicherung innerhalb einer sich radikal verändernden Struktur, in der man merkt, dass man diese Veränderung kaum mehr selbst steuern kann. Was für eine Provokation, wenn die neue Distanz zu Kirche und Gott auch als Wirken des Heiligen Geistes verstanden wird.

Die letzten Monate sollten stattdessen aber als Warnung verstanden werden: Dieser Stil treibt den Vertrauensverlust voran, weil medial ausgetragene Schlammschlacht eben nicht die Sehnsucht nach Einheit ist.

Es geht nicht darum, Pseudo-Harmonie über alles zu kippen, um die Konfliktlinien zu verdecken statt sie zu bearbeiten. Aber wir können als Kirche nicht anderen Institutionen erzählen, wie sie den Zusammenhalt und das Miteinander durch Argumente zu lösen hätten, wenn wir es nicht selbst schaffen, wohlüberlegt und im richtigen Rahmen die Argumente nebeneinander zu legen und einen Konsens zu suchen. Es wäre Eigenwerbung, zu unterstreichen, dass die Akademien gerade in der jetzigen Situation die richtigen Orte wären. Wichtig ist, dass wir lernen, ehrlich aufeinander zu hören. Wer das zu Hause verfasste Statement nur vorträgt, hat nicht verstanden, dass jeder Dialog im Ernstnehmen der Position des Anderen beginnt. Wer dabei Angst vor einer Synodalisierung, Demokratisierung oder "Protestantisierung" des Katholischen hat, sei nicht nur daran erinnert, dass mit solchen Beschimpfungen jedes ökumenische Zeugnis angesichts der Herausforderungen des Christentums in Zeiten der Krankheit (Tomas Halik) schwer leidet. Sondern dem sei auch der Blick in die Kirchengeschichte empfohlen: "Die Wahrheit" war nicht selten Ergebnis eines Prozesses des Ringens. Natürlich dürfen auch die verschiedenen Positionen sichtbar sein. Entscheidend wird aber sein, wie wir auf dem Weg eine glaubwürdige und faire Streitkultur gestalten. Alle sollen eins sein – übersetzt in unsere Zeit. Den Startpunkt dafür könnten die Bischöfe in Deutschland mit ihrer Abreise aus Fulda setzen.

Von Thomas Arnold

Der Autor

Thomas Arnold ist Leiter der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen.

Hinweis

Der Standpunkt spiegelt nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von katholisch.de wider.