Pfarrer Rainer Schießler steht mit einem Mikrophon vor dem Altar
Bild: © KNA
Reportage in der ARD über Münchner Priester

Beliebt und angefeindet: Der "widerspenstige Pfarrer" Schießler

In einer Zeit, in der die Kirchenaustritte ansteigen, fällt ein Münchner Pfarrer aus dem Rahmen. Das Erste stellt ihn in einer sonntäglichen Reportage vor. Auch seine Lebensgefährtin kommt zu Wort – mit ihr lebt er in einer zölibatären Wohngemeinschaft.

Von Heide-Marie Göbbel (KNA) |  München - 04.10.2020

Die "Viecherlmesse" fand dieses Jahr im Freien statt. Rainer Maria Schießler, katholischer Pfarrer von Sankt Maximilian in München, ist eben flexibel. Er segnet Hunde, Schildkröten und Katzen coronabedingt vor der Kirchentür. "Der Pfarrer ist bekannt für seine medienwirksamen Auftritte, seine provozierenden Predigten und seinen direkten, unkonventionellen Stil", erzählt Daniela Agostini in der Reportage "Echtes Leben: Der widerspenstige Pfarrer". Er segne nicht nur Tiere, sondern auch geschiedene oder homosexuelle Paare und sei Tag und Nacht für seine Gemeinde erreichbar. Das Erste strahlt den Beitrag heute um 17.30 Uhr aus.

Zum Oktoberfest herrscht Betrieb im Pfarrhaus

Weil das Oktoberfest in diesem Jahr ausfällt, bedient der Pfarrer dort nicht im Bierzelt - wie sonst meist in den vergangenen Jahren. Er möchte mit den Leuten in Kontakt sein, begründet er den anstrengenden Zusatzjob, dessen Erlös an einen wohltätigen Zweck geht. Zur Wiesn beherbergt Schließler oft Hähnchenbrater und andere erschöpfte Saisonarbeiter im großen Pfarrhaus von Sankt Maximilian. Dann ist viel Betrieb im Haus - und der Pfarrer in seinem Element.

Das Oktoberfest fällt auch für Pfarrer Rainer Maria Schießler dieses Jahr aus.

Sein ungewöhnliches Lebensmodell begeistere viele Menschen; andere schockiere es, erzählt die Filmemacherin. Inzwischen habe Schießler eigens jemanden angestellt, der sich mit den Shitstorms befasse und die Hassmails sortiere, sagt Agostini. Sein Engagement mache ihn zum bekanntesten und beliebtesten Pfarrer der Stadt - beim Kirchenvolk, aber nicht unbedingt bei der Amtskirche.

Doch seine Prominenz, seine Beliebtheit und seine Authentizität schützten ihn, erklärt die Filmemacherin. Schließler selbst spricht von einer gewisse Zerrüttung zwischen ihm und der Amtskirche; unter heutigen Bedingungen würde er wohl nicht mehr zum Priester geweiht werden, meint er.

Schießler stammt aus der Pfarrei "Zu den heiligen Zwölf Aposteln" in München-Laim. Sein Entschluss, Priester zu werden, stand bereits nach dem Abitur fest. Dass er seine erste Stelle als Pfarrer ausgerechnet im Münchner Glockenbachviertel - einem der bekanntesten "Regenbogen"-Viertel Deutschlands - zugeteilt bekam, war für ihn unerwartet.

Seit 27 Jahren ist er nun dort Pfarrer und fest mit der Pfarrei und den Menschen im Viertel verbunden, erzählt Agostini. Hier könne er etwas bewirken und bekomme Anerkennung. Schießler habe immer raus zu den Leuten gewollt, zum Leben, zu seinen Wurzeln, bemerkt die Filmemacherin. Das sei für ihn offenbar der Weg zu Gott. Egal, was die Amtskirche dazu sage.

Auch die zölibatäre Wohngemeinschaft mit seiner Lebensgefährtin Gunda dürfte nicht jedem gefallen. Er lernte sie bei der Erstkommunion ihrer Tochter kennen und habe von Anfang an gesagt, dass er zölibatär mit ihr leben wolle: "Ich werde ein Leben leben, indem ich auf Familienbildung verzichte, das ist meine Geschichte, und ich möchte hinter dieser Geschichte nicht zurück", erklärt der Pfarrer selbstbewusst.

Ich bin wahnsinnig stolz, dass ich wirklich meinen Beruf gefunden habe und mich in diesem Beruf mit meinen ganzen Fähigkeiten, die ich habe, einbringen kann.

Zitat: Rainer Maria Schießler, katholischer Pfarrer

Dass er seinen Job aufgeben und als Religionslehrer oder Taxifahrer arbeiten könnte, sei nie ein Thema gewesen, weil ihn sein Beruf als Pfarrer total ausfülle, erklärt Gunda. "Und jetzt werden wir alt miteinander", ergänzt Schießler, der in Kürze seinen 60. Geburtstag feiert, "dann weiß man, dass der eine für den anderen da ist."

"Ob das jetzt anderen passt oder nicht, ist mir wurscht"

Die Kirche sei seine Heimat, begründet der Pfarrer seine Motivation für den Dienst in der Kirche. Er lebe für die Menschen und für die Botschaft, die er verkünden dürfe: "Ich bin wahnsinnig stolz, dass ich wirklich meinen Beruf gefunden habe und mich in diesem Beruf mit meinen ganzen Fähigkeiten, die ich habe, einbringen kann. Ob das jetzt anderen passt oder nicht, ist mir wurscht, aber ich kann mich einbringen. Und das ist der Glut-Kern meines täglichen Lebens."

Mit viel Geduld und Sensibilität folgt die Filmemacherin dem umtriebigen Pfarrer durch sein Viertel, begleitet ihn beim Gottesdienst und zeigt ihn im Gespräch mit Gemeindemitgliedern. So entstand ein buntes und vielseitiges Porträt. Das BR-Fernsehen strahlt es einen Tag später um 22.00 Uhr in einer etwas längeren Fassung auch in der Reihe "Lebenslinien" aus.

Von Heide-Marie Göbbel (KNA)