SPD-Kanzlerkandidat hatte sich als "nicht reich" bezeichnet

Sozialethiker: Reichtums-Spruch von Olaf Scholz falsch und irreführend

Aktualisiert am 07.10.2020  –  Lesedauer: 

Berlin ‐ Mit Aussagen zu seinen persönlichen Vermögensverhältnissen sorgt Bundesfinanzminister Olaf Scholz für Diskussionen. Gegenüber katholisch.de äußerte am Mittwoch auch der katholische Sozialethiker Andreas Lob-Hüdepohl deutlich sein Unverständnis.

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Der Berliner Sozialethiker Andreas Lob-Hüdepohl hat die finanzielle Selbsteinschätzung von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) kritisiert. "Dass Herr Scholz sich nicht als reich empfindet, ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. Objektiv ist die Aussage definitiv falsch und irreführend und vielleicht sogar seltsam dem gewöhnlichen Alltag entrückt", sagte Lob-Hüdepohl am Mittwoch auf Anfrage von katholisch.de. Der Finanzminister sei "mindestens einkommensreich – und zwar keinesfalls prekär, sondern stabil einkommensreich".

"Ich verdiene ganz gut, als reich würde ich mich nicht empfinden."

Scholz hatte am Sonntag in einem ARD-Interview gesagt: "Ich verdiene ganz gut, als reich würde ich mich nicht empfinden." Daraufhin war in den sozialen Netzwerken eine Debatte über die Aussage entbrannt. Viele Nutzer empörten sich über die Selbsteinschätzung des SPD-Kanzlerkandidaten, der laut offiziellen Zahlen als Bundesminister mehr als 15.000 Euro im Monat verdient. Aus Sicht vieler Kommentatoren sei der Politiker deshalb durchaus als reich zu bezeichnen. Scholz selbst reagierte am Dienstag bei Twitter auf die Diskussion, indem er klarstellte: "Als Vizekanzler gehöre ich zu den Sehrgut-Verdienern in unserem Land – jede/r kann nachlesen, wie gut." Zugleich betonte er, dass er sich für höhere Steuersätze für Spitzenverdiener einsetzen wolle – "also auch für mich. Weil es gerecht ist. Dafür stehe ich als Kanzlerkandidat."

Lob-Hüdepohl, der an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen in Berlin lehrt und seit 2016 auch Mitglied des Deutschen Ethikrats ist, betonte mit Blick auf Scholz' Selbsteinschätzung seiner Vermögensverhältnisse, dass es der ehemalige Arbeits- und Sozialminister eigentlich besser wissen müsse: "Denn auch er hat während seiner Amtszeit den offiziellen Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung verantwortet. Diese regelmäßige offizielle Berichterstattung definiert bis heute die Grenze etwa zum Einkommensreichtum." Demnach sei jemand reich, wenn er über mehr als das Doppelte des durchschnittlichen Nettoäquivalenzeinkommen verfüge. Dieser Wert liege derzeit bei rund 4.000 Euro. "Selbst wenn man bei Herrn Scholz den Höchststeuersatz von 46 Prozent ansetzt, behält er netto also immer noch knapp 10.000 Euro", erklärte Lob-Hüdepohl.

Lob-Hüdepohl: Lebenszufriedenheit hängt nicht vom Einkommen ab

Der Theologe betonte weiter, dass Scholz auch mit Blick auf den Lebenslagenreichtum als reich zu bewerten sei. "Hier zählen nicht nur Einkommen und Vermögen, sondern auch viele andere Faktoren – etwa Wohnsituation, gesundheitliche Absicherung, soziale Kontakte und nicht zuletzt hohe private wie berufliche Gestaltungsmöglichkeit", so Lob-Hüdepohl. Zwar kenne er Olaf Scholz nicht privat und könne deshalb auch keine Aussage über seine privaten Kontakte und Gestaltungsmöglichkeiten treffen: "Beruflich aber gehört er sicherlich zu den Personen, die über ein Höchstmaß der genannten Reichtumsfaktoren verfügen. Auch darin dürfte er objektiv zu den sehr reichen Personen gehören."

Lob-Hüdepohl äußerte die Vermutung, dass Scholz bei seiner Aussage vielleicht an andere, subjektive Faktoren gedacht habe, etwa an Lebensfreude und Lebenszufriedenheit. "Und da wissen wir gerade als Christinnen und Christen, dass diese Faktoren keinesfalls vom Einkommens- oder Lebenslagenreichtum abhängen", so der Sozialethiker. Manchmal habe man den Eindruck, dass eher das Gegenteil der Fall sei: "Gerade die Übersatten leiden oftmals an einem Hunger spiritueller Erquickung. Solchen Reichtum kann man nicht erwerben." (stz)