Hildesheimer Dom
Serie: Deutschland, deine Kathedralen – Teil 13

Hildesheimer Dom: Weltkulturerbe mit legendärem Ursprung

Nur wenige deutsche Bischofskirchen können von sich behaupten, zum Weltkulturerbe der Unesco zu gehören – eine von ihnen ist der Hildesheimer Dom. Das Gotteshaus blickt auf eine lange Geschichte zurück, die einst mit einem Rosenstock begonnen haben soll.

Von Roland Müller |  Hildesheim - 17.10.2020

Die Ursprünge des Hildesheimer Doms sind legendär: Im Jahr 815 soll Kaiser Ludwig der Fromme, Sohn und Nachfolger Karls des Großen, bei einem Jagdausflug ein Marienreliquiar verloren haben. Nach einigem Suchen fand er es schließlich an einem Rosenstrauch hängend wieder und erkannte darin den Willen Gottes, an dieser Stelle eine Kapelle errichten zu lassen. Eine andere Version der Legende erzählt von einer Messe, die der Kaiser während einer Jagd mitten im Wald lesen ließ. Zu diesem Zeck wurde das Reliquiar an einem Rosengebüsch befestigt. Als er das heilige Kleinod später nicht mehr von der Pflanze lösen könnte, entschied er sich, an dieser Stelle ein Gotteshaus zu Ehren der Jungfrau Maria zu errichten und ein Bistum unter ihrem Patronat zu gründen.

"Tausendjähriger Rosenstock" lockt zahlreiche Besucher an

Wie auch immer sich die Geschichte abgespielt haben mag, die Anfang des 9. Jahrhunderts gebaute Marienkapelle ist die Keimzelle des Mariendoms und des Bistums Hildesheim. Sie befand sich im Bereich der Apsis des heutigen Kirchengebäudes. An dieser Stelle steht noch heute der sogenannte "Tausendjährige Rosenstock", der ein zentrales Element der Hildesheimer Gründungslegende ist und jedes Jahr im Mai zahlreiche Besucher anlockt, die die Blüte der Heckenrose bewundern. Anders als der Name des Rosenstocks nahelegt, ist die Pflanze wahrscheinlich 700 Jahre alt und gilt manchen Experten als ältester lebender Rosenstock der Welt.

Ludwig der Fromme wollte mit der Bistumsgründung in Hildesheim die Christianisierung Norddeutschlands vorantreiben. Da war es nur folgerichtig, dass die Kapelle rund 50 Jahre nach ihrem Bau von Bischof Altfrid zu einem dreischiffigen Dom mit Kreuzgrundriss vergrößert wurde. Um 1015 ließ Bischof Bernward seine Kathedrale mit Kunstschätzen ausstatten. Bis heute trägt die bronzene Bernwardtür im Westwerk zum Weltruhm des Hildesheimer Doms bei.

Normalerweise ist die Bernwardstür nicht geöffnet. Doch wenn sich ihre Tore auseinanderschieben, geben sie den Blick in das Innere des Mariendoms frei.

Die beiden über vier Meter hohen Türflügel gelten als erster Erzählzyklus der bildenden Kunst auf deutschem Boden. Die jeweils fast zwei Tonnen schweren Türflügel erzählen die Geschehnisse aus dem Buch Genesis von der Erschaffung Adams und Evas über den Sündenfall bis zum Brudermord von Kain an Abel. Auf dem zweiten Türflügel wird als theologisches Gegenprogramm das Leben Jesu von der Verkündigung an Maria über die Kreuzigung Jesu bis zu seiner Himmelfahrt erzählt. Die Bernwardtür bildet so in künstlerisch beeindruckender Ausführung und Komposition die Geschichte der Sünde ab: ihr Wirken in der Urzeit und der Sieg über sie durch Jesus Christus.

Ein weiterer Höhepunkt ottonischer Kunst, der sich im Hildesheimer Dom befindet, ist die Christussäule aus dem Jahr 1020. Auch sie stammt aus der Zeit Bernwards und bildet das Leben Jesu von der Taufe im Jordan bis zum Einzug in Jerusalem ab. Sie orientiert sich an der antiken Trajans- und der Marc-Aurel-Säule in Rom, auf denen die Kriegstaten der Kaiser dargestellt wurden. Diese Ehrensäule für Jesus Christus bildet die Friedenstaten des Gottessohnes ab, die chronologisch sich nach oben windend plastisch gezeigt werden. Die knapp vier Meter hohe Bronzesäule war ursprünglich für die Michaeliskirche in Hildesheim geschaffen worden, in der sich Bischof Bernwards Grab befindet. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde sie für einige Jahrzehnte auf dem Domhof aufgestellt und fand 1893 schließlich ihren Platz im Dom.

Quasi-Neubau nach zweitem Weltkrieg

Im Jahr 1046 brennt die Stadt Hildesheim, und auch der Dom wird von den Flammen nicht verschont. In der Folge wird das schwer beschädigte Langhaus abgetragen und der Dom auf den alten Grundmauern in romanischer Bauweise wiedererrichtet. Aus gotischer Zeit stammen die Seitenkapellen an der Nord- und Südseite, aus dem Barock die reiche Innenausstattung, die im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde. Mitte des 19. Jahrhunderts ersetzte man das baufällig gewordene Westwerk durch eine neuromanische Doppelturmfront, die bis 1945 bestand. Durch die Bombenangriffe im Weltkrieg wurde der Dom sehr stark beschädigt und musste als einzige deutsche Kathedrale neu geweiht werden.

In den nachfolgenden Jahrzehnten wurde der Dom in vereinfachter Form wiederaufgebaut. Dabei entschied man sich zu einer Rückbesinnung auf frühromanische Formen. So wurden etwa die Türme der Westfront durch einen Neubau ersetzt, der sich am Westriegel des Doms zu Minden orientierte, der einst in Anlehnung an den Hildesheimer Dom konzipiert worden war. Die Arbeiten wurden vom sogenannten "Hildesheimer Dombaustreit" verzögert. Weil sich das Land Niedersachsen und das Bistum Hildesheim bezüglich der Übernahme der Kosten für den Wiederaufbau uneinig waren, wurde der Dom erst 1960 fertiggestellt.

Aus dem Kreuzgang des Hildesheimer Doms hat man einen guten Blick auf die Annenkapelle (rechts) und die Apsis der Kathedrale mit dem "Tausendjährigen Rosenstock" (links).

Von 2010 bis 2014 war der Dom für eine umfangreiche Sanierung komplett geschlossen. Neben Arbeiten zum Erhalt des Kirchenbaus wurden auch gestalterische Veränderungen vorgenommen: Der Fußboden wurde auf das ursprüngliche Niveau herabgesenkt, der berühmte Heziloleuchter, einer der wenigen Radleuchter der deutschen Romanik, erhielt seinen Platz im Langhaus zurück und eine Bischofsgruft in der Krypta wurde geschaffen. Auch der große Kreuzgang mit der Annenkapelle wurde restauriert und beherbergt in einem Teil nun das Diözesanmuseum. Die feierliche Wiedereröffnung des Doms fand als Eröffnung des 1.200-jährigen Bistumsjubiläum Hildesheims statt, das 2015 gefeiert wurde. Bis dahin war der Hildesheimer Dom die größte Kirchenbaustelle in Deutschland.

Der Dom gehört mit der Michaeliskirche und der Bernwardtür sowie der Christussäule seit 1985 zum Weltkulturerbe der Unesco. Das architektonisch-künstlerische Ensemble ist nach Ansicht der Kulturorganisation der Vereinten Nationen ein "außergewöhnliches Zeugnis religiöser Kunst im Heiligen Römischen Reich". Doch neben ihren Kunstschätzen, der Blüte des "Tausendjährigen Rosenstocks" und der Feier der Liturgie hat die Hildesheimer Bischofskirche noch einen weiteren Besuchermagnet: In den vergangenen Jahren haben immer wieder Uhus im Westwerk des Doms genistet. Zeitweise konnten die Eltern und ihr Nachwuchs sogar durch eine Webcam beobachtet werden, sehr zur Freude der Tierfreunde unter den Gläubigen des Bistums Hildesheim. Auch in diesem Jahr sind wieder drei Jungvögel im Dom geschlüpft. 

Von Roland Müller